Ford, steh uns bei!

von Sascha Westphal

Bonn, 18. September 2015. Niemand hat auch nur den geringsten Einfluss darauf, in welcher Kaste er sein ganzes Leben verbringen muss. In Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" entscheiden die Ingenieure in den Brut- und Normzentralen des Weltstaats über die Zukunft eines jeden von ihnen gezüchteten Menschen. Die Embryonen und Föten, die in diesen Menschenfabriken künstlich gezeugt werden, sind so gezielt manipuliert, dass sie in Körperbau und Intelligenz den Anforderungen ihrer späteren Aufgaben entsprechen. Nach der Geburt werden sie dann über Jahre hinweg konditioniert, dass sie eben diese Aufgaben nicht nur erledigen, sondern lieben. So hat jeder seinen festen Platz und nicht das geringste Bedürfnis, ihn zu verlassen.

Was es heißt, so zu leben, ist eine Erfahrung, die natürlich kein Theaterabend reproduzieren kann. Selbst Huxleys Roman lässt sich eher als eine intellektuelle, denn als emotionale Bestandsaufnahme dieser perfekten Form von Diktatur beschreiben. Trotzdem versucht der irische Theatermacher Gavin Quinn, Mitbegründer des gefeierten Pan Pan Theatre, in seiner Bühnenversion des Science-Fiction-Klassikers, die Zuschauer zu Bewohnern der "Schönen neuen Welt" zu machen.

Publikums-Einflüsterung

Immer mal wieder werden Teile des Publikum aufgefordert, von ihren Sitzen aufzustehen und ins Innere des großen schwarzen Bühnenkastens zu treten, den Aedín Cosgrove in die Halle Beuel gestellt hat. Wer zu welchem Zeitpunkt dran ist, darüber entscheidet alleine der Platz, auf dem er sitzt. Jeder Stuhl ist mit einem Stück Stoff farblich markiert. Und eben diese Farbe ist es auch, die über die Kaste entscheidet, in der man landet. Doch erst einmal findet in dem rot ausgeleuchteten Kasten die Indoktrinierung statt. Man sucht sich einen der in mehreren parallelen Reihen angeordneten Liegestühle aus und legt sich hin. Dann bekommt man die Anweisung, Kopfhörer aufzusetzen und eine Schlafmaske anzulegen.

Für ein paar Minuten wird man mit Konditionierungssprüchen aus Huxleys Roman beschallt. Dabei wird einem unter anderem eingetrichtert, dass man alles richtig macht und dass Konsum gut ist. Schließlich darf man Kopfhörer und Maske wieder absetzen, und ein Mitglied des Ensembles zieht einem ein schmales, ärmelloses Gewand über den Kopf, das entfernt an eine römische Kasel erinnert. Der Buchstabe, der sie vorne schmückt, weist einen für alle sichtbar als Alpha, Beta, Gamma oder Delta aus.

Kaugummis mit Sexualhormonen

In Huxleys Zukunftsvision hat die Zugehörigkeit zu diesen Kasten existentielle Folgen. In Quinns Adaption ist sie letzten Endes leider völlig unerheblich. Nach der nicht sonderlich wirkungsvollen Konditionierung und der eher albernen Kostümierung kehrt man auf seinen Platz zurück, und es geht weiter wie zuvor. Nur die Zuschauer auf den schwarzen Sitzen in den letzten beiden Reihen, die dazu bestimmt sind, zu – wie es im Stück heißt – "Epsilon-Halbdeppen" zu werden, müssen ihre Konditionierung öffentlich vor den Augen des übrigen Publikums über sich ergehen lassen. Sie dürfen dabei auch nicht entspannt liegen, sondern sitzen auf schmalen Schemeln.

SchoeneNeueWelt 560 ThiloBeu hGenormt in jeder Hinsicht: "Schöne Neue Welt" © Thilo Beu

Nur ist selbst diese Art der Vorführung kaum mehr als ein schaler Gag. Für die Lacher sorgen die "Kaugummis mit Sexualhormonen", die den Epsilon-Zuschauern überreicht werden und die sie dann sofort kauen sollen. Zuvor waren sie mit Lutscher ruhiggestellt worden. Unbehagen löst das alles beim Betrachter aber keineswegs aus. Doch genau darum müsste es in diesen Momenten gehen. Schließlich werden die Epsilons im Roman ganz bewusst, als absolut geistlose Wesen gezüchtet, die kaum noch etwas Menschliches haben. Sie sind die Paria der neuen Ordnung, die ihr Leben lang nur die niedrigsten Tätigkeiten ausführen, der Tief- oder eben der Gipfelpunkt eines durch und durch zynischen Systems.

Lächerliche Orgie

Wer sich nun wundert, dass sich hier bisher alles nur um die interaktiven Aspekte von Gavin Quinns Inszenierung dreht, zu denen zu Beginn der Aufführung auch noch das gemeinschaftliche laute Lesen einer Passage des Romans gehört, dem sei gesagt, sie sind tatsächlich noch das Interessanteste an diesem Abend. An ihnen kann sich der Zuschauer zumindest noch ein wenig reiben. Sie werfen selbst in ihrem Scheitern, Fragen nach den Mitteln des Theaters und deren Grenzen auf. Der Rest der Inszenierung ist nur eine von Robert Koall wild zusammen gewürfelte Reader's Digest-Fassung des Romans, die bei Quinn zu einer Folge meist statischer Szenen auf den schmalen Bühnenstreifen vor dem schwarzen Kasten gerinnt.

Und wenn nicht gerade wieder jemand einen erklärenden Monolog hält, verstrickt sich das Ensemble in lächerlichen Aktionen wie einer Orgie, bei der alle auf allen Vieren herumkriechen und ihre Köpfe oder Hinterteile aneinander reiben. Natürlich karikiert auch Huxley die schöne neue Weltordnung, die er beschreibt. Aber sie bleibt trotz allem erschreckend. In Bonn wird sie zum Witz ohne Pointe.

 

Schöne neue Welt
nach dem Roman von Aldous Huxley für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Gavin Quinn, Bühne: Aedín Cosgrove, Kostüme: Alissa Kolbusch, Musik: Si Schroeder, Licht: Sirko Lamprecht, Dramaturgie: Michael Raab.
Mit: Birte Schrein, Robert Höller, Alois Reinhardt, Lydia Stäubli, Daniel Breitfelder, Mareike Hein, Benjamin Berger, Johanna Falckner, Hans Piesbergen, Andrew Bennett.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

"Viel Beifall" protokolliert Elisabeth Einecke-Klövekorn im Bonner General-Anzeiger (21.9.2015) und in der Bonner Rundschau (22.9.2015). Die Kritikerin spricht auch davon, dass sich diese "theatrale Revision" des berühmten Stoffes an ein jüngeres Publikum wende. Das Bühnenbild sei schlicht, die Schauspieler recht durchweg überzeugend. Interessant auch, dass die Kritikerin in Personalunion Vorsitzende der Bonner Theatergemeinde ist, in deren Magazin ihr Text ebenfalls erschien.

Gavin Quinns Inszenierung sei "so brisant wie eine alte Anleitung zum Windsurfen", schreibt Christian Bros im Kölner Stadtanzeiger (24.9.2015). Er erfasse lediglich die Oberflächenreize des Romans. Die "skelettierte Romanhandlung" wird aus seiner Sicht "vor schwarzer Wand lustlos heruntergespielt". Die Spielszenen würden "von albernen Aerobic-Übungen und zögerlicher Interaktion" unterbrochen.

 
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