Im Steinhagel

von Matthias Schümann

Rostock, 7. November 2015. "Es herrscht ein schöner Geist von Verträglichkeit in unserer Stadt!" Der Mann, der diesen ersten Satz feierlich ins Publikum spricht, trägt Schlips und Kragen, dazu einen taubenblauen Anzug. Doch seine Augen sind gerötet, die Gesichtsfarbe ist ungesund, er scheint wie von Staub bedeckt. Es handelt sich um den Stadtvogt Peter Stockmann aus Henrik Ibsens "Ein Volksfeind". Das Stück handelt von kommunalpolitischen Händeln und Ränkespielen, in denen eine Aussage nur so viel wert ist, wie sie in die Argumentation der in der Stadtverwaltung tonangebenden Kräfte passt, weshalb es gern als Kommentar auf lokale Kulturpolitik inszeniert wird.

In Rostock hat es damit seine besondere Bewandtnis, nachdem Anfang dieses Jahres Sewan Latchinian, Intendant des Theaters, wegen einer unbedachten kritischen Äußerung zum geplanten Abbau zweier Theatersparten von seinem Dienstherren in die Wüste geschickt wurde – aus der er mittlerweile zurückkehren durfte, um die aktuelle Spielzeit des Theaters zu gestalten. Entsprechend ist Ibsens Stadtvogt zum Oberbürgermeister umgetauft worden, und die ganze Inszenierung nimmt Bezug auf das kritikwürdige Agieren der "kompakten Majorität" der Bürgerschaft.

Mit der Windel im Gepräck

Die Parallelitäten liegen auf der Hand: Rostock hat mit seinem Seebad Warnemünde eine direkte Anbindung ans Meer, die Region lebt vom Tourismus und der "Gesundheitswirtschaft". Wenn da einer wie Ibsens Arzt Thomas Stockmann kommt, der diese Welt ins Wanken bringt, dann muss er mit massiven Widerständen rechnen. Till Demuth spielt diesen Stockmann, der der Bruder des Bürgermeisters ist, als naiven Strahlemann. Am Ende ist auch er verbohrt und dem Wahnsinn nah, doch letztlich lässt ihn die Rostocker Inszenierung als standhaften Menschen überdauern.

EinVolksfeind3 560 Dorit Gaetjen uBruderzwist an der Ostsee: Till Demuth als Dr. Stockmann und Ulrich K. Müller als Oberbürgermeister © Dorit Gaetjen

Ansonsten regiert die Übertreibung. Latchinians "Volksfeind" ist grell und laut. Die Figuren sind nicht nur leichenhaft geschminkt, sondern auch sonst stark überzeichnet, bewegen sich mit großen Gesten über die Bühne und skandieren geradezu ihre Texte. Für Zwischentöne ist da nicht viel Platz, die Charaktere sind festgelegt und funktionieren in den ihnen zugewiesenen Bahnen. Ulrich K. Müller spielt den Bürgermeister Peter Stockmann als verderbt schillernden Charakter, als eingebildeten Stadtvater, der unter Diarrhoe leidet und eine Windel in seiner Aktentasche bei sich trägt. Eben noch übergibt er sich auf der Bühne, um sich sofort wieder als Volkstribun mit einer flammenden Rede zu präsentieren. Müller gelingt die Gratwanderung zwischen niederträchtigem Politiker und vielleicht doch sympathischem Machtmenschen. Umso größer ist am Ende die Fallhöhe.

Im Strandkorb-Urlaubsland

Die anderen Figuren haben nicht so viel Spielraum. Da wird viel gehüstelt und an blutigen Ausschlägen gekratzt. Inga Wolff als "Volksbote"-Redakteurin Hovstedt mit riesigen Brüsten ist eine Journalistinnen-Karikatur ohne eigenen Standpunkt, die vor allem ihre sexuellen Defizite zur Schau tragen muss. Offenbar hat sie eine Liaison mit Druckereibesitzer Aslaksen (Alexander Wulke), dem nach und nach die Haare ausgehen, und der irgendwo zwischen windigem Geschäftsmann und Hooligan changiert. Andere Figuren bleiben blass, etwa Juschka Spitzer als hochschwangere und infantil jammernde Ehefrau Peter Stockmanns, und deren Tochter Petra, die Sabrina Frank als schielende Wohnzimmer-Intellektuelle spielt, die ihren Vater vergöttert.

EinVolksfeind1 560 Dorit Gaetjen uWer ist hier der Feind? Schauspielensemble gegen Opernchor © Dorit Gaetjen

Was die Figuren zuviel haben, das hat die Bühne zu wenig. "Spielstätte Ruhe!" steht in Fraktur auf der riesigen Wand, die den hinteren Bühnenraum verdeckt. Auch vorn gibt es nicht viel zu sehen: nur ein Podest und einen Strandkorb, den Bürgermeister Stockmann gleich am Anfang enthüllt. Damit ist die Inszenierung wieder ganz dicht dran an der Wirklichkeit. Denn der Strandkorb ist für Mecklenburg-Vorpommern das Symbol schlechthin für ein erfolgreiches Landesmarketing.

Freund und Feind in Zeiten von Pegida

Gleichzeitig steht er für die Idylle der Familie Stockmann, und nicht nur für ihre. Als am Ende die metallene Bühnenwand hochfährt, stehen da viele dieser blauweißen Sitzgelegenheiten, und aus ihnen erhebt sich der Mob, der das Heim des jetzt zum "Volksfeind" erklärten Stockmann unter einem Steinehagel begräbt. Dieser Mob wird von Mitgliedern des Opernchors des Theaters dargestellt, die inbrünstig die norwegische Nationalhymne intonieren – ein Verweis auf die Notwendigkeit, die vier Sparten zu erhalten (auch der Chor wäre von der Kürzung betroffen).

Aber spätestens an dieser Stelle wird auch deutlich, dass die Inszenierung Potential verschenkt. Denn das Prinzip der Ausgrenzung, der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem "Volk" als Freund oder Feind hat in Zeiten von Pegida eine Dimension, die über lokale Kleinkriege weit hinausgeht. Rostocker Bürger während einer Bürgerversammlung (die Darsteller sitzen im Publikum) über tatsächliche Missstände der Hansestadt schwadronieren zu lassen (in diesem Fall über eine historische Schleuse, die zugeschüttet werden soll) wirkt bei allem Respekt für den Versuch der Erdung und Öffnung der Inszenierung ein bisschen zu kurz gegriffen.

Dennoch gehört eben diese Bürgerversammlung zu den stärksten Momenten der Aufführung (Choreografie: Katja Taranu). Die Einbeziehung des Publikums in eine Abstimmung stellt basisdemokratische Verfahren als Farce dar. Denn als sich die Mehrheit der Theaterbesucher per Handzeichen zur Schließung des vergifteten Bades bekennt, ist die Abstimmung ungültig und muss bei der nächsten Aufführung wiederholt werden. Das ist so treffend inszeniert, dass es den lokalen Bezug gar nicht mehr gebraucht hätte.

 

Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen
Fassung des Volkstheaters Rostock
Regie: Sewan Latchinian, Ausstattung: Tobias Wartenberg, Dramaturgie: Martin Stefke, Choreografische Mitarbeit: Katja Taranu.
Mit: Till Demuth, Juschka Spitzer, Sabrina Frank, Ulrich K. Müller, Ulf Perthel, Inga Wolff, Stefen Schreier, Alexander Wilke, Damen und Herren des Opernchors des Volkstheaters Rostock
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.volkstheater-rostock.de

 

 
Kritikenrundschau

Eine "kluge Stückauswahl" für einen guten politischen Protest hat Juliane Hinz von den Norddeutschen Neuesten Nachrichten (9.11.2015) im Volkstheater erlebt. Die Umsetzung jedoch habe "Höhen und Tiefen". Die "erhabene Standhaftigkeit" des Protagonisten Dr. Stockmann sei "schon fast ermüdend", die "Witzfigur"-Komik seines Bruders und Gegenspielers etwas zu dick aufgetragen in der ernsten Lage. "Stark" werde das Stück, wo das "ganze Publikum in eine Bürgerversammlung einbezogen" werde. Fazit: Ein "Volksfeind" als "Protest, der sehr viel will, dabei aber die Kunst ein wenig aus dem Blick verliert".

Die Bezüge auf die Rostocker Stadtpolitik erscheinen Dietrich Pätzold in der Ostseezeitung (9.11.2015) etwas "plakativ", "aber so ist es wohl, wenn Realität direkt in die Kunst durchgreift". Bedenklicher findet der Kritiker, dass der Protagonist Dr. Stockmann "zu vorsichtig geführt" werde, und etwas wenig Raum zur Entfaltung erhalte. Dagegen triumphiere Ulrich K. Müller in der Rolle seines Gegenspielers als "borniert-raffinierter Oberbürgermeister".

 

 
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