Unterm künstlichen Tannenbaum

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Oktober 2015. Wenn man glaubt, ein Theaterstück bestens zu kennen, ja schon unzählige Male auf der Bühne gesehen zu haben, kann es sich nur um ein Wohnzimmerdrama handeln. Eines, das zur besten Abendessen-Zeit spielt. Ein Paar hat ein anderes eingeladen. Oder ein Paar sitzt abends da, und erst klingelt ein Fremder an der Tür, dann die Geliebte, dann der Jugendfreund, der in die Gastgeberin verliebt ist. Oder die Mutter ist soeben eingetroffen, um die Weihnachtsfeiertage mit der Tochter zu verbringen. Oder es findet sich gleich alles darin, wie in Roland Schimmelpfennigs vor einigen Monaten in Stockholm uraufgeführtem Stück "Wintersonnenwende".

Natürlich kennt man solch ein Konversations-Stück – und kennt es wieder nicht. Die Variation des Themas lässt viele Zwischentöne zu. Ein guter Autor, der Mechanik und Räderwerk beherrscht, kann so einiges Abgründige und Konfliktträchtige rausholen. Und Schimmelpfennig ist äußerst versiert, seine Figuren vom ersten Satz an mit simplen wie starken Dialogen zu bewaffnen, frisch, böse, komisch zugleich. Allerdings auch ständig begleitet von Regieanweisungen, in denen die Figuren denken, was sie nicht zu sagen wagen hinter ihren geübten Filmemacher-, Künstler- und Intellektuellenfassaden.

Wohnzimmer mit Laborcharakter

Dieses Kratzen an den Oberflächen kommt in Jan Bosses deutschsprachiger Erstaufführung am Deutschen Theater überraschend gut zur Geltung. Unter Vermeidung von zuviel Wohnzimmer-Realismus begegnen sich fünf Metropolenbewohner an einem großen runden Tisch. Ein eher leerer Raum, schick, wenn auch düster, mit Laborcharakter, in dem sich die Schauspieler mit ihren kleinen Gesten, Tonfall und Haltung behaupten. Optisch geben sie eine nachhaltige, aber stilbewusste Mischung. Frau trägt hier Mitte-Designerkleidchen, aber geht auf Socken, der Mann gibt sich intellektuell und leicht verstrubbelt im rosa Rollkragenpulli.Wintersonnenwende 2 560 Arno Declair hNa dann, frohes Fest: Felix Goeser, Edgar Eckert und Judith Hofmann
unterm Tannenbaum © Arno Declair

Es ist der 23. Dezember, der Abend vor Heiligabend. Mutter Corinna ist bei Schneesturm angereist, ihre Zugbekanntschaft steht auch in der Tür, was zwischen Bettina und Albert für zusätzlichen Zündstoff sorgt. Alle sind redegewandt, schlagfertig, aber auch melancholisch und nachdenklich, wenn sie nach vorne ins Publikum sprechen. Bosse schafft es, die Spitzfindigkeiten von Schimmelpfennigs Text lustvoll auszuleuchten, bewegt sich eher entlang der Komödie. Wenn die Dialoge flutschen, entfächert sich unter ihrer Redegewandtheit und Angriffslust auch ein Psychogramm voll wackliger Haltungen und unangetasteter Grenzen.

So sind wir alle

Der Tonfall von Mutter Corinna (Jutta Wachowiak) changiert zwischen Bewunderung und Abfälligkeit, wenn sie etwa über die Bücher ihres Schwiegersohns Albert sprich. Bettina (Judith Hofmann) lokalisiert bei dem befreundeten Künstler Konrad einen Minderwertigkeitskomplex, um ihn kurz darauf zu küssen. Und der sich auf seinen Intellekt berufende Albert wirft mit viel zuviel Pillen und Rotwein um sich, lässt sich indes durch eine kleine Schnittwunde aus der Fassung bringen.

Der Abend lebt auch durch die gute Schwebe, in der die Schauspieler ihre Figuren zwischen Ernst, ironischer Distanz und Melancholie halten. Seht her, so sind wir alle, spricht daraus. Felix Goeser als Albert ragt noch einmal heraus, einer, der seine Macken kultiviert und doch um Normalität ringt. Und einen Extra-Applaus erhält, wenn er slapstickhaft den großen Weihnachtsbaum zusammensteckt.

An der rechtskonservativen Tafelrunde

Der Tannenbaum ist aus Plastik, aber in seiner Schiefgewachsenheit auf täuschend echt gemacht und wird von Bettina mit echten Kerzen schmückt – auch die Figuren bewegen sich zwischen Authentizität und Künstlichkeit, die ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Judith Hofmann und Felix Goeser haben großartige Szenen. Wenn ihn die Tannennadeln piksen, sticht sie nach: "Gibt's etwas, wogegen Du nicht allergisch bist?" Findet sie etwas verrückt, hält er es für gefährlich. Eine Albee'sche Eheschlacht in der freundlicheren und glatteren Prenzlauer-Berg-Variante.

Der fremde Besucher hingegen, den Mutter Corinna im Zug kennengelernt hat, ähnelt am Ende immer mehr Geert Wilders. Bernd Stempel hat sich wie der niederländische Politiker das Haar zurückgekämmt, spricht in der kryptischen Endszene, die Schimmelpfennig anzulasten ist, von Blattläusen und Vermischung. Die Familie sitzt am Tisch wie an einer Tafelrunde, die Gesichter von unten angeleuchtet, drastische Symbolik. Aber deuten kann man das alles nicht mehr: Ist das jetzt ein schlechter Traum von Albert, der schon zuviele Bücher über Diktaturen geschrieben hat? Oder nistet sich das rechtskonservative Böse real in die neue Bürgerlichkeit ein? Da kann Bosse nicht mehr überzeugen. Seine Inszenierung schlägt hier vollends ins Künstliche um. Ins Künstliche des Tannenbaums.

 

Wintersonnenwende
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Felix Goeser, Judith Hofmann, Jutta Wachowiak, Bernd Stempel, Edgar Eckert, Lea Metscher/Elisa Drenckhahn.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Die Figuren-Konstellation in Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" erscheint Peter von Becker vom Tagesspiegel (25.10.2015) ziemlich "konventionell": "Das Ehepaar zickt und zankt sich, die (Schwieger-)Mutter nervt und Weihnachten auch. Das bevorstehende Fest als Katalysator familiärer Katastrophen: Schimmelpfennig lässt da nur wenig aus." Mit der Figur des Rudolph nehme "allerhand Unwahrscheinliches, das vom Autor wohl als Unheimliches gemeint ist", seinen Lauf. Das Künstliche des Ganzen solle "nicht nur jeden Anhauch von Kitchen-Sink abwehren, es will auch das Überwirkliche betonen", das mit Rudolph hereinschneit, "eine leicht surreale Dämonie." Was jeder Zuschauer aber "schon nach kürzester Zeit kapiert: dass der frühere Arzt und Südamerikaheimkehrer wohl ein Schatten Mengeles ist, ein Bruder Eichmanns. Das macht Schimmelpfennig mit zu vielen derben Anspielungen viel zu klar." Unheimlichkeit sei da fern, hingegen gebe es "reichlich Unsinniges". Immerhin nehme die Geschichte ein "gutes böses Ende".

"Zwei Stunden spazieren Regie und Text händchenhaltend über die Bühne von Stéphane Laimé, immer auf der Suche nach kleinen Leuchtinseln für die Schauspieler", winkt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (26.10.2015) ab. Die Schauspieler beschritten "viele Wege zwischen glucksender Ironie und stürmischem Ernst, den dieser Abend entdeckt. Aber die Konflikte wirken, als seien sie in einer Klöppelwerkstatt in Auftrag gegeben worden. Die Figuren tragen ihren Oberflächentrug wie Schnitzwerke vor sich her." Lediglich in der aufwühlenden Beschimpfung "Was glaubst du eigentlich, du, Saujude, du –?" nach zwei Stunden Spieldauer lande der Abend einen echten "Wirkungstreffer" und das "Stück zerbröselt, die gesamte Scheinwelt verpufft."

In diesen "gut zwei Stunden" passe "wenig zusammen", sagt Ute Büsing im Inforadio des rbb (24.10.2015). Die Figur des Nazis aus Paraguay etwa (gespielt von Bernd Stempel) "entbehrt jeder lauernden Gefährlichkeit." Und "so richtig Zimmerschlacht" biete das Stück "auch nicht".

Schimmelpfennigs Text „bietet eine gute Spielvorlage für eine ständige ironische Brechung“, hält Katrin Bettina Müller in der taz (26.10.2015) zugute, bekennt dann aber, dass es doch nicht befriedige, die Akteure (die "gut darin" seien, "das Lächerliche ihrer Charaktere zur Schau zu stellen") und dem "Slapstick mit dem Weihnachtsbaum" zu folgen. "Die Geschichte ist einfach zu dünn."

Der Wechsel von epischen und dramatischen Passagen in Schimmelpfennigs Stück gestalte sich auf der Bühne schwierig, schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (28.10.2015). Zudem wolle Jan Bosse in seiner Inszenierung offenbar "um jeden Preis alle Spielfreude unterdrücken": "Die Schauspieler sind um einen absurd großen Designertisch versammelt, der Nähe unmöglich macht: Familienleben in Zeiten kapitalistischen Größenwahn." Die Figuren seien "wie aus dem Wachsfigurenkabinett", aber die Künstlichkeit führe zu nichts. "Sie ist eine Kapitulation vor dem Text." Viele Fragen bleiben für Meiborg offen, zum Beispiel diese: "Sind Linksintellektuelle politisch wirklich so unzuverlässig? Sind Menschen, die ihren Kindern altmodische Namen und Biobrot geben, besonders anfällig für nordisch-mythologisch angehauchten Rechtsextremismus? Oder ist die kaputte Kleinfamilie der Nährboden des Unglücks?"

"Zunächst ist das eine grob gestrickte Familienklamotte", so Peter Claus im dradio Kultur (23.10.2015). "Schleichend aber werde die Figur des Fremden, der zufällig hineingeraten ist, als Nazi bezeichnet." Die Gefahr, die von Hetzern ausgehe, werde an diesem Abend unredlich verharmlost,  "der Impuls, sich gegen solches Gerede aufzulehnen", werde "unredlich denunziert". Der Umgang mit dem Fremden bzw. mit dem Nazihaften werde "zum Hauptthema stilisiert; wenn man sehr genau zuhört – das habe ich getan – fällt einem früh auf, dass mit diesem Fremden etwas nicht stimmt." Was er so besonders schlimm finde, sei nicht nur der unredliche Umgang mit dem grauenvollen Erbe der Nazizeit, sondern dass das Stück sich als eine grobe Absage an eine der Errungenschaften der westlichen Demokratien entpuppt, nämlich an den Individualismus. "Wer Bücher liest, ist lächerlich", werde suggeriert, so Claus, der weiterführt: "ich habe das als extrem Intellektuellen- ja als denkfeindlich empfunden, vor allem sich anbiedernd bei dumpfbackigen Stammtischgrölern." Die  Freiheit des Denkens werde auf schmuddelige Weise niedergetrampelt. Und: "ich war dann auch entsetzt über die Reaktion des Publikums, die positiv war." Fazit: "Ich finde diesen Abend widerwärtig."

 

 
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