Das Herz verwanzt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. September 2015. Eine Frau lebt in Angst und Überwachung. Sie lebt "in dem anderen Land". Als ihr Ausreiseantrag endlich bewilligt wird, reist sie nach Deutschland. Doch dort, "im neuen Land" findet sie keine Ruhe, keine Heimat. Dort wird sie immer wieder eingeholt von den Blicken des Diktators. "Er schaute Irene an."

Irene ist die Protagonistin in Herta Müllers "Reisende auf einem Bein". Irene ist aus dem Rumänien der 1980er-Jahre geflohen, aus der Diktatur Ceaușescus. Der kommunistische Führer heißt in Müllers Erzählung stets nur "der Diktator". Da fällt kein Name, und doch bleibt es mehr als eine Andeutung. Da werden keine vollständigen Szenen beschrieben, und doch öffnen sich unzählige Geschichten. Da werden keine Grenzen gezogen zwischen Traum und Wirklichkeit, vielmehr schafft sich eine universale Orientierungslosigkeit Raum.

Heimatlosigkeit und das Trauma der Überwachung

Katie Mitchell hat mit "Reisende auf einem Bein" die Spielzeit am Hamburger Schauspielhaus eröffnet. In ihrer Live-Film-Methode, für die sie berühmt geworden ist, die sie in vorherigen Arbeiten am Schauspielhaus aber nicht anwendete (Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino / 2071 / Glückliche Tage). Die Fassung, die die Regisseurin gemeinsam mit der Dramaturgin Rita Thiele erstellt hat, basiert auf zentralen Motiven der titelgebenden Erzählung und auf einigen aus Müllers Roman "Herztier" (1993).

Die Schauspielhaus-Fassung behält Irene als Hauptfigur, ihre Ausreise und ihr Nicht-Ankommen, ihr Leben im Übergang, ihre Heimatlosigkeit, ihr Hinübergleiten von einem Kontrollsystem ins nächste. Und sie steigert Irenes Angst, ihr Trauma des Überwachtseins. An diesem Abend – wie in der Erzählung – begegnen, nein vielmehr fokussieren Irene nur wenige Menschen. Das sind vor allem Menschen aus Bürokratie und Diktatur, darunter Sachbearbeiter (Achim Buch), Vernehmer des BND (Paul Herwig) und Hauptmann Pjile (Michaell Prelle), aber auch ein paar, vermeintliche Freunde: Dana (Ruth-Marie Kröger) und Franz (Phlipp Hauß).

Reisende 560 StephenCummiskey uWie in Klein-Babelsberg. In Nahaufnahme auf der Leinwand: Julia Wieninger
© Stephen Cummiskey

Julia Wieninger spielt Irene. Sie spielt sie traumatisiert, irritiert und massiv nach innen gewandt. Suchend, wühlend, fliehend. So, als wäre diese Figur ihrer Seele beraubt, als wäre nurmehr die Angst ihr Pulsschlag, als wäre selbst ihr Herz verwanzt. Mit wenigen Worten, angstvollen Augen und oft weggeduckt gibt Wieninger ihrer Figur eine so überzeugende, teilnahmslose Härte, dass sie dem Zuschauer fast unsympathisch wird. Alles ist Argwohn in ihrem Gesicht und dieses wiederum ist ganz groß und nah: auf eine riesige Leinwand projiziert.

Das ABC der Illusionen

Als komplexes Live-Film-Set inszeniert Mitchell den Abend und hat sich dafür von Alex Eales ein Klein-Babelsberg entwerfen lassen. Seine verschachtelt angeordneten Kleinsträume werden aus verschiedenen Kameraperspektiven so geschickt eingefangen, dass sie auf der Leinwand eine (Film-)Realität herstellen. Gut eineinhalb Stunden lang liefern zwei Dutzend Techniker unsichtbare Hochleistungslogistik und präsentieren das ABC der Illusionen: Ein Fenster mit Aussicht wird zum Hotelzimmer am Meer, ein gemauerter Raum zur Verhörzelle in Rumänien, ein paar Pappwände mitsamt Tapete machen eine Wohnung, eine Sitzbank und Zugrauschen eine U-Bahn-Station, ein paar Hausfassaden einen trostlosen Innenhof. Mitchell lässt ihre Schauspieler vor Kulissen und Kameras agieren und wirft live die schwarzweißen Nahaufnahmen auf die Leinwand. Die Nichtfarbigkeit gibt ihrer Inszenierung einen ästhetisch überzeugenden Grundton, verweist aber auch auf längst vergangene Zeiten.

Reisende2 560 StephenCummiskey uDurch eine ockerfarbene Vergangenheit: Julia Wieninger und Ruth Marie Kröger
© Stephen Cummiskey

Ist man zu Beginn des Abends noch damit beschäftigt, herauszufinden, welche Kamera den Schuss, welche den Gegenschuss aufnimmt und hinter welcher Tür sich die Badewanne befinden mag, und wie sich die Kulisse für die Flugzeugszene herstellt, taucht man bald ganz ein in den mit allen Mitteln der Kunst nun durchrauschenden Spielfilm. Die Geschichte, die sich auf der Leinwand abspielt, erzählt von Doppelmoral und Freundschaftsmissbrauch, von Liebe, Verfolgung und Abhörgeräten.

Mit den richtigen Kameraeinstellungen und vor allem mit durchgängigen, Spannung verheißenden Sounds unterlegt (designed von Donato Wharton & Melanie Wilson), mutiert Irenes Geschichte bald zum Thriller, zum Thriller in Zeiten der Nachrichtendienste. Eine Lesart, die den Abend – mit seinen filmreifen Darstellern – zwar kurzweilig, aber recht eindimensional macht. Tatsächlich ist dann die Kamera (Sebastian Pirchner, Christin Wilke) der heimliche Hauptdarsteller des Abends. Und das im Theater? Und das im Theater.

 

Reisende auf einem Bein
nach Herta Müller
Fassung von Katie Mitchell und Rita Thiele
Regie: Katie Mitchell, Regiemitarbeit: Lily McLeish, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Laura Hopkins, Licht: Jack Knowles, Sound Design: Melanie Wilson, Donato Wharton, Videoregie: Grant Gee, Videodesign: Ingi Bekk, Live-Kamera: Sebastian Pircher (impulskontrolle), Christin Wilke, Komposition: Paul Clark, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Achim Buch, Philipp Hauß, Paul Herwig, Josefine Israel, Ruth Marie Kröger, Michael Prelle, Julia Wieninger.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de



Mehr über die Live-Filmarbeiten von Katie Mitchell lesen Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Michael Laages schreibt auf der Website von Deutschlandradio Kultur (18.9.2015): Kein Stück sei hier aus den "abenteuerlich montierten Szenen des Buches" destilliert worden, eher eine Art "Video-work in Progress". Die Zuschauer seien eingeladen, die "Herstellung von Bildern, Räumen und Perspektiven mit zu entschlüsseln". Nicht mehr überraschend für diejenigen, die diese "grandiose Handwerkstechnik" zum wiederholten Male sähen. Aber für diesen Stoff passe diese "Kälte, diese völlige Entfremdung". Allerdings: weil "nur für die Kamera gespielt" werde, bleibe - trotz Julia Wieningers "großen, angstvollen Augen", die das Grauen evozierten - die Geschichte "merkwürdig kalt" und "fremd".

Auch Anke Dürr versprüht auf Spiegel Online (19.9.2015) nicht die pure Begeisterung: In der Inszenierung gehe es um "Überwachung, Misstrauen und Verrat". Die Fassung von Katie Mitchell und ihrer Dramaturgin Rita Thiele sei eine "Verschränkung von 'Reisende auf einem Bein' mit Motiven verschiedenen Werken Herta Müllers. Es gehe nicht um Stimmungen, sondern um die Story, das fühle sich "falsch" an. Der erstaunlich "konventionelle" Live-Film, dessen "Bilder im Moment ihres Entstehens schon wieder gelöscht werden", verweise auf das "Grundprinzip des Theaters", auch passe die Technik zu einem Stück, in dem es um Überwachung geht. Auch die Musik sage immerzu: "Achtung, hier stimmt was nicht." Der Zwang, Bilder für Herta Müllers unbeugsame, starke Sprache zu finden, ende oft in Dopplungen, manchmal im Kitsch.

Dirk Pilz schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (21.9.2015): Das seinem "Überwältigungswillen" verpflichtete "Hochleistungstheater" der Katie Mitchell sei natürlich "staunenswert". Stets unbefragt blieben die "Hierarchien": oben das Kino, dem die Bühne darunter als Bildlieferant dient. "Reisende auf einem Bein" sei ein Abend über die "eigensinnige Macht der Bilder". Herta Müllers Text-Vorlagen würden auf eine "gefühlsduselige Story eingedampft". Ausstattung, Musik, Spielweisen seien einem "naiven Realismus" verpflichtet, ein "Biopic", "bestens zur planen Identifikation geeignet". Alles werde "ausbuchstabiert, illustriert, psychologisch heruntergebrochen und durch die Kamera weder verfremdet noch verwandelt, sondern niedlich gemacht, handhabbar". Herta Müller erzähle von Angst, "Katie Mitchell von ihrer technischen Beherrschbarkeit".

Frauke Hartmann schreibt in der Frankfurter Rundschau (21.9.2015): Die frühen Romane von Herta Müller seien ein "kongenialer Stoff" für die "Videoperformances" von Katie Mitchell. Die "naturalistisch genaue" Arbeit sei vor allem eine "Reise ins Innere" ihrer Heldin Irene. Julia Wieninger könne ihr Gesicht "in eine Mauer verwandeln". Alex Eales’ Bühne unterliege der "lückenlosen Überwachung" durch die Kameras: "das wovon die Inszenierung erzählt, ist sie selbst". Dieser großartige Abend, dieses "Theater noir vom Ende des Kalten Krieges" verwandele den fremden Blick Müllers, der "aus dem Fenster des Ichs in eine verschlossene Welt fällt, in einen doppelten Blick und wirft ihn zurück".

Stefan Grund schreibt in der Welt (21.9.2015), Mitchell habe die Uraufführung "sensationell experimentell und gelungen" in Szene gesetzt. Sie habe das Theater "noch einmal ganz neu erfunden", indem sie das Ensemble komplett mit digitaler Filmtechnik umzingele und "das Drama in bester Spielfilmlänge von 90 Minuten auf die Leinwand" bringe. So konsequent sei das "digital erzeugte Bild noch nie im Theater genutzt" worden. Grandioser Mittelpunkt dieser Live-Performance sei Julia Wieninger, sie spiele sich "die Seele aus dem Leib", Wieniger sei "jeder Flüchtling zu jeder Zeit". Die Schwarz-Weiß-Ästhetik des Kalten Krieges erinnere "an eine Mischung aus Fassbinder-Filmen und Fernsehproduktionen wie 'Der Kommissar' mit Erik Ode". Der Film komme "ohne Schnitt und Nachvertonung" aus. Mitchell erschließe eine Möglichkeit, "Texte wie die poetische Prosa Müllers theatertauglich zu machen".

Irene Bazinger schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.9.2015): Katie Mitchells "Regiemasche" bestehe darin, "mit mehreren Kameras und ungeheurem, sündteurem Aufwand aus einer Theateraufführung eine Art von Live-Film zu machen". Das Publikum wohne einer "multimedialen Materialschlacht bei", bei der wohl gesprochen, jedoch nicht Theater gespielt werde. Die Zuschauer sähen ausschließlich auf Leinwänden, "was doch eigentlich vor ihrer Nase geschieht, indes kaum zu dechiffrieren ist". Weil die Schauspieler und die Kameraleute andauernd hin- und herflitzen würden. Weshalb sich Mitchells Inszenierungen meistens ähnelten. Die Problematik von Müllers Geschichte sei "vielschichtig und verändert sich immer wieder". Bei Katie Mitchell hingegen sei die Sache "glasklar": "Arme, arme Frau!" Von der "sprachlichen Brillanz der Autorin" blieben höchstens "Spurenelemente" übrig. Dafür rieche es bald nach "leicht säuerlichem Kitsch". Die Vorlage sei "grob zurechtgehauen", die Schauspielerinnen sehe man nicht. Das sei gegen Text und Spieler "himmelschreiend ungerecht". Mitchell missverstehe Brechts V-Effekt als "Video-Effekt und Larmoyanzbeschleuniger". Eine "hochgerüstete Theateraustreibung".

"Katie Mitchell geht es um die Bühnenrekonstruktion jenes misstrauischen Klimas, das Diktaturen gezielt unter ihren Bürgern verbreiten, das diese irgendwann zwangsläufig verinnerlichen und mit dem sie auch als Geflüchtete fernab der Heimat in paranoider Angst vor Verfolgung gehalten werden können", erklärt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (23.9.15). Obwohl Schauspieler und Kameraleute ständig hektisch hin und her rännten zwischen den Schauplätzen des Filmtheaters, füge der groß projizierte Gesamtfilm die Dreharbeiten zu "einem kompakten Stück dokumentarischer Erinnerungsarbeit", so Briegleb, "das abseits der gekonnten Rekonstruktion eines historischen Moments viel darüber erzählen mag, wie sich syrische und irakische Flüchtlinge heute trotz des Entkommens aus ihrem Terrorregime in Deutschland fühlen".

Kommentar schreiben