Bombe unterm Bett

von Cornelia Fiedler

München, 10. Oktober 2015. Achtung, am Ende explodiert ein Bett. Aber keine Sorge, auf dieses visuell-akustische Großereignis wird das Publikum im Lauf der Performance "Ode to Joy" mehrfach fürsorglich vorbereitet: Regisseur Rabih Mroué (zuletzt bei den Wiener Festwochen mit "Riding on a cloud" zu sehen) demonstriert mit einem Blitzlicht, wie hell es bei der Sprengung wohl so werden könnte. Später führt Lina Majdalanie vor, auf welche Lärmentwicklung man sich dabei gefasst machen muss.

Der Schall komme ja üblicherweise etwas später an, als das Licht, daraus dürfe man aber bitte nicht schließen, dass mit der Explosion irgendetwas nicht stimme. Einige Filmeinspieler zeugen dann noch von mehr oder weniger verunglückten Testläufen der Sprengung auf der Bühne der "Kammer 2" (der ehemaligen "Spielhalle" der Münchner Kammerspiele) und damit wäre der Spannungsbogen für diesen Abend installiert.

Der Terror des Schwarzen Septembers

70 Minuten lang spukt diese Explosion, die noch gar nicht stattgefunden hat, in den Köpfen herum, als Bild, das nur Erwartung ist. Ein kleines, reflexives Spiel mit der Wahrnehmung. Der libanesische Regisseur Rabih Mouré und seine palästinensische Koautorin Manal Khader fragen nach der Macht der Bilder, vor allem in politischen Konflikten, und landen bei München 1972. Die Geiselnahme der israelischen Sportler durch das Terrorkommando "Schwarzer September" wurde qua Live-Übertragung im Fernsehen zum Medienereignis von bis dato ungekannter Dimension. So ging das Kalkül der palästinensischen Geiselnehmer auf, die weltweite Aufmerksamkeit auf ihre Sache zu lenken.

OdeToJoy1 560 Judith Buss uOhne Kamera geht bei Medienkünstler Rabih Mroué nichts © Judith Buss
Ihr Recherchematerial präsentieren Mroué und Khader als Live-Collage: Filmausschnitte und Fotos laufen auf Tablet-Computern. Was wir davon sehen sollen, erscheint immer dann auf der bühnenfüllenden Leinwand, wenn die Tablets vor eine Kamera in der Mitte der Spielfläche gehalten werden. Die Symbolik ist klar, es geht um die Herstellung und manipulative Macht von Fotos, Filmen, Tonaufnahmen, Texten.

Zu sehen oder hören sind: ein Kriminalpsychologe, der im Vorfeld der Olympischen Spiele mit der Entwicklung möglicher Anschlagsszenarien beauftragt wurde und dessen "Szenario 21" am 5. September 1972 fast 1:1 wahr wurde; ein reichlich durchgeknallter Original-Werbefilm für München und die "fröhlichen Spiele"; der damalige Bürgermeister des olympischen Dorfes Walther Tröger, heute Ehrenmitglied des IOC, der sich gut gelaunt an "fast philosophische" Gespräche mit dem Terroristen "Issa" während der Verhandlungen mit den Geiselnehmern erinnert; Schwarz-Weiß-Fotos von jungen Männern mit Palästinensertuch, die, seltsam deplatziert wirkend, mit Waffen in einem Fotostudio posieren.

Und dann ist da noch ein Monolog von Rabih Mroué als Drahtzieher Abu Daoud, der das Attentat vorbereitet hatte und das Geschehen dann teils (zusammen mit diversen Filmteams) von einem Hügel im Olympiadorf aus verfolgte, teils vor dem Fernseher im Hotel. Irgendwann ist er dabei eingeschlafen und hat geträumt: von einer Bombenexplosion unter seinem Bett.

Hegemoniale Geschichtsschreibung

Unter den Dokumenten, die die Performer ausgegraben haben, ist eine Liste der 234 palästinensischen Gefangenen, die im Austausch gegen die israelischen Geiseln freigepresst werden sollten. Dass deren Namen nie genannt werden, sondern immer nur Ulrike Meinhof und Andreas Baader, deuten die Performer als Teil einer hegemonialen Geschichtsschreibung, in der eine "palästinensische oder arabische" Sichtweise keinen Platz hat, und verlesen im Folgenden fast weihevoll die Namen dieser Gefangenen. Üblicherweise werden Tote durch solche Namenslesungen geehrt, nicht verurteilte Verbrecher, und so wird spätestens hier die Aufklärung über die Macht medialer Inszenierung selbst recht manipulativ.

"Ode to Joy" ist ein nachdenklicher, leise trauriger Abend. Bei aller Reflektiertheit wirkt er aber unangenehm einseitig, stellenweise sogar verharmlosend. Formulierungen wie "palästinensische Revolution" oder "Helden" werden nicht hinterfragt, kein israelischer Zeitzeuge ist zu hören. Das Olympia-Attentat an sich ist nur als mediale Strategie interessant, seine Opfer kommen nicht vor. Und das Bett? Nun ja, am Ende explodiert dann schon noch etwas. Damit das wirkt, braucht es aber massive mediale Verstärkung.

 

Ode to Joy
von Rabih Mroué und Manal Khader
in englischer, arabischer und deutscher Sprache mit Übertiteln
Regie, Bühne und Kostüme: Rabih Mroué, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Johanna Höhmann.
Mit: Lina Majdalanie, Manal Khader, Rabih Mroué.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

In ihrer Doppelkritik mit Stemanns "Kaufmann von Venedig" schreibt Christine Dössel: "Die hohen Erwartungen, die Lilienthal-Kenner in die zweite Premiere "Ode to Joy" setzten, wurden am nächsten Tag dann ebenfalls ziemlich enttäuscht." Was Rabih Mroué auf die Bühne bringe, sei am besten mit dem Begriff "Lecture Performance" umrissen: eine leise, spröde, theatralisch magere Recherche über die Situation nach der Olympia-Geiselnahme in München 1972, "dieses Attentat wird als Wendepunkt in der palästinensischen Geschichte dargestellt. Waren sie vorher die Freiheitskämpfer, galten sie nun als Terroristen". Es gehe dabei um die eigenen Opfer- und Heldenlegenden, aber auch um die Macht und Manipulationskraft von Bildern. "Im Kern ist der Abend eine palästinische Volksseelenschau - für ein deutsches Publikum nicht ganz leicht nachvollziehbar." Am Ende explodiere ein Spielzeug-Bettchen. "Es ist dies für die Performer wohl ein Akt des Exorzismus. Das eher ratlose Publikum nimmt's als nachgereichten Knalleffekt."

Dagegen sah K. Erik Franzen (Frankfurter Rundschau, 12.10.2015) zu wie Rabih Mroué ein "faszinierendes Spektrum seiner Suche nach einer palästinensischen Vergangenheit in die Köpfe der Zuschauer" projiziere. Mroué sei auf der Suche nach einer bislang fehlenden, palästinensischen Perspektive auf die Geschehnisse, nutze dokumentarische Bilder (über abgefilmte Tablets) auf Großleinwand, eingeblendeten Sagengeschichten, Exkursen über Licht und Geräusche. Am Ende werde ein kleines Modell-Bett explodieren – "und die anschließend gezeigten Filmaufnahmen dieser Explosion auf dem Big-Screen lassen dann erahnen, worum es Rahib Mroué hier geht: Um die Auseinandersetzung von (eigenen) Bildern mit (fremden) Bildern". 

"Den Zweifel an der Wahrheit von Bildern weiten Mroué und seine Mitstreiterinnen Manal Khader und Lina Majdalanie in einen Generalverdacht gegen alle Geschichtsschreibung aus", so Matthias Hejny in der Münchner Abendzeitung (12.10.2015). Der Abend nutze als unterschiedliches Material, die Fernsehübertragung aus dem Olympischen Dorf während des Attentats, die Äußerungen des Polizeipsychologen Georg Sieber, oder ein Werbespot für Olympia 1972. "Was all das soll, bleibt schleierhaft, denn das Wissen um die Unzuverlässigkeit medial vermittelter Information gehört längst zum Basiswissen in einer Mediengesellschaft." Fazit: "Ode To Joy“ sei eine erstaunlich oberflächliche Zusammenstellung von mal belegbaren, mal fiktiven Fakten.

"Statt des Spiels ist 'Entschlüsselung' (sic) der oberste Anspruch dieses Theaters; anstelle von Verwandlung setzt es auf Lektionen", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (15.10.2015) in einem Rundumschlag über Matthias Lilienthals Intendanzauftakt. "Ode to Joy" erinnere an die "essayistischen, assoziativen Bildbeschreibungen eines John Berger". Und sei selbst eine Bildbeschreibung – "mit dem geheimen Ziel, dass Dozent und Publikum am Ende gemeinsam im Bild verschwinden und auf dessen nie gesehener Rückseite herauskommen". Das gelinge hier nicht. "Man bleibt vor dem Bild – als erschöpfter Betrachter."

 

 

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