Was die Taliban gemacht haben

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2015. A. serviert Tee. Würzigen, stark gesüßten Tee, ich mag keinen Tee, aber ich bekomme das Glas in die Hand gedrückt, und ich weiß nicht, ob es grob unhöflich wäre, abzulehnen. Es ist nicht leicht, irgendwo anzukommen, wo man die Konventionen des Miteinander nicht versteht, also macht man erstmal mit. A. lächelt mir aufmunternd zu, ich lächle unsicher zurück, A. telefoniert, ich höre: Er kommt aus Afghanistan, die Taliban haben sein Dorf drangsaliert, seit einem Jahr ist er in Hamburg, er geht zur Berufsschule.

Vor ein paar Tagen sprachen die Hamburger Theaterchefs Karin Beier (Schauspielhaus) und Joachim Lux (Thalia) mit dem Hamburger Abendblatt über ihr Engagement für Refugees, und Lux betonte, dass sein Haus das Thema über die konkrete Hilfe hinaus auch theatral nutzbar machen möchte. Gernot Grünewalds Projekt "'an,kɔmən. Unbegleitet in Hamburg" ist genau dieses Nutzbarmachen: Grünewald und Bühnenbildner Michael Köpke haben zwölf enge Kammern in die Hinterbühne der Thalia-Nebenspielstätte Gaußstraße gebaut, bevölkert von insgesamt acht jungen Männern aus Pakistan, Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste (die im Programm nicht namentlich genannt werden, "zum Schutz der Jugendlichen"). Der Zuschauer betritt einzeln eine Kammer und bekommt vom Anwesenden fünf Minuten Einblick in dessen Leben, dann ertönt ein Gong, und es wird in die nächste Kammer gewechselt.

Der Nutzen der Refugees fürs Theater

"Wir wollten nicht, dass 200 Zuschauer in einem Theaterraum sitzen und Jugendliche anstarren", beschreibt Dramaturgin Anne Rietschel den Aufbau, "wir wollten Einzelbegegnungen." Ob tatsächlich eine Begegnung zustande kommt, wenn man nur fünf Minuten miteinander hat, ist natürlich fraglich, vielleicht ist das aber auch gar nicht wichtig – wichtig ist, dass sich hier Lebensgeschichten mit Gesichtern verbinden. "Was sind das für Menschen, die Tag für Tag in unser Land einreisen?", fragt scheinheilig ein AfD-Politiker in einer Bandeinspielung, nur um im nächsten Satz von steigender Kriminalität zu schwadronieren. "'an,kɔmən" hingegen zeigt: Würden die Rechtspopulisten sich auch nur ein bisschen Mühe geben, dann würden sie sehen, dass das Menschen sind wie M. von der Elfenbeinküste, S. aus Pakistan, oder M., der in Afghanistan als Hochzeitsfilmer arbeitete und der in Hamburg ein "Kameramann ohne Kamera" ist, weswegen er seine täglichen Wege durch die Hansestadt mit dem Handy abfilmt.

ankommen2 560 Fabian Hammerl studio fabian hammerl de uEchte Geschichten von echten Menschen © Fabian Hammerl

Ja, Refugees können fürs Theater nützlich sein. Das Theater ist (zumindest häufig) eine narrative Kunst – und Geschichten bringen die Geflüchteten mit, selbst wenn sie darüber hinaus wenig mitbringen. Die Gefahr bei einem Projekt wie "'an,kɔmən" ist allerdings, dass es vor allem die spektakulären, drastischen Geschichten sind, die in Erinnerung bleiben. Die Geschichte von H. aus Somalia, der von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz gezwungen wurde, ein Sprengstoffattentat auf seinen eigenen Onkel zu verüben. Die Geschichte von S. aus Pakistan, der den Zuschauer anzischt: "Willst du sehen, was die Taliban gemacht haben?", das Hemd auszieht und einen Rücken voller Narben entblößt. Da ist man unangenehm schnell bei der Polemik von den "Einwanderern, die uns nützen" – Refugees, die dem Theater nützen, sind solche, die möglichst von Kindersoldaten, von Mord und von Misshandlung erzählen, und irgendwie wohnt diesem Denken eine Hierarchie inne, die durchaus hinterfragt werden darf.

À la Rimini Protokoll

Fakt ist allerdings auch, dass der Parcours auf theatraler Ebene sehr gut funktioniert. Die Geschichten berühren, einerseits durch die beengte Situation der Einzelperformances, andererseits aber auch, weil die acht jungen Männer sich nichts schenken und einem mehr als einmal gehörig auf die Pelle rücken: M., der den Zuschauer animiert, die Wut über rassistische Vorurteile im exzessivem Tanz zu kanalisieren, S., der den Frust über seine ungesicherte Situation im Boxsport auslebt und den Zuschauer als Sparringspartner rekrutiert. Dass manche Kammern miteinander in Beziehung stehen, dass beispielsweise der Telefonanruf vom Beginn aus einer anderen Kammer kommt, erschließt sich erst nach und nach, beweist, wie genau Grünewalds Konzept gearbeitet ist, und verweist außerdem auf den ähnlichen Aufbau vom Rimini Protokolls Situation Rooms, einer für das Genre der theatralen Installation extrem wichtigen Arbeit.

Zu lernen gibt es bei "'an,kɔmən" nichts, bis auf das: Biografien sind individuell, man muss sich die Zeit nehmen, sich ihnen auszusetzen. Was einen zum Wermutstropfen des Stücks bringt. Pro Abend können gerade einmal zwölf Zuschauer teilnehmen, alle angesetzten Aufführungen sind jetzt schon ausverkauft, erst zum Festival Lessingtage im Januar soll "'an,kɔmən" noch einige Male gezeigt werden. Ein allzu großes Publikum wird sich den Biografien also nicht aussetzen können.

'an,kɔmən
Unbegleitet in Hamburg
Regie: Gernot Grünewald, Bühne: Michael Köpke, Projektleitung/Dramaturgie: Anne Rietschel, Theaterpädagogik: Sophie Arlt.
Mit: acht Hamburger Jugendlichen.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Mehr zum Engagement der Theater für Flüchtlinge: Seit Ende September sammeln wir in der (weiter wachsenden) Liste #RefugeesWelcome – Die Türen sind offen die zahllosen konkreten Hilfsinitiativen der Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz; außerdem berichten wir stichprobenartig von einzelnen Theater-Ereignissen in diesem Zusammenhang, zuletzt vom "Open Border Kongress" an Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen.

 

Kritikenrundschau

Die "Installation" stecke voller Hinweise auf den Konflikt des Theaters zwischen Kunst über/Kunst mit Geflüchtete/n, findet Michael Laages im Deutschlandfunk (25.10.15). Und gehe klug damit um, indem das Maximum an Intimität (ein Zuschauer und ein Geschichtenerzähler pro Kabine) durch einen "ganzen Handwerkskasten voller distanzschaffender Tricks" gekontert werde. "Schon Ali, mein Gastgeber zu Beginn, kocht zwar Tee und bereitet Kuchen vor (den es dann am Schluss zu probieren gibt) – von sich selber erzählt er aber dem Handy; der Anruf kommt von der Zuschauerin ein paar Zelt-Zimmer weiter rechts." Auf diese Weise seien der Schrecken und das Unsagbare präsent, aber ohne "Elendskitsch", so Laages: "Natürlich sind wir jungen Menschen begegnet, deren Erlebnishorizont wir nie ermessen können – aber im Zelt mit ihnen war (mit den Mitteln der Kunst!) das Alltägliche möglich: annähernd gleich zu werden."

"Die Zuschauer betreten eine Kabine und wissen nicht, was sie dort erwartet. In einer sitzt ein Junge und zeigt Fotos von sich mit Gewehr", so Heide Soltau auf NDR Kultur (26.10.2015). Ein anderer berichte am Telefon von seiner Flucht aus Afghanistan. Gernot Grünewald und sein Team haben einige Enttäuschungen während des Probenprozesses einstecken müssen. "Da gab es die Jugendlichen, die nach kurzer Probenzeit, die Lust verloren haben und weggebleiben sind. Andere hatten Probleme mit der Pünktlichkeit oder waren unzuverlässig. Zwölf sollten ursprünglich mitmachen, einer für jede Kabine, aber nur acht sind schließlich geblieben." Iim geschützten Rahmen des Theaters erzählen die Jungs nur das, was sie wollen. "Und vielleicht stärkt es ihr Selbstbewusstsein, wenn sie merken, dass Integration kein einseitiger Prozess ist. Nicht nur sie müssen lernen, sich in Deutschland zurechtzufinden, auch die Deutschen können und müssen von ihnen viel lernen. Aber was hilft das ihnen, wenn viele noch nicht einmal wissen, ob sie überhaupt hier bleiben können?"

"Aus Nachrichten werden Menschen in diesen Episoden. Genau darin liegt das wohl größte Verdienst: Nähe in einem geschützten Umfeld zu ermöglichen", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (24.10.2015). "Widersprüchliche Gefühle (Darf man einen jungen Flüchtling unsympathisch finden?), Irritation, auch Zweifel muss der Zuschauer aushalten." Am Schluss, kurz bevor es süßen Tee und ein Stück afghanischen Kuchen gibt, laufen über Lautsprecher Ausschnitte aus aktuellen Nachrichtensendungen über Anschläge auf Flüchtlingsheime. "Viele Ausschnitte. Viele Anschläge. Und man schämt sich."

Im Titel stecke der Schlüssel zum Stück. "Ein Verb, geschrieben in Lautschrift, das eine nicht abgeschlossene Tätigkeit bezeichnet", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (26.11.2015). "So gelesen, wirkt das Wort wie eine Lernaufgabe aller – nicht bloß der Flüchtenden, sondern auch der Sesshaften." Bis vor Kurzem hätten die Figuren der deutschen Gegenwartsdramatik vor allem an ihrer eigenen Weltteilnahmslosigkeit gelitten. "Aber die Lage hat sich geändert", so Kümmel. "Es verbindet die Menschen jetzt, dass sie etwas spüren."

 

 

 
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