Labormaus für die Risikosimulation

von Andreas Tobler

Zürich, 25. September 2015. Vor Schillers "Jungfrau von Orleans" strecken selbst gestandene Germanisten die Waffen – angesichts der Tatsache, dass man diesem Stück Weimarer Klassik so ohne weiteres nicht beikommen kann. Auch nicht mit Rückgriff auf die Psychologie seit Sigmund Freud oder den Idealismus des Verfassers. Aber für das Theater sind die Schwierigkeiten des Stoffs kein Grund, sich diesem Brocken zu verweigern, der sich selbst eine "romantische Tragödie" nennt.

Zumindest nicht am Schauspielhaus Zürich, wo der alte Schiller nun in der Regie von Stephan Kimmig gezeigt wird – mit Zusätzen von Peter Stamm, der dem Klassiker einen Bezug zur Gegenwart geben will. Angesichts des religiös motivierten Terrorismus unserer Tage zäumt Stamms Zugabe die "Jungfrau" naheliegenderweise beim Fanatismus auf, den man Schillers Johanna attestieren kann.

Jungfrau1 560 Toni Suter T T Fotografie uVersicherungsvertreter betreten Schiller-Land – und die Bühne von Katja Hass
© Toni Suter | T&T Fotografie

Schiller als Supporter für Versicherungskampagnen?

Angeleitet von Stamms Text, schälen sich auf der Pfauenbühne Vertreter einer Versicherung aus einem Labyrinth aus transparenten Vorhängen heraus, um uns zu verkünden, dass im Terrorismus ein "noch viel zu wenig bearbeitetes Marktsegment" zu erkennen sei. Dafür müsse man aber "ein Bewusstsein für die Bedrohung in der Bevölkerung" schaffen, möge das Risiko für einen terroristischen Anschlag in der Schweiz noch so gering sein.

Und genau dafür braucht man nun Schillers "Jungfrau": Mit ihrer bewusstseinsbildenden Kraft soll das Marktsegment erschlossen werden, das man bewirtschaften will. Zugleich soll sie einem Experiment dienen, mit dem man ergründen will, "weshalb aus völlig normalen und durchschnittlichen Menschen mordende Bestien werden können." Schiller als Supporter für Versicherungskampagnen und seine "Jungfrau" als Labormaus für eine Risikosimulation: Alles Mokante, das Stamm mit seinem Prolog in Sachen Gegenwartsbezug vorgibt, ist vorerst hinweggefegt, wenn Marie Rosa Tietjen ihre ersten Auftritte absolviert: Klein von Gestalt gibt sie ihrer Johanna etwas bemerkenswert Eigenes – mit gekrampften Händen, die sie nah an ihrem Körper führt und mit denen sie offenbar in jedem Moment anzeigen will, dass sie die Erleuchtung und die damit einhergehende Überforderung hart gefühlt hat. Hinzu kommt ein in sich gekehrter Blick, der Tietjens Jungfrau etwas Entrücktes gibt, zugleich aber auch das Dämonische verleiht, das ihr die Feinde nachsagen werden.

Pathos und Parodie, Tragik und Travestie

Keine Frage, die Auftritte von Tietjen sind die Highlights dieses Abends – im scharfen Kontrast zum insgesamt fünfköpfigen Männerensemble, das alle weiteren Rollen zu übernehmen hat. Auch die von Johannas weiblichen Gegenspielern. Mit dieser Unisex-Besetzung verfolgt Kimmig erklärtermassen die Idee, Schillers Jungfrau als "eine manipulierte Figur" zu zeigen, "die an und in der Männerwelt scheitert".

Jungfrau3 560 Toni Suter T T Fotografie uHeiliger Ernst: Marie Rosa Tietjen als Johanna  © Toni Suter | T &T Fotografie

Nur schade, dass diese Idee auf der Bühne überhaupt keine Kraft erhält, weil Kimmig ihr ganzes Potential verspielt, wenn er es etwa erlaubt, dass Klaus Brömmelmeier mit Ohrringen seine Agnes Sorel gibt, was einfach nur eine pennälerhafte Wurstigkeit ist – wie vieles an diesem Abend, weshalb die Tonlagen und Intensitäten dieser Inszenierung weitgehend in die Extreme verrückt sind: sprunghaft wechselt man zwischen Pathos und Parodie, Tragik und Travestie, zwischen der Ironie der 'Männer' und Johannas eisernem Ernst.

Drang aufs große geile Ganze 

Der Raum zwischen diesen Extremen bleibt weitgehend unberührt. So gibt es denn auch keinen wirklichen Kontakt zwischen der Welt der Heiligen – und derjenigen der 'Männer'. Zumindest nicht im ersten Teil des Abends. Und damit rückt alles in den Hintergrund, was Peter Stamms Prolog in Sachen Schiller-Interpretation einer Inszenierung abverlangen würde, wenn man ihn denn wörtlich nähme. Will die Regie offensichtlich nicht.

Man käme denn auch nicht über den Befund hinaus, dass Männer in der Krise treudoof allem ergeben sind, was ihren Drang aufs grosse geile Ganze zu befriedigen verspricht – und dass Johanna letztlich nichts anderes als ein Fall für die psychologische Pathologie ist. In dieser intellektuellen Schlichtheit will Kimmig bei seinem Debüt am Schauspielhaus Zürich dann offensichtlich doch nicht versacken. Zumindest nicht im zweiten Teil nach der Pause, in der er in einer Serie von starken Szene seine ironischen Panzerungen abwirft, wenn die Jungfrau von Orleans Edmund Telgenkämpers Montgomery niederringt, der die Tietjen um mehr als eine Kopf überragt – bis sie schliesslich im Mitleid mit Lionel ihrer Hybris gewahr wird.

Was uns Kimmig in diesen Bildern zeigt, mag trotz wirkungsstarker Video-Effekte nicht mehr als traditionelles Tragödientheater sein. Aber es ist wesentlich stärker als alles, was Peter Stamm dem Stoff in Sachen Zurüstungen für die Aktualität abgewinnen – und was der Regisseur davor und danach in Form von pennälerhafter Ironie hinzufügen kann.

 

Die Jungfrau von Orleans
von Friedrich Schiller
mit einem Text von Peter Stamm
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Hass, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Michael Verhovec, Video und Live-Kamera: Julian Krubasik, Lambert Strehlke.
Mit: Klaus Brömmelmeier, Michael Neuenschwander, Wolfgang Pregler, Edmund Telgenkämper, Marie Rosa Tietjen, André Willmund.
Dauer: 2 Stunden, 20 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Kimmig macht es sich leicht mit der 'Jungfrau von Orléans'", schreibt Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (28.9.15). "Er macht gar nichts." Sondern brettere erbarmungslos durch Schillers Blankverse; das "Zusatztextlein" von Peter Stamm findet Klaeui "erschütternd dürr". Interessiert habe den Regisseur wohl einzig die Figur der Johanna d'Arc. "Da schaut er hin." Marie Rosa Tietjens' Johanna habe "etwas tartüffesk Komisches" an sich "und gleichzeitig viel Unheimliches", das sei "durchaus eindrücklich und faszinierend als Figurenzeichnung", so Klaeui. "Aber es macht noch keine ganze Inszenierung."

"Der Berliner Regisseur hat sich zwar eindeutig in die potente Poesie des Textes verliebt", schreibt Alexandra Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (28.9.2015). Aber das sei auch gut so, denn er trimme ihn gleichzeitig gegenwartstauglich zurecht." Zum einen hat er radikal gestrichen und umgestellt." Zum anderen schrieb der Autor Peter Stamm zusätzliche Passagen, "die, parallel zum Stück und nicht integriert, eine aktuelle Ebene einziehen". Meist entstehe bei dieser Synthese (zu der die Kritikerin auch eine gewisse Distanz zu Schillers Drama zählt) "Theater, das keine Erklärung braucht", und "geschichtenpralle Gegenwart".

Kimmig, "ein moderater Vertreter des Regie-Theaters", schreibt Siegmund Kopitzki im Südkurier (29.9.2015). Er transportiere Johanna von Orleans nicht nach Syrien, "sie bleibt im Lande; ihr Gott ist unser Gott und nicht etwa der Prophet Mohammed. Ihr Krieg ist unser aller Krieg. Und so ist es wohl. Was Kimmig noch dazu gibt: Johanna, manipulierte Bauerntochter und Lichtgestalt in einer Person, scheitert auch an den Männern – die in der Inszenierung sogar die Frauenrollen okkupieren." Marie Rosa Tietjens Johanna ist aus Sicht des Kritikers "der unstrittige Star der Zürcher Inszenierung. Das will die Regie so. Kimmig kennt Schillers Ton, auch die leisen, lyrischen Schattierungen, die Tietjen mit ihrer sanften, natürlichen Stimme kongenial rüberbringt." 

 

 
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