Gottesdienst und Mord und Totschlag

von Valeria Heintges

Zürich, 24. September 2015. Das Krankenhaus liegt im Keller, die Kirche in der Mitte und die Abhörstation direkt neben der Wohnung des Französischlehrers. Für "Die zehn Gebote“ von Karin Henkel hat Bühnenbildner Stéphane Laimé den ganzen Schiffbau des Schauspielhaues Zürich genutzt und für einen Rundgang eingerichtet. Selbst in vier Stunden Theaterabend kann jeder Zuschauer nur sechs der zehn Szenen sehen. In vier Gruppen eingeteilt, sinnigerweise A, M, E und N, zieht das Publikum durch das Haus.

In der ethischen Hölle

Doch beginnen wir von vorne, mit dem Gottesdienst. Ein roter Teppich im Altarraum, die Zuschauer auf hausüblichen harten Bänken. Eine Ethikprofessorin sagt "Unser Thema ist die ethische Hölle". Ganz in Schwarz zieht das Ensemble einem Sarg hinterher. Ein Trauergottesdienst für Pawel, der im Winter 1988 in Warschau ins Eis einbrach und ertrank, obwohl sein Vater doch genau berechnet hatte, dass das Eis hätte halten müssen.

Im zehnteiligen Filmzyklus "Dekalog" hat der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski jedem der zehn Gebote einen einstündigen Film gewidmet. Hochkomplexe, hochkonstruierte, hochpackende Geschichten erzählt er locker um jedes der Gebote herum, von Menschen in Zwickmühlen, hin- und hergerissen zwischen Zweifeln, Wünschen und Sollen. Das soll auf die Bühne, fand Karin Henkel, denn Theater kann Event, kann Überwältigung, kann Zuschauer in Bühnenräume einsaugen.

DieZehnGebote 560 MatthiasHorn u Lauschangriff in der Nachbarschaft: Lena Schwarz spielt im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich
© Matthias Horn

Die Zuschauer sitzen an langen Tischreihen, Kopfhörer auf den Ohren, Bildschirme vor den Augen, vor sich ein leeres Abhörprotokoll. Sie sehen – als Überwacher der Überwacher – die Menschen hinter dem Fernrohr, den Mann, der obsessiv die Nachbarin beobachtet und sich in sie verliebt, die Wirtin, die ihm auf die Schliche kommt, die Nachbarin, die ihrerseits spioniert. Eine packende Szene, dem konzentrierten Spiel von Nils Kahnwald geschuldet.

Die Zuschauer verfolgen den Französischlehrer bis in seine Wohnung, mit Wohn- und Schlafzimmer, Küchenzeile, Bad. Am Ende hören sie in der Kirche, wie der Mörder, manisch, gefährlich aus dem Glaskasten heraus gesteht, den Taxifahrer brutal erwürgt, erschlagen und erstickt zu haben (wieder grossartig: Nils Kahnwald). In diesen Momenten steht das Theater ebenbürtig neben dem Film, sich seiner Mittel voll bewusst, ein Rausch für die Zuschauer. Und ein Kraftakt für das Team des Theaters und die Schauspieler, von denen Gottfried Breitfuss mit Rollen zwischen Hund, Arzt, Diakon und Rechtsanwalt die größte Bandbreite aufweist.

Komplexität weggekürzt

Doch leider lässt es die Textfassung von John von Düffel, Dramaturgin Stefanie Carp und Regisseurin Karin Henkel nicht dabei, sondern stellt die Behauptung auf, Kieslowskis Fragestellungen seien altmodisch, überholt. Und streicht die Vielschichtigkeit heraus, nimmt hier eine Ebene weg, vernichtet dort mit nur einem Satz die ganze schwebende Komplexität. Pawels Vater scheitert mit seinem rational-mathematischen Ansatz nicht mehr an der Realität, sondern nur noch an der örtlichen Industrie.

Das Ende der Nachbarschaftsaffäre bleibt nicht mit "Ich betrachte Sie nicht mehr" schillernd offen, sondern wird mit "Ich liebe Sie nicht mehr" auf Soap-Niveau gezogen. Und wenn eine Rolle so dümmlich angelegt wird, wie die Schwester-Mutter von Lena Schwarz, dann kracht auch ein Meisterwerk wie Kieslowskis "Dekalog" schachmatt auf die Event-Bühne.

 

Die zehn Gebote
nach Krzysztof Kieślowskis Filmzyklus "Dekalog"
Fassung von John von Düffel, Stefanie Carp, Karin Henkel
Regie: Karin Henkel, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Daniel Regenberg, Video: Hannes Francke.
Mit: Hilke Altefrohne, Christian Baumbach, Gottfried Breitfuss, Jean Chaize, Carolin Conrad, Fritz Fenne, Nils Kahnwald, Rea Claudia Kost, Dagna Litzenberger Vinet, Lena Schwarz, Vreni Urech, Friederike Wagner, Milian Zerzawy.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Von einem mitreißenden Abend schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (26.9.2015). Alle der im Verlauf des von Stéphane Laimé eingerichteten Parcours durch den Schiffbau erzählten Geschichten sind aus Sicht der Kritikerin " auch intellektuelle Krimis". Thema sei die "ethische Hölle". "Doch sie ereignet sich im Diesseits. Vor uns."

"Eine Art Pilgerfahrt" hat Alexandra Kedves vom Zürcher Tagesanzeiger (26.9.2015) erlebt. "Es gibt Erhebungen und Epiphanien, oh ja! Und es gibt ­Plackereien und Planlosigkeiten, oh nee. Aber wie könnte es auch anders sein, wenn ein zehnteiliges und knapp zehnstündiges Filmkunstwerk in einen vierstündigen Theaterabend übertragen wird?" Insgesamt findet sie die Kritikerin Karin Henkels "Dekalog"-Umsetzung deutlich couragierter als andere Bühnenadaptationen des Zyklus. "Trotzdem: Wir laufen an dem Abend im Schiffbau hin und her, auf und ab wie im Gebäude unserer Gefühle – und wünschen, wir hätten den starken Arm von Michelangelos letztem Richter."

"Das alles ist klug gedacht und aufwendig gemacht," schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgmeinen Zeitung  (26.9.2015). Kieślowskis Zyklus jedoch sei frei von epischem Bombast und Überwältigungsrhetorik gewesen, "und der fast dokumentarische Stil machte die Spielfilme nur umso intensiver. Die von John von Düffel, Stefanie Carp und Karin Henkel erstellte Textfassung hat durchaus auch eindringliche Szenen und Momente, aber der katholisch-barocke Rahmen, das Hin und Her im Welttheater erdrückt das Kammerspiel." 

Im schweizer Radio SRF sagte Andreas Klaeui (25.9.2015): Bei der Inszenierung handele es sich um einen "Brocken", insgesamt vier Stunden, die es "in sich" hätten. Der Abend habe etwas "Insistierendes": "Wir müssen uns erinnern." Klaeui zeigt sich "sehr beeindruckt" und "berührt" von der Nachdenklichkeit und dem Ernst dieses Abends. "Vielleicht" hätte er "noch gewonnen", wenn er ein wenig "spielerischer im Performativen, also komödiantischer" gewesen wäre. Aber auch so:  "Vier intensive Theater-Stunden, von denen sich jede Minute lohnt."

 

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