Home is where the story is

von Tim Schomacker

Bremen, 17. September 2015. Die Auslegeware ist weiß und schlägt Wellen. Im Schatten entstehen Muster, die sich nicht eindeutig lesen lassen. Außer dass hier eine Filmleinwand gleichsam aus der Frontale gehoben, eine Projektionsfläche aus den Fugen geraten ist. Sicher kein Zufall, schließlich handelt es sich beim Plot- und Textgeber des Abends mit David Cronenberg um den kanadischen Filmemacher, der quasi im Alleingang sein eigenes Genre schuf: den Body-Horror-Streifen an der Nahtstelle von Splatter und Diskurstheorie. 2014 erst erschien Cronenbergs Debütroman "Consumed", den Felix Rothenhäusler nun für die Bühne eingerichtet hat.

Der Text kreist um ein zwischen glamourösem Journalisten-Jet-Set und prekärem Photostoryunterbringungsversuch lebendes (und einander auf weltumspannenden Reisen nur gelegentlich in einem Flughafenhotel sehendes, sprechendes und liebendes) Pärchen. Nathan, dem Robin Sondermann eine hektische Schnarrigkeit eingibt, trägt von einem Techtelmechtel mit einer slowenischen Brustkrebspatientin, die er in einer fragwürdigen Budapester Klinik ablichtet, eine Geschlechtskrankheit davon. Woraufhin er nach Toronto reist, um eine Story zu machen über den (fiktiven) Namensgeber der (fiktiven, aber immanent äußerst schmerzhaften) Krankheit, Dr. Barry Roiphe.

Einander zerstückelnde Philosophen

Beim Zwischenstopp im Hilton des Amsterdamer Flughafens Schipol steckt er seine Freundin Naomi an. Annemaaike Bakkers Naomi kommt dabei deutlich ruhiger daher, agiert das gemeinsame Staunen über die Welt, beider trüffelschweinsicheres Gespür für körperbetonte biographische Brüche gelassener aus. Macht auch aus beider Obsession für ihre Arbeitsgerätschaften eine zärtlichere Angelegenheit als Nathan.

Verzehrt1 560 Joerg Landsberg uMatthias Krieg, Annemaaike Bakker, Siegfried W. Maschek © Jörg Landsberg

Naomi ist, aus Paris kommend, auf dem Weg nach Tokio, wo sie ein exklusives Treffen mit dem französischen Philosophen Aristide Arosteguy vereinbart hat, der – zurecht, wie sich herausstellt – verdächtigt wird, seine Frau Célestine, ebenfalls Philosophin des akademischen Hochadels, getötet, zerstückelt und teilweise verspeist zu haben.

Schwarz-weiße Bildbeschwörung

Rothenhäusler versucht erst gar nicht, den Detailreichtum, die diversen Schauplatzwechsel, die verschiedenen Kommunikationswege unmittelbar zu illustrieren. Konsequent ist kein einziges Bild zu sehen, hier, wo es permanent um Bilder geht: Solche, die im Netz verfügbar sind, solche, die am OP-Tisch oder in der Wohnung der Toten entstehen, solche, die sich bei den Recherchen ergeben. Bilder ebenso wie die Affekte der sie Betrachtenden werden stattdessen gleichsam hineingehängt in Gesprächskonstellationen. Begleitet von Matthias Kriegs sehr aufmerksam auf Gitarre und Schlagzeug getupften Improvisationen mit Postrock-Partikeln.

Meist sprechen die Figuren ziemlich weit voneinander entfernt im schwarzweißneutralen Bühnenraum stehend miteinander, übereinander oder gleich ganz mit sich selbst. Die Schauspieler*innen agieren mit bemerkenswert wenig Nuancierung in Sprechschattierungen und Gesten. Es entsteht ein diskursives Geflecht, als dessen Knotenpunkte Groß-Begriffe wie Tod, Krankheit, Sexualität, Normalität, Blick, Begehren matt glänzen und in einigen wenigen Momenten hell aufleuchten: etwa wenn Nadine Geyersbach als Nathans krebsdurchdrungenes Budapester OP-"Model" Dunja mit bestürzend kristallinem Stimmchen darüber nachdenkt, ob sich nicht auch eine sexy Krebs-Ästhetik begründen lasse, wegen der sich Frauen weltweit künstliche Geschwulste implantieren lassen würden, um die eigene Attraktivität zu steigern.

Verzehrt (Consumed)
nach dem Roman von David Cronenberg
für die Bühne bearbeitet von Felix Rothenhäusler und Marianne Seidler
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne und Kostüme: Josa Marx, Musik: Matthias Krieg, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Marianne Seidler.
Mit: Annemaaike Bakker, Nadine Geyersbach, Matthias Krieg, Carola Marschhausen, Siegfried W. Maschek, Justus Ritter, Robin Sondermann, Matthieu Svetchine.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Der eher reißerisch spekulative denn sinnlich-intellektuell abgründige Text taugt als Kritik aktuell gefährlicher Liebschaften kaum", urteilt Jens Fischer in der taz (19.9.2015). Regisseur Felix Rothenhäusler "inszeniert eine rotierende, sprechende Installation, die den tranceartig um sich selbst kreiselnden Zustand, im Eis der Emotionen von fleischlich verorteter Lust zu träumen, meisterlich trifft. Wer das brutal konsequent durchgezogene Regie-Konzept aber nach fünf Minuten verstanden hat, wird in den folgenden anderthalb Stunden nichts Überraschendes mehr erleben. Die Akteure agieren in der konzentrierten, prekär ruhigen Produktion zum Niederknien präzise – latexglatt an der Schnittstelle von Mensch und Maschine."

Johannes Bruggaier von der Kreiszeitung (18.9.2015) sieht diesen Abend als Neuerzählung und "Vertiefung" der früheren Buchadaption "Schimmernder Dunst über Coby County“ ebenfalls von Felix Rothenhäusler am Theater Bremen. "Glücklich verläuft sie vor allem dort, wo Rothenhäusler seinen Figuren Widersprüchlichkeit und Unsicherheit gönnt."

Skandalinszenierung? Gar nicht: "Intellektuelle Exerzitien für Feinschmecker, die sich diesem Stof aussetzen wollen", findet Iris Hetscher im Weser Kurier (19.9.2015). Die fast unerträglichen Spannungen löse Rothenhäusler durch feine Ironie auf, "die die Vorlage auch bietet und die er ins abgründig Komische steigert".

"Eine anstrengende Inszenierung – wenn die einzige Aktion in eineinhalb Stunden darin besteht, dass jemand sich die Schuhe auszieht, ansonsten alle meistens stillstehen und wie ferngesteuert miteinander reden. Die Dialoge über Kameras oder Körperflüssigkeiten erschöpfen sich schnell.“ So resümiert Christine Gorny für Radio Bremen (19.9.2015).

 

 
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