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Tod ohne Netz

von Valeria Heintges

Zürich, 8. Oktober 2015. Sibylle Berg mag es tierisch. Ein Schimpanse mit Plastiklarve und Perücke wackelt vor Beginn der Uraufführung von "How to sell a Murder House" auf der Leinwand durch einen asiatischen Laden. Dann öffnet sich der Vorhang für vier Waldrappen. Nicht diese ausgestorbenen Vögel, sondern vier Schauspielerinnen in Waldrappen-Kostümen. Sie sprechen im Chor. Auf Schweizerdeutsch. Auf schlechtem, höflicher: artifiziellem Schweizerdeutsch.

Sibylle Berg mag es in ihrem neuen Stück "How to sell a Murder House", von ihr selbst uraufgeführt am Zürcher Theater Neumarkt, auch ironisch und grenzüberschreitend. Vieles hier ist nicht, wie es scheint. Auch das Haus, das die Maklerin in den "Vorspiel" und "Nachspiel" betitelten Szenen ihrem Kunden anbietet, ist nur scheinbar ein gutes Angebot. Eine riesige Villa zeigt das Video – aber die hat es in sich. Vor allem hinter sich: Vier Tote wird es gegeben haben, wenn das Stück vorüber ist, das in vier Szenen mit je einem Mann und einer Frau die Vorbesitzer des Hauses zeigt. Vier Männer, vier Tote, vier Selbstmorde: Ein Karrierist verzweifelt, ein Nerd zerhackt sich selbst mit der Axt für viele Klicks im Netz, der dritte verbrennt sich mit "neuen Gadgets", der vierte erstickt.

Das Jetzt ist zerstört und zerstört

Um die Männer geht es in Sibylle Bergs neuem Werk, das die in Weimar geborene und in Zürich lebende Schriftstellerin in ihrer ersten Regiearbeit selbst auf die Bühne gebracht hat. Es ist ein typisches Berg-Stück, mit typischen Berg-Themen und Berg-Wütereien, mit fetten und fiesen Schlägen gegen Karriere, Kapitalismus und Konsum. Die haben die Menschheit in die Apokalypse geführt. Nur das Haus in den Jura-Bergen wurde verschont davon. Unten, draußen verstopfen Autos die Straßen, werden Geschäfte geplündert, wird gemeutert und demonstriert, kämpfen alle ums nackte Überleben. Nur hier ist die Welt noch so, wie wir sie kennen – also auch völlig kaputt.

Murderhouse3 560 NiklausStauss uVier Männer, vier Tode © Niklaus Stauss

Denn es geht Sibylle Berg ja nicht um die Apokalypse der Zukunft, es geht ihr um das zerstört-zerstörende Jetzt. Um die Männer, die im Beruf von Selbstzweifeln und Ehrgeiz zerfressen werden, sich in der Freizeit zwischen Pornos und Games aufreiben "und dann doch lieber Katzenfotos machen". Und die von den Frauen drangsaliert werden, die sich als die stärkeren erweisen. "Tod ist wie Weiterleben ohne Netz", sagt eine, "nur ohne Weiterleben und ohne Netz." Männer und Frauen zusammen müssen sich überlegen, wer sie sind und wer sie sein dürfen, "als Lebewesen", als "Mann, Frau, Lesbe, Homo, Kastrat", in einer Welt, in der man sich entschuldigen muss "weil man an eine Frau gedacht hat, ohne ihre Geschlechtsneutralität als intellektuelle Person mitgeträumt zu haben".

Bedeutung raunende Unheilsboten der Neuzeit

Sätze wie diese an der richtigen Stelle platzieren kann Sibylle Berg wie kaum eine zweite. Sätze wie diese lustvoll und pfeilgenau abzuschießen ist ein gefundenes Fressen für die zwei Vollblutschauspieler Caroline Peters und Marcus Kiepe. Peters stakst in immer neuen seidig-glänzenden Hausanzügen zwischen Bett und Terrasse herum, wirft sich voller Elan immer wieder auf das Bett; zeigt mehr die Krankheit einer Fallsüchtigen als eine Frau, die verzweifelt die richtige Schlafposition sucht. Peters zielt die Sätze ihrem Kunden/Mann/Vater vor die Füße oder mitten ins ohnehin schon verwundete Ego-Herz. Marcus Kiepe glänzt vor allem als schmierig-gegelter Karrierist in immer neuen verklemmten Posen, der keinem seiner Haare einen falschen Sitz erlauben und seinen Sätzen auch nicht.

Murderhouse1 560 NiklausStauss uCaroline Peters und Marcus Kiepe © Niklaus Stauss

Doch dazwischen hat Berg diese vier chorisch-sprechenden, mystischen Waldrappen gesetzt, als Hüter der Natur, Unheilsboten der Neuzeit. Dazu wummern Bässe, zuweilen sogar aus einem ferngesteuerten Sandberg. Das raunt Bedeutung und bringt nur – gar nichts. Im Gegenteil: Es betont, dass vieles, vor allem der apokalyptische Hintergrund, behauptet wird, aber weder einen dramaturgischen Sinn hat noch sonstwie zwingend ist. Ein anderer Regisseur hätte dem Text über diese Untiefen hinweghelfen können; Regisseurin Berg aber inszeniert den Text der Autorin Berg distanzlos und häufig direkt in die Langeweile.

How to sell a Murder House
von Sibylle Berg
Uraufführung
Regie: Sibylle Berg, Raum: Janina Audick, Kostüme: Svenja Gassen, Choreographie: Tabea Martin, Video: Kathrin Krottenthaler.
Mit: Caroline Peters, Marcus Kiepe und Meret Bodamer, Sarah Gailer, Julia Haenni, Sandra Marina Müller.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch

 


Kritikenrundschau

"Mit gewohnt spitzer Feder und recht solider Regisseurinnen-Hand skizziert Berg eine aus den Fugen geratene Welt voller sich bekriegender Salafisten", berichtet Katja Baigger in der Neuen Zürcher Zeitung (10.10.2015), wendet aber sogleich ein: „Dazu will nicht passen, dass in diesem Chaos die Frauen versuchen, die Macht zu übernehmen. Hier lässt die Vorlage an Stringenz vermissen." Im Ganzen habe Berg eine "düstere Endzeitvision" geschaffen. "Es ist eine wunderbar boshafte Demontage von Gender-Diskurs und verkorksten Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Das nachgeschobene Schluss-Video, eine Mischung aus Making-of und Feier des Lebens, das mit dem Tod endet, wirkt unmotiviert. Der auf der Bühne hergestellten Ästhetik dient es nicht."

Als "Abend für Fans" und nicht für "jene, die es noch hätten werden können", stuft Andreas Tobler im Tages-Anzeiger (online auf derbund.ch, 10.10.2015) dieses Ereignis ein. "Einfach sein! Das ist offensichtlich das Mantra dieses Abends, dem Berg aber alle Kraft nimmt. Wobei dies wesentlich mit dem Text zu tun hat, der trotz thematischer Triftigkeit eines dieser Panoramastücke ist, die in wilden Kameraschwenks über die Gegenwartslandschaft irren." Im Laufe des Abends gehe die "Kohärenz ziemlich bald stiften" und "die Komik kommt kaum über einen träfen Einzeiler hinaus, dann wird das Thema gewechselt". Mithin "verzwergt Berg sich selbst und das, was sie zu sagen hätte, allzu rasch im Rausch des Kolumnenhaften, in dem sie offensichtlich jede Orientierung verloren hat, die sie uns doch geben will."

"Es war alsbald immer 'nur' Sibylle Berg: Berg auf dem Papier und Berg im Mund. Es wurde wie in guten alten Theaterzeiten ein heiliger Text vorgeführt." So berichtet Christian Berzins online in der Aargauer Zeitung (10.10.2015) unter der genialischen Überschrift "Sibylle Berg langweilt in Zürich kurzweilig".

In einer Sibylle-Berg-Doppelbesprechung mit "Und dann kam Mirna" (hier zur Kritikenrundschau) nennt Hubert Spiegel von der Frankfurter allgemeinen Zeitung (10.10.2015) "How to sell a Murder House" das "deutlich schwächere Stück, aber so bieder-boulevardesk wie in der Regie seiner Autorin ist es nun auch wieder nicht." Berg inszeniere ihren Text "mit allzu vielen, allzu beliebigen Regieeinfällen, ohne an Witz, Tempo und Intensität der Berliner Aufführung anknüpfen zu können".