Mit blutigem Heiligenschein

von Katrin Ullmann

Hamburg, 31. Oktober 2015. "Steh auf Johanna, lass die Herde, Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft. Nimm diese Fahne! Dieses Schwert umgürte dir! Damit vertilge meines Volkes Feinde." So habe die Heilige zu ihr gesprochen, erzählt Johanna. So habe sie ihre Berufung gefunden. Johanna, die Schafhirtin, Johanna, die Traumseherin, Johanna von Orléans. Mit der Kraft dieser Erscheinung wird sie Frankreich aus dem Hundertjährigen Krieg führen. Wird England besiegen und König Karl VII. zu dessen Krönung nach Reims führen.

Friedrich Schiller, und nicht nur er, hat um und über die französische Nationalheldin ein Drama gebaut. 1801 uraufgeführt, war es zu des Dichters Lebzeiten eines der am häufigsten gespielten Stücke. Mittlerweile ist es – sicherlich aus Furcht vor rhetorischem Pathos und endloser Länge – selten auf den Spielplänen zu finden. Am Hamburger Schauspielhaus hat Tilmann Köhler es auf die Bühne gebracht, inklusive einiger grob hinzugefügter Fremdtexte in nicht einmal zwei Stunden.

Jungfrau1 560 Matthias Horn uIst diese Johanna eiskalt? Oder brodeln unterm blutbefleckten Hemd doch die Skrupel? Anne Müller als Jungfrau von Orléans, im Hintergrund Paul Herwig als König Karl VII. © Matthias Horn

Trumpf Anne Müller

Köhler, der 2007 mit gerade 27 Jahren und seiner Weimarer Inszenierung von "Krankheit der Jugend" zum Berliner Theatertreffen eingeladen war und mit "Othello" zum Münchner Festival "Radikal Jung", inszeniert regelmäßig in Berlin und ist Hausregisseur am Schauspiel Dresden. In Hamburg arbeitet er zum ersten Mal. Und Anne Müller spielt die Hauptrolle. Das wäre schon mal ein Hauptgewinn. Und ist es auch – zumindest in den ersten Zügen des Abends. Da spielt Anne Müller jene fremdbestimmte junge Frau so überzeugt und klar, erklärt der versammelten Regentenschaft so barfüßig und selbstverständlich von ihrer Mission, dass man die besondere Eingebung dieser Figur, ihre besondere Energie zu sehen meint. Und den Heiligenschein gleich mit dazu.

Mit heller, fast mädchenhafter Stimme, die sich in ihren herb durchtrainierten Körper irgendwie eingeschmuggelt haben muss, gibt Anne Müller Johannas Vision wieder – ganz einfach und klar und doch besessen. Aus dem Publikum heraus spricht sie zu Karls Hofstaat, den Köhler klug als Konferenz mit Wortmelde- und Anzugpflicht inszeniert. Der verzweifelte Karl VII. (fein nuanciert: Paul Herwig) glaubt Johanna nur zu gern, seine Berater fachsimpeln kurz und engagieren sie dann. Und damit bloß kein falscher Mädchencharme aufkommt, schlitzt Johanna gleich darauf dem um Gnade jaulenden Montgomery (Alexander Angeletta) so routiniert den Hals durch, dass dabei nicht einmal dessen letzte Zigarette verglüht.

Mit Unerbittlichkeit bewaffnet

Ja, Anne Müllers Johanna hat "ihr Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnet". Als sie morden lässt und schlachten und mit einem kalkulierten Nebensatz Burgund und Frankreich versöhnt, steht sie vorne an der Rampe und spricht ins Publikum – ganz so, als ginge sie das von ihr initiierte Geschehen rein gar nichts an. Nur ihre Augen flirren dann unruhig hin und her, ihr Mund verzieht sich schief, als litte sie schon jetzt unter Skrupeln ob dieser Taten. Der König indes freut sich männerbündisch der gewonnenen Schlachten. Im silbern glänzenden, eindrucksvollen Bühnenrund von Karoly Risz – eine Halfpipe, ein Krater, eine Feuerschale, ein Blutbecken, eine unvollendete Arena! – spendiert er seinen Herzögen und Offizieren ein Extra-Fläschchen Champagner, tauscht Siegeranekdoten und Zigarren.

Jungfrau3 560 Matthias Horn uBlutbecken, Halfpipe, Krater, Feuerschale, Halb-Arena – das eindrucksvolle und assoziationsweite Bühnenbild von Karoly Risz © Matthias Horn

Dass jene scheinbar jeglichen Emotionen enthobene Jungfrau von Orléans sich nicht mit Weltlichem entlohnen lässt, versteht Karl VII. nicht. Dass diese realitätsferne Johanna sich später dennoch in den englischen Anführer Lionel (Jonas Hien) verliebt, versteht widerum der Zuschauer nicht. Zu gleichklingend inszeniert Köhler diesen Wendepunkt. Zu kühl, zu rasch. Ob anschließend eine ketzerische Verhandlung geführt wird, in der man Johanna der Hexerei beschuldigt und verbannt, ob deutsche Schlager am Hofe gesungen werden oder die Schuldfrage gestellt wird: Die Rast- und Ratlosigkeit, die innere Zerissenheit von Köhlers Johanna lässt einen am Schluss merkwürdig unberührt.

Johannas ganz persönliche Schlacht

Johannas Verbannung wirkt da fast wie die Befreiung einer gefangenen Seele, wie ein angenehmer Ausweg vor den manisch vereinnahmenden Franzosen. Zumal Köhler, gegen Schiller, Johannas erneuten Kampf gegen die vorrückenden Briten nicht auserzählt. Die kriegerische Todessehnsucht der Protagonistin interpretiert er vielmehr als selbstbestimmten Entschluss, als innere Entscheidung für den Suizid, als letzte rettende Möglichkeit. Wenn Anne Müller am Schluss an der Rampe steht – im weißen Mädchenkleid und hell erleuchtet – ist ein erregter Schlussmonolog ihre ganz persönliche Schlacht und scheint zugleich wie eine Vorbereitung für den Selbstmord.

Am Ende wird Köhlers Inszenierung von Schillers Drama damit seltsam privat. Fern sind Angst, Schrecken und Bedrohung, fern sind die versuchten Bezüge zur Gegenwart, fern ist der zuvor geübte Kriegshorror und die grausame Beliebigkeit der Kriegstreiberei.

 

Die Jungfrau von Orléans
von Friedrich Schiller
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Licht: Rebekka Dahnke, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Alexander Angeletta, Paul Herwig, Jonas Hien, Jakob Immervoll, Anne Müller, Josef Ostendorf, Michael Weber, Samuel Weiss, Gala Othero Winter, Musiker: Sebastian Borsch, Stephan Meinberg.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Michael Laages schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (1.11.2015), die Bühnenbildner von Karoly Risz garantierten Köhlers Inszenierungen "stets klare, kraftvolle Ideen fürs Auge" und "Struktur", die dem Theaterabend Orientierung gebe. So in Hamburg das glatt-silberne "Stadion-Halbrund" aus dem die Kriegsreden tönten und das Mädchen Johanna konditionierten für die Karriere als Kriegerin. Tilmann Köhler schaue mit zeitgenössischem Blick auf das Stück, die grandiose Anne Müller, die als Johanna auf der Bühne brenne "wie im Furor pur", ziehe in die "Schlachten von heute". Dieser Schiller verblüffe und überzeuge, Köhler könne zeigen, "wohin das Alte heute ganz neu führt".

Dagegen schreibt Wolfgang Höbel schreibt auf Spiegel Online (1.11.2015), es sei zwar eine Weile "durchaus vergnüglich" Köhlers "Aktualisierungseinfällen" mit den eingeschobenen Texten zuzuschauen. Er erzähle die Geschichte von Schillers "Jungfrau" als "beinahe brechtische Fabel" mit sehr viel "Moral". Mit seiner Heldin sei er leider allzu schnell fertig. "Er lässt die Schlachtschüssel blutrot, azurblau und golden leuchten, er lässt die Männer brüllen und säfteln, aber die Heldin bleibt ein nie ernsthaft zauderndes, wild entschlossenes, unerbittlich die Faust reckendes Monstrum". Köhler sei ein Regisseur des "klaren Zugriffs". Das sei "sein Vorzug und hier sein Problem". Bei Köhler sei Johanna eine Verblendete, eine Selbstmordattentäterin. Wir könnten nicht "trauern um diese Frau".

Auf NDR.de (2.11.2015) schreibt Heide Soltau, Risz' silberne Schüssel sei ein "schönes Bild, das die Machtverhältnisse illustriert", aber wenig über Johanna und ihre Motive aussage. Daran kranke die Inszenierung. Johanna bleibe "erschreckend blass". Anne Müller wirke "fahrig", ihr fehle die "Überzeugungskraft" - und die schillerschen Texte sprechen könne sie auch nicht. "Warum ist das dem Regisseur nicht aufgefallen? In den Rängen sei es fast unmöglich gewesen, dem Bühnengeschehen akustisch zu folgen, bemängelten die Zuschauer". Von der Komplexität Johannas vermittele sich dem Zuschauer kaum etwas. Die Inszenierung klebe an der Oberfläche und beschäftige sich mit den Machtspielen, sie bleibe "unscharf und beliebig".

Armgard Seegers schreibt, wiederum au contraire, im Hamburger Abendblatt (2.11.2015): Köhler gelinge "das Kunststück, uns das Drama als sehr modern zu präsentieren. Und damit nahe zu bringen." Die Leistungen der Schauspieler, namentlich die von Müller und Herwig seien glänzend. "Männerwelt und Frauenschicksal, Elite und Underdog, Schuld und Unschuld, Reinheit und Zynismus – all dies wird miteiander gekonnt konfrontiert." Anne Müllers Johanna sei "rein und voller Energie", ihr Körper "sportlich", die Stimme "sanft und frisch". Ein armes Hascherl sei sie nicht, stattdessen schneidet sie Hälse durch. Es blieben am Ende viele Fragen offen. "Kein Zweifel aber daran, dass dies ein erhellender Theaterabend war."

In der Welt (3.11.2015) berichtet Stefan Grund: "Der Heilige Krieg für und gegen den gottgewollten Staat ist, so lehrt Köhler, eine Urgewalt, fest verankert in der dunklen Seite der menschlichen Natur, unkaputtbar wie der Wahnsinn seiner Prediger."

 

 
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