Auf Brecht gebaut, keine Fragen

von Hartmut Krug

Senftenberg, 19. September 2015. Vor dem Theater steht ein buntes Zeltlager, in dem es Speisen und Getränke gibt und Ausrufer für kommende Theaterereignisse mit kleinen Spielszenen werben. Auf diesem Jahrmarkt kann man mit der Armbrust schießen, sich beim "Hau den Lukas" beweisen, bei einem Flohzirkus über die Geschicklichkeit der unsichtbaren Sprunghelden staunen oder sich bei der Auswahl der Stücke beraten lassen. Denn gleich vier Stücke und ein Liederabend sind im Angebot. Für alle Zuschauer beginnt es mit der "Courage" im Theatersaal und endet dort auch nach zwei Pausen mit "Tränen, Schnee und gestern Abend – Brecht Lieder" nach Mitternacht. Dazwischen aber muss man sich für eines von vier Stücken entscheiden: Für "Lux in Tenebris", "Die Kleinbürgerhochzeit", "Hannibal" oder"Baal".

Die Grundaussage gilt! ...?

Nachdem Intendant Manuel Soubeyran das Fest mit einem begeisterten Plädoyer für Brechts Bühnenwerke eröffnet hat, drängt sich die Zuschauermenge in den Theatersaal. Hier warten bereits die Schauspieler auf offener Bühne, um in ihre Rollen zu schlüpfen: Hinter sich keinen Planwagen, sondern einen ramponierten VW-Bully und eine gezeichnete Straße mit Mittelstreifen, die sich weit in die Höhe bis an den Horizont schwingt. Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" ist von den großen Stücken eines der eher selten gespielten. Doch es spukt als Mythos seit seiner Uraufführung 1941 in Zürich durch Leopold Lindtberg mit Therese Giehse und seit der Deutschen Erstaufführung 1949 in Berlin durch Brecht und Erich Engel mit Helene Weigel durch die Theatergeschichte.

MutterCourage 560 Theatersenftenberg u© Steffen Rasche / Theater Senftenberg

Nun könnte man meinen, in unserer von neuen Glaubens- und Verteilungskriegen und Flüchtlingswellen erschütterten Welt könnte und müsste man Brechts "Chronik aus dem dreißigjährigen Krieg" für die Gegenwart öffnen. Doch Regisseur Manuel Soubeyrand und die für die Stückfassung verantwortliche Brechterbin Johanna Schall halten an der Kleine-Leute-Geschäftswelt und Brechts heute recht mechanisch wirkender Erklär-Dramaturgie eisern fest. Wohl, weil sie glauben, Brechts Grundaussage, dass Kriege und deren Geschäfte nicht von kleinen Leuten gemacht werden, und dass der, der am Krieg verdienen will, auch von ihm verschlungen wird, zeitlos richtig sei.

Irgendwo im Irgendwie

Das mag ja sein, aber es reicht nicht, um das Stück aus seiner Musealität zu reißen. Es bleibt, so illustrativ gespielt, braves Kopfnicker-Theater. Da treten drei Schauspieler, teils mit geweißtem Gesicht, teils mit roten Wangenflecken, vor den Szenen an die Rampe und tragen die von Brecht den Szenen vorangestellten Inhaltsangeben mit aufgekratzter Munterkeit vor. Klar, wir sollen nicht auf das Was neugierig sein, sondern auf das Wie. Wie alles passiert und Krieg als Normalität missverstanden wird. Und die Songs, von drei Musikern am Rand der engen Bühne intoniert, sollen kommentieren, moralisieren und abstrahieren. Die Musik ist zwar von Paul Dessau, doch die Spiel- und Singweise des Ensembles zeigt den Versuch, sie irgendwie aufzulockern, sie gar poppig und heutig und nicht so didaktisch poetisierend wirken zu lassen. Das funktioniert ja alles auch irgendwie, aber es bleibt dabei stets einfach nur nettes Theater. Vorhersehbar, zwei langwierige, pausenlose Stunden lang. Bunt und zeitlos kostümierte und charakterisierte Figuren (die Kostüme schuf Johannas Schwester Jenny Schall) agieren in einer Theaterwelt, die uns weder an- noch aufregt. Sondern irgendwie fürchterlich brav wirkt.

MutterCourage1 560 TheaterSEnftenberg uAnita Iselin als Mutter Courage in Senftenberg  © Steffen Rasche / Theater Senftenberg

Unzerknittert durch die Hölle 

Was nicht ausschließt, sondern eher logisch ist: dass etliche Schauspieler unter einem gestisch-mimischen Überdruck zu leiden scheinen. Da werden die Augen aufgerissen, die Arme energisch verschränkt und drohend geschaut. Einen gemeinsamen Spielstil findet der Regisseur für seine Darsteller dabei nicht. Marianne Helena Jordan spielt die Hure Yvette als zappelndes Kreischmonster, die ihren als dicke, ungelenke Puppe herumstapfenden Obristen mit direkten sexuellen Handlungen als Geldgeber animiert. Während Roland Kurzweg als Feldprediger und Heinz Klevenow als Koch, der mit Mutter Courage hinter dem Auto schnell sexuell aktiv werden muss, kleine realistische Figurenporträts zeigen. So spielt jeder, wie er es kann. Merkwürdig blass und wie von der Regie vergessen bleibt die Figur der stummen Kattrin (Marlene Hoffmann), während Anita Iselin ihre Mutter Courage einerseits sehr kraft- und humorvoll gestaltet, andererseits bis zum Schluss so adrett mit sauberem Make Up wirkt, dass man ihr keinerlei Auswirkungen durch den Verlust ihrer Kinder und all ihrer schlimmen Erlebnisse ansieht. Auch ihrer Courage, einer reinen Theaterfigur, spielt der wissende Bravheitston der Inszenierung deutlich arg mit.

Manchmal wirkt das Geschehen auf der engen Bühne wie Bewegung im Stillstand. Der Bully als Planwegen bewegt sich kaum, und die Schauspieler haben eben nur so ihre Auf- und Abtritte. Nein, hineingerissen und gefesselt vom Geschehen wird man nicht von dieser ehrenwerten Inszenierung. Die auf Brecht baut, ohne ihn zu befragen.

 

Mutter Courage und ihre Kinder
von Bertolt Brecht, Musik: Paul Dessau
Fassung: Johanna Schall
Regie: Manuel Soubeyrand, Musikalische Leitung: Alexander Suckel, Bühne: Gundula Martin, Kostüm: Jenny Schall, Dramaturgie: Igor Holland-Moritz, Christian Marten-Molnàr.
Mit: Anita Iselin, Marlene Hoffmann, Sebastian Volk, Tom Bartels, Heinz Klevenow, Roland Kurzweg, Marianne Helene-Jordan, Johannes May, Wolfgang Tegel, Alrun Herbing. der Band Preliminary Injunction mit Alexander Suckel, Scott Gottwald, Jürgen Kober
Dauer: 2 Stunden, ohne Pause

www.theater-senftenberg.de

 

Kritikenrundschau

Ganz im Sinne Brechts zeige Manuel Soubeyrand das "Wie und Warum" des Handelns, schreibt Jürgen Weser im Senftenberger Wochenkurier (23.9.2015). Das mache es, trotz überzeugender Leistung von Anita Iselin als Courage und dem ambitionierten Spiel des Ensembles besonders im zweiten Teil schwer, die dramatische Spannung zu halten. Trotzdem schärfe das Stück die Sinne.

Manuel Soubeyrand inszeniere die "Courage" temposcharf, schreibt Stefan Amzoll im Neuen Deutschland (25. 9.2015). "Anita Iselin spielt die Courage so intensiv und sprachlich gewitzt, so beweglich und über alle Maßen poetisch, dass die Sinne förmlich an ihrer Gestalt festkleben".

Regisseur Manuel Soubeyrand liefere im Verbund mit Alexander Suckel (Musik) in einer Bühne von
Gundula Martin und Kostümen von (Brecht-Enkelin) Jenny Schall ein bedrückend sich steigerndes Werk, schreibt Jens Pitasch im Kulturmagazin Blicklicht (11/2015). Darin bilde Anita Iselin (Courage) zwar den Mittelpunkt, habe jedoch Mitspieler, "die den Entwicklungen und Schicksalen ihrer Figuren gerecht werden und sie sehr individuell zeichnen. An der einen oder anderen Stelle braucht das eine kurze Eingewöhnung und wirkt zunächst aufgesagt, funktioniert dann aber im Anspiel und Dialog rundum schnell bestens".

 
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