Du bist nichts, die Idee ist alles

von Esther Slevogt

Berlin, 19. März 2008. Nein, mit dem Ausbeuter mag der junge Genossse nicht essen! Nicht mit diesem Ausbeuter, der dazu noch seine Arbeiter schlecht ernährt. Da hilft auch nicht, dass es eigentlich sein revolutionärer Auftrag war, den Ausbeuter zu bewegen, seine Arbeiter gegen fremde Besatzer zu bewaffnen. Er will einfach nicht.

Und dann kommen sie, die berüchtigten Chorpassagen von Bertolt Brechts und Hanns Eislers Lehrstück "Die Maßnahme", die danach fragen, ob nicht der Zweck jedes Mittel heiligt. Ob man sich den Luxus privater Moral leisten darf, wenn es um dringend fällige Weltveränderung geht, ob Mitgefühl nicht Sand im Getriebe der Revolution ist. Erst leise, beinahe sehnsuchtsvoll, flehend. Dann in immer drängenderem, vorwurfsvollem und am Ende fordernden Crescendo: Dass man zwecks Weltverbesserung gefälligst sogar den Schlächter höchstpersönlich zu umarmen habe.

Welche Revolution, welche Mittel, welcher Zweck?

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz hat nun Frank Castorf pünktlich zu Ostern dieses umstrittene stalinistische Passionsspiel von 1929 über einen jungen Genossen, der am Ende seiner eigenen Hinrichtung zustimmen muss, wieder ausgegraben und zusammen mit Heiner Müllers 1970 entstandener Variation des Stoffes, "Mauser", zu einem Abend verschweißt, an dem choreografierend auch Meg Stuart mitgewirkt hat. Während bei Brecht der Genosse seine finale revolutionäre Lektion willig lernt und seinem Tod zustimmt, in den ihn die Genossen dann fast zärtlich begleiten, klammert er sich bei Müller in unrevolutionärem Hedonismus ans eigene jämmerliche Leben und wird einfach abgeknallt.

Derlei revolutionäre Disziplin hat, wir wissen es heute, der Welt wenig gebracht. Obwohl die Logik der Parteidisziplin immer noch zwingend ist: Du bist nichts, die Idee ist alles. Zumal diese Form der Parteidisziplin den neoliberalen Spielarten des Kapitalismus ähnlicher ist, als ihren Vordenkern wohl je bewusst gewesen sein dürfte. Jedes moderne Assessment-Center fordert im Mitarbeitertraining kompromisslose Unterwerfung unter das Firmenziel. Längst gibt es diese Form der Entindividualisierung auch als Showformat – mit Casting-Jury statt Parteikontrollkommission. Es gäbe also Anhaltspunkte genug, den Stoff einer Revision zu unterziehen.

Ewige Baustelle

In der Volksbühne hat der junge brasilianische Künstler Thiago Bortolozzo ein riesiges Holzgerüst quer über die Bühne gebaut, das hinten links ins Nichts ansteigt: Baustelle der Weltrevolution mit Ausgang ins Nirwana. Vorn fällt bedrohlich tief der Orchestergraben ab, in dem veritable Musiker sitzen. Der Dirigent wird per Video auf den Bühnenhorizont projiziert, so dass er überlebensgroß den gemischten Chor sozusagen ferngesteuert leiten kann. Dieser erhebt sich alsbald aus den hinteren Parkettreihen des Zuschauerraums und trägt in alter Frische die mitreißenden Eisler-Melodien vor, dieses agitatorisch-suggestive Gemisch aus barockem Oratorium und Agit-Prop.

Gewandet sind die Damen und Herren höchst unvolksbühnenhaft in spießige Chor-Abendgardrobe aus Samt und Jackett, was wohl als volksbühnenspezifischer V-Effekt gewertet werden muss: Seht, auch diese berüchtigten Lieder sind inzwischen im Kulturkanon angekommen. Oder im Liedgut des Bürgertums. Ansonsten turnt ein lässiges Revolutionärsquintett (Hermann Beyer, Sebastian König, Christoph Letkowski, Trystan Pütter und Jeanette Spassova) uns in dreieinhalb pausenlosen Stunden auf dem Gerüst noch mal das gute alte Lehrstück "Die Maßnahme" vor, und zwar wider Erwarten beinahe gänzlich unzertrümmert vom Blatt gespielt. Die alten Meister sind der Volksbühne eben doch noch was wert!

Chorgarderobe, Glitzerkleidchen, Militärjacken

Äußerlich sind die Spieler eher an der revolutionären Ästhetik der 60er Jahre orientiert: Militärjacken und Stiefel, Che Guevara oder die RAF lassen grüßen. Bloß Jeanette Spassova wechselt ihre Glitzerkleidchen immer schneller, je weiter der Abend voranschreitet. Aber diese Fußnote zum Glamourfaktor der Revolution sagt ja nichts wirklich Neues. Wie auch sonst der Abend leider kaum mit sachdienlichen Hinweisen zu Stoff und Thematik aufwartet. Der Chor, der weniger mit agitatorischer Schärfe als mit Inbrunst operiert, weshalb seine mitreißende Kraft leider recht bald aufgebraucht ist, beginnt irgendwann zu wandern – vom Zuschauerraum auf die Bühne – hier lassen dann Ulrich Rasches Chorprojekte grüßen, dessen Chorleiter Marcus Crome diesmal den "Volksbühnenchor" geleitet hat.

Und als dann die "Maßnahme" mit den Volksbühnen-üblichen Videoprojektionen kleinerer Szenen in gebotenem Respekt gespielt, der Genosse wie vorgesehen seinem Ende zugestimmt und der Chor diese Entscheidung gebilligt hat, kommt Heiner Müller dran. Mit einem kurzen Ausflug in dessen "Mauser" hatte der Abend bereits begonnen und durch ein paar flapsig-genial montierte Dialoge den abtrünnigen, irrenden und todgeweihten Genossen mit der Figur Heiner Müller selbst überblendet. "Oftmals tat er das richtige/Zuletzt das Falsche" heißt es zum Beispiel, und ein Schelm, wer dabei an Müllers Stasi-Mitarbeit denken musste.

Am Ende Rückzug mit Akkordeon an den Gartentisch

Aber das war nur ein kleines assoziatives Highlight am Anfang, das nicht hielt, was es an Auseinandersetzung mit dem Material versprach. Stattdessen baute Meg Stuart dann verdruckste Revolutionsromantik als Choreografieeinlagen ein: zur rockig-depressiven Bassläufen (Paul Lemp) zuckten autistische Revolutionäre ohne rechten inhaltlichen oder gar ästhetischen Kontext. Überhaupt traten die verschiedenen künstlerischen Mittel des Abends selten wirklich miteinander in Beziehung. Einig waren sie sich höchstens in einer nicht weiter reflektierten Sehnsucht nach jenen Zeiten, als revolutionäres Pathos so ungebrochen noch möglich war. Ein Pathos, dem der Abend am Ende auch seinen frenetischen Beifall verdankte. Die alten Lieder funktionieren eben immer noch.

Doch vorher wird der Genosse erschossen. Hermann Beyer bleibt einen Moment stehen. Dann sackt er zusammen. Die restlichen Revolutionäre ziehen sich an den Gartentisch aus Plastik zurück, wo sie vorher schon immer mal wieder saßen. Einer klimpert sentimental auf dem Akkordeon, und man singt leise einen alten Rolling-Stones-Hit vor sich hin: "You can’t always get what you want". Bloß, was wollte man eigentlich?

 

Die Maßnahme/Mauser
von Brecht/Eisler/Müller
Regie: Frank Castorf, Choreografie "Mauser": Meg Stuart, Bühne: Thiago Bortolozzo, Kostüme: Arianne Vitale, Musikalische Leitung: Marcus Crome, Musik Mauser: Paul Lemp. Mit: Hermann Beyer, Sebastian König, Christoph Letkowski, Trystan Püttner, Jeanette Spassova, Andreas Barth, Frank Bauszus, Winnie Böwe, Anna Kratky und dem Volksbühnen-Chor.

www.volksbuehne-berlin.de

 

 

Kritikenrundschau

"Der Lehrwert tendiert gegen Null", fasst Dirk Pilz noch einmal in der Frankfurter Rundschau (26.3.2008) zusammen. Am Anfang gibt es "Verfremdung auf Castorfisch, das ist durchaus sinnvoll." Dann aber würde eine Spielweise folgen, "die mit psychologischen Beglaubigungsverfahren flirtet", folgen Szenen, "die nichts als harmlose Illustration und billiges Bebildern wollen." Brecht-Müller werd im "Einfühlungssumpf" versenkt. "Kaum zu glauben. Man kann es aber vor allem hören." Die vielfachen Verweise in Eislers Musik auf Bachs "Matthäuspassion", die Trauereinschübe und Protestzwischentöne, "es ist alles zu wabernder Gefühligkeit vermanscht." Dem Gesamtkonzept der Inszenierung werde damit der Boden entrissen. "Müller kommentiert Brecht, Brecht selbst seinen 'Jasager', Eisler die Alte Musik. Ein Geflecht, das mit den Tanz-Szenen noch vielschichtiger zu werden versprach. Die Bühnenwirklichkeit ist allerdings Beziehungslosigkeit."

Die Frage, was uns eine "Maßnahme" und ein "Mauser" anno 2008 in der Volksbühne noch sagen sollen, habe Frank Castorf mit seiner Inszenierung nicht beantworten können, befindet Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (22.3.2008). Dabei könne man Castorf im vorliegenden Fall noch nicht mal vorwerfen, "lediglich schal seine alten Mittel zu reanimieren". Vielmehr lasse er die beiden Texte "dekonstruktions- und einwurfsunwillig vom Blatt spielen, nacheinander; bei unzynischer Grundhaltung". Trotzdem verweist jede Aktion dieses Abends aus Sicht der Kritikerin immer nur auf die Auftaktinformation, in der Heiner Müllers Diktum zitiert worden sei: "Mir fällt zum Lehrstück nichts mehr ein". Dies sei als Haltung zwar nachvollziehbar, aber keinesfalls abendfüllend. Auch Meg Stuarts "choreografische Todesarteneinlagen" wirken auf Wahl so beliebig, dass ihr "gleich zwanzig Stoffe einfallen, für die sie umgehend recycelbar wären".

Frank Castorf habe das Martyrium des jungen Genossen "wie ein gehorsamer Messdiener" inszeniert, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (22.3.2008) Die Schauspieler widmeten sich wohlgelaunt und kontrolliert Wort, Schrei und Tat. Der großartige Volksbühnen-Chor sowie das 13-köpfige Orchester unter der Leitung von Marcus Crome "feiern die lecker-sündige Musik von Eisler". So kann das Passionsspiel für Seidler zunächst seine unheilvolle Wirkung entfalten. Doch weil es Castorf nicht wage, Brechts Stück in seiner "tragischen Ambivalenz ohne kritischen Kommentar stehen zu lassen", nutze er Müllers Mauser, es zu dekonstruieren. Und Heiner Müller, der Lehrstück und Revolution "frech lästerte", werde, vom einstigen Müller-Protagonisten Hermann Beyer gespielt, "selbst vor das Tribunal der zuletzt kichernden, bürgerlichen Nachwelt gezerrt." Dies helfe dem Abend diskursiv aber ebensowenig weiter, wie Meg Stuarts dekorative "Terrorismus-Choreografien", die den Abend für Seidler vollends zur Geduldsprobe machen.

Frank Castorf habe Brechts "Maßnahme" als erstaunlich ironiefreies Singspiel, inszeniert, konstatiert Eva Behrendt in der taz (22.3.2008) "Aus dem Orchestergraben schallert das Eisler-Orchester", auf dem Holzgerüst auf der Bühne turnten die Schauspieler als trashiges Propagandatrüppchen herum. Der Einzige, der diese zwei Stunden währende Erbauungsübung kommentieren dürfe, sei Heiner Müller. "Die christliche Endzeit der MASSNAHME ist abgelaufen", zitiert Hermann Beyer aus einem Müller-Brief von 1977, "der Molotowcocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis. Was bleibt: einsame Texte, die auf Geschichte warten." So wartet später auch Heiner mit seinen Jüngern auf weißen Plastegartenmöbeln, und immer wenn er doch eine Kriegsgeschichte aus "Mauser" erzählt, zischen die Jungen genervt: "Mensch, Heiner!" Doch dann platze in diese ratlose Langeweile plötzlich Meg Stuart und zeigt mit ein paar Handgriffen, wie man "Mauser" doch noch inszenieren kann. Aus Sprache sieht Behrendt Bewegung, aus Gewalt Tanz werden. Für fünfzehn Minuten ist die Geschichte einer schrecklichen Ambivalenz für sie tatsächlich spürbar. Dann verliere sich auch Stuart ins Illustrative.

"Dieser Abend ist ein Selbstmordattentat", kanzelt in der Süddeutschen Zeitung (22.3.2008) Peter Laudenbach den Abend in einer Vierzig-Zeilen-Glosse ab. Frank Castorf habe mit Brechts "Die Maßnahme" und Müllers "Mauser" "zwei linksradikal-nostalgische Stücke" inszeniert, "Passionsspiele, die den revolutionären Terror" feiern würden. "Die Hinrichtung nicht linientreuer Genossen wird als religiöse Opferszene überhöht, das Blutbad als erlösende Reinigung verkitscht." Castorf führe ausgiebig vor, dass ihm zum ideologischen Giftmüll dieser menschenverachtenden Texte nichts einfalle. Die "eher gezappelten als geformten Tanzszenen", die die Choreografin Meg Stuart zu dem Desaster beigesteuert habe, machen es für ihn auch nicht besser. "Heiner Müllers Theater des Todes schrumpft zu einem Theater der tödlichen Langeweile, von Brechts Lehrstück bleibt nur Leerlauf übrig."

Dank Eislers "farbig glorifizierender, mal fugierender, mal süffig à la Kurt Weill auftrumpfender Komposition, die das tief in den Graben versenkte Orchester unter Marcus Crome mit Pep, Pfiff und Pauken bewältigt" und der Leistung des Chores, bekommt "Die Maßnahme" für I
rene Bazinger in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (22.3.2008) "zumindest halbwegs Form und Konsequenz". Ansonsten bescheinigt sie dem Abend, der aus ihrer Sicht harmlos dahin tröpfelt und auf jede kritische Rück- oder Vorschau, auf jede Haltung zum Geschehen oder erkennbare Interpretation völlig verzichtet, "diskursive Monotonie" und Belanglosigkeit. Lediglich die "emotionale Körperlichkeit" von Meg Stuarts Choreografien wirkt auf sie "wie Wasser in der Regie-Wüste". Wobei die Schauspieler Irene Bazinger insgesamt "weder in dem, was sie tun, noch in dem, was sie sagen", überzeugen können, sondern eher den Eindruck machen, "als hätte sich ihnen Handlung und Text nicht komplett erschlossen".

Frank Castorf schüttele die verschiedensten Elemente der beiden Stücke durcheinander, "ohne zu fragen, ob das Gros der Zuschauer die Thematik der Stücke und ihre Relativierung durch die Regie überhaupt verstehen und nachvollziehen kann", kritisiert Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (22.3.2008) die Inszenierung. "Die Frage nach dem aktuellen Wozu und Warum bleibt ohnehin unbeantwortet."

 

 

 
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