Männer auf der Abschussrampe

von Friederike Felbeck

Oberhausen, 25. September 2015. Es ist eine schwere Entscheidung: der Schallplattenspieler ist schon lange außer Betrieb und nicht mehr kompatibel mit der neuen Mikrostereoanlage. Was also tun mit der Plattensammlung, Staubfänger und Eckenvollsteller? Versteigern, entsorgen, archivieren – wozu? Die Antwort auf die Gewissensfrage macht nun ein Abend am Theater Oberhausen ganz einfach: Es sind Erinnerungen auf Vinyl gepresst, Platzhalter für beschwingte Zeitreisen und das "Flappen" durch den Bestand ein emotionaler Katalysator. So spielt denn auch eine LP die Hauptrolle im ersten Theaterstück des Romanautors und Kabarettisten Frank Goosen, die fiktive LP "Raketenmänner" vom ebenso fiktiven Sänger Stefan Moses: Eine Platte kann ein Leben ändern.

Bereits in der vergangenen Spielzeit wurde Frank Goosens Roman "So viel Zeit" zur Startrampe für einen rockigen schnellen Abend, der in Oberhausen zu einer der erfolgreichsten Aufführungen des letzten Jahres wurde. Nun führt Frank Goosen seinen gleichnamigen Roman "Raketenmänner" für die Bühne fort. In knappen angeschnittenen Szenen porträtiert Goosen Männer mittleren Alters, deren Leben irgendwie stehen geblieben sind. Langweilige oder sogar kaputte Ehen mit namenlosen Frauen, Nächte ohne Sex, gescheiterte Träume, die Angst vor Jobverlust, die Insolvenz des eigenen Unternehmens und beruflicher Abstieg legen sich wie dunkle Wolken über die sieben Leben.

Gepflegte Sammlerstücke

Goosen und Peter Carp, Regisseur der Uraufführung und Intendant des Theater Oberhausen, gelingt dabei ein merkwürdig melancholischer Abend über eine Lost Generation zwischen alkoholfreiem Bier und Rektaluntersuchung, die in ihren Erinnerungen lebt, weil sie nach vorne heraus partout nichts mehr entdecken kann. Goosen bleibt seinem Dauerthema treu und beschreibt das, was er – vielleicht – am besten kennt: die Männerseele, ihre Bündnisse und ihre kleinen großen Leiden.

Raketenmaenner1 560 Klaus Froehlich hJugendträume von der Eröffnung eines Plattenladens: Wenzel (Thieß Brammer), links, wagt es. 
Kamerke (Torsten Bauer), rechts, recherchiert. © Klaus Fröhlich

Kamerke (Torsten Bauer) schlurft als Journalist von Story zu Story, liest "Madame Bovary" und versucht (natürlich vergeblich) zum ersten Mal fremdzugehen, weil seine Frau, die Liebe seines Lebens ihn betrogen hat. Mit seinem Jugendfreund Wenzel (Martin Müller-Resinger), mit dem er zahllose Westernfilme im Kino von Opa-Wenzel gesehen hat, taucht er ab in homoerotische Träume, denen sie nie nachgegangen sind. Der Pleite-Biedermann Kobusch (Klaus Zwick) und der langhaarige Sabolewski (Henry Meyer), ewiger Aufreißer und Berufs-Schmarotzer, der im fortgeschrittenen Alter immer noch zur Untermiete wohnt, pflegen eine jahrzehntealte Hassliebe: "Ich finde, du solltest ein bisschen mehr sein wie ich." – "Und du mehr wie ich." – "Nee, lass mal."

Ketten sprengen

Hartmut Stanke spielt Krupke, der in einem kargen Wohnklo zwischen Fernseher, Flasche und Couch hin und her geistert und vom aussichtsreichen Fußballtalent zum Platzwart abgestiegen ist. Ein geheimnisvoller Anrufer prophezeit ihm: "Du wirst heute sterben." Der Hausbesuch der Arzthelferin, die ihn ermahnt in die Praxis zu kommen und seine Testergebnisse abzuholen, bestätigt die Prophezeiung. Noch eine letzte Fahrt auf dem Sitzrasenmäher und ihm wird buchstäblich das Licht ausgeknipst.

Die vergleichsweise Trägheit des ersten Teils wird nach der Pause von dichten intensiv erspielten Szenen abgelöst. Nun kann das Stück auf seine Figuren zugehen, ohne wie zu Beginn zu viel Biografisches, zu viel Vorgeschichte in den Dialogen verstecken zu müssen. Goosens Männer sind in den Rollen, die sie beruflich und privat einnehmen, gefangen. Ihre Nöte und Sorgen verpackt Goosen in einen feinen und zupackenden, aber nie schenkel-klopferischen Humor. Allesamt Durchschnittsbürger ohne sonderliche Talente, haben sie doch keinen anderen Traum, als ihre Ketten zu sprengen und wie der "Rocket Man" bei Elton John einfach abzuheben.

Wildwest-Phantasien

Aber nur wenigen gelingt der Ausstieg: Wenzel-Sohn (Thieß Brammer) eröffnet ökonomisch unvernünftig einen Plattenladen – wie er für seine Freundin die "Raketenmänner" behutsam auspackt, den Staub von der Oberfläche pustet, das Vinyl poliert um sie dann aufzulegen ist eine der zärtlichsten Gesten des Abends. Die beiden Anzugtypen auf Geschäftsreise Ritter (Eike Weinreich), der mit dreißig schon am Ende der Karriereleiter angekommen scheint und Frohnberg, sein Chef (Peter Waros) lassen sich in einer esoterischen Zeremonie von einer jungen Fahrkarten-Fälscherin von ihren Uniformen befreien.

Nur in der nostalgischen Atmosphäre des früheren Westernkinos, das längst auf 3D umgestellt hat, darf ein Mann noch ein Mann sein. Am Ende sitzen drei Generationen mit Cowboyhüten auf dem Kopf um das Sterbebett des alten Wenzel und singen "Do not forsake me oh my darlin'", das Titellied aus dem Wildwestklassiker "High Noon". Und reiten frei und glücklich dem Sonnenuntergang entgegen.

Raketenmänner
von Frank Goosen
Uraufführung
Regie: Peter Carp, Bühne: Manuela Freigang, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Dramaturgie: Simone Kranz, Musikalische Einrichtung: Otto Beatus.
Mit: Elisabeth Kopp, Laura Angelina Palacios, Anna Polke, Anja Schweitzer, Torsten Bauer, Thieß Brammer, Henry Meyer, Martin Müller-Reisinger, Hartmut Stanke, Peter Waros, Eike Weinreich, Klaus Zwick.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"Ein melancholischer Abend, ausbalanciert durch feinen Humor", befindet Klaus Stübler in den Ruhrnachrichten (27.9.15). Bühnenbildnerin Manuela Freigang stelle Frank Goosens Figuren in einen "variablen Illusionsraum, den nach hinten die Leinwand eines alten, heruntergekommenen Kinos abschließt", Gabriele Rupprecht setze zuletzt allen Cowboyhüte auf. "Gute Nacht, ihr Möchtegernhelden!"

 

 
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