Die Freiheit der Kunst der Anderen

Berlin, 9. November 2015. Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz tritt der Kritik an Falk Richters Stück "Fear" mit einem öffentlichen Schreiben entgegen. Einige Medien hätten Zusammenhänge zwischen der Inszenierung und Auto-Brandanschlägen auf die AfD-Vizevorsitzende und Europaparlamentarierin Beatrix von Storch und die Organisatorin der "Demo für alle" Hedwig Freifrau von Beverfoerde hergestellt (u.a. hatte die Berliner Boulevardzeitung b.z. die Ereignisse zusammen thematisiert, Anm. chr).

Die Schaubühne distanziert sich von dieser Darstellung. Das Stück rufe weder zur Gewalt gegen Personen noch gegen Sachen auf, sondern arbeite allein mit den Mitteln der satirischen Kunst: "Ebenjener Kunst", wie es in der Stellungnahme heißt, "deren Freiheit und Unantastbarkeit erst unlängst unter dem Motto 'Je suis Charlie' allerorts in Solidaritätsbekundungen gegen die Pariser Attentate so vollmundig beschworen wurde. Und zwar insbesondere von jenen Kreisen, die sich vor einer Islamisierung des Abendlandes fürchten – und eine Freiheit der Kunst immer nur wünschenswert finden, solange deren Kritik sich gegen andere richtet."

Die Schaubühne teilt weiter mit, dass sie in den letzten Tagen vermehrt Anrufe und Zuschriften gegen "Fear" erhalten habe, "zum Teil in Form von Gewalt- und Morddrohungen". Vor den Theatereingang sei ein Graffiti gesprüht worden, es sei zu Störungen von Vorstellungen gekommen.

Erst vor wenigen Tagen hatte AfD-Sprecher Christian Lüth für einen Eklat gesorgt, als er in einer Vorstellung von "Fear" Videoaufnahmen machte.

(chr)

Hier finden Sie die Stellungnahme der Schaubühne im kompletten Wortlaut.

Update vom 11. November 2015. Mittlerweile hat sich auch der Deutsche Kulturrat hinter die Schaubühne und Falk Richter gestellt. Sein Geschäftsführer Olaf Zimmermann sagte in einer Pressemitteilung: "Selbstverständlich ist die Aufführung von 'FEAR' durch die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit geschützt. Und selbstverständlich darf dem Druck aus der rechten Ecke zur Absetzung des Stückes nicht nachgegeben werden. Künstler dürfen sich nicht nur, sie müssen sich gerade jetzt in die Debatten einmischen."

(ape)

 

Presseschau

"Es gibt einen diffusen Hass bei Menschen aus dem Umfeld von AfD, Pegida und anderen rechtsnationalen Bewegungen, eine enorme Unzufriedenheit mit sich selbst, mit einer komplexer werdenden Gesellschaft", sagt Falk Richter im Interview mit der Berliner Morgenpost (10.11.2015). "Dieser Hass kann sich zur Zeit gegen alles richten: Mal wird dazu aufgerufen Kanzlerin Merkel zu hängen, alle Grenzen dicht zu machen und die Flüchtlinge an der Grenze abzuknallen oder ein Theaterstück, das sich kritisch mit rechten Strömungen auseinandersetzt, abzusetzen und den Autor zu lynchen. Dieser Hass richtet sich also gegen alle, die nicht mit ihnen einer Meinung sind, nicht nur gegen mich."

(sle)

Christine Watty von Deutschlandradio Kultur (10.11.2015) hat mit Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier gesprochen und hält die aggressiven Reaktionen auf "Fear" für "die beste Bestätigung (...), dass die Inszenierung einen Nerv getroffen hat", wie sie auf der D'radio-Website schreibt. Ostermeier zeigt sich von der Vehemenz der Angriffe überrascht: "Es war ja gar nicht unsere Absicht, solche Reaktionen hervorzurufen. Unsere Absicht war ja eher (...), so eine aufgeklärte Hipster-Gesellschaft, der wir leider (...) alle angehören, und ihre Untätigkeit und Ratlosigkeit ob der politischen Entwicklungen zu spiegeln." Die meisten Zuschauerzuschriften deuten ihm zufolge darauf hin, dass der Abend für viele wichtig ist: "Sie gehen aus dieser Aufführung gestärkt raus, sie haben wieder Mut geschöpft, weil sie das Gefühl haben, dass andere eine ähnliche Sicht auf die Welt und eine ähnliche Sorge um die politische Entwicklung in Deutschland haben." Man sei hingegen besorgt über die Forderung nach Absetzung des Stückes und die Unterstellung, die Schaubühne sei Mitauslöser für die Angriffe auf AfD-Anhänger. Politiker zu karikieren, habe eine "irrsinnig lange Tradition in den bürgerlichen Demokratien", und diese Freiheit dürfe nicht in Frage gestellt werden.

(ape)

"Das ist etwas zu viel der Ehre für paranoide Kleinbürger, die von der Diversität der Lebensstile und Kulturen überfordert sind", kommentiert Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.11.2015) die Vorgänge. Weil es in Falk Richters Inszenierung nicht um Genauigkeit, "sondern um robuste Feindbilder und die Pflege des Wir-Gefühls der moralischen Überlegenheit geht, werden in die Zombie-Parade auch noch die Berliner Journalisten Harald Martenstein und Matthias Matussek eingereiht. Die kann man für ihre schrulligen Ansichten belächeln, aber mit der NPD haben sie etwa so viel zu tun wie Falk Richter mit der RAF – nichts. Dass auf der Bühne erwogen wird, Zombies besser zu erschießen, macht den Abend nicht intelligenter." Die Konstruktion von Zusammenhängen zwischen den Inhalten der Inszenierung und Anschläge auf AfD-Personal jedoch sei ebenso lächerlich "wie Falk Richters Gleichsetzung der konservativen Journalisten mit Rechtsradikalen: Antifa-Aktivisten dürften für ihre Anschläge kaum die Inspiration der Schaubühne benötigen". Etwas Besseres als die sich daraufhin im Internet ausbreitende Aufregung hätte beiden Seiten aus Laudenbachs Sicht nicht passieren können: "Wie in gegenüber gestellten Zerrspiegeln machen sie einander zum Zweck der Selbstüberhöhung größer, bedeutsamer und monströser, als sie sind".

(sle)

Sind Richters "Hauptpersonen wider Willen" (Beatrix von Storch, Frauke Petry, Birgit Kell, Gabriele Kuby und Hedwig von Beverfoerde) tatsächlich "die ideologischen Erben der Nationalsozialisten? Ist das Plädoyer für eine Familie aus Vater, Mutter, Kindern eine faschistische Grenzverletzung?", fragt Alexander Kissler auf cicero.de (11.11.2015). "Haben sich die fünf Damen der 'Vernichtung' von Menschen schuldig gemacht?". Er hält die "hilflose Zombie-Revue" für einen "künstlichen Offenbarungseid und eine intellektuelle Bankrotterklärung." In "wahrlich aufgeheizter Zeit" gieße die Schaubühne Öl ins Feuer und deute "mit ausgestrecktem Finger auf eine sehr disparate Mischung liberaler, konservativer und rechtsextremer Gallionsfiguren." Auf welchen verschlungenen Pfaden" Worte zu Taten führten, sei "hochkomplex und nicht so simpel, wie es sich die Empörten jeglicher Couleur vorstellen. Pegida hat nicht 'mitgestochen', die 'Schaubühne' stand nicht Schmiere." Das "bevorzugte Stilmittel" des Abends sei "nicht die Satire, sondern der Hass. Er propagiert Vernichtung, nicht Diskurs, er ist eine Kampfansage, kein Diskussionsangebot. (...) Frauen mit abweichender Meinung aber zu unterstellen, in jeder Abweichung manifestiere sich der Geist der Nazis, zeugt von demokratischer Unreife, zeugt selbst von einer den Frauen unterstellten Sehnsucht nach dem reinen, einen Weltbild." Die angegriffenen Politikerinnen hätten "alles Recht", juristische Maßnahmen zu ergreifen. Der Schaubühne empfiehlt Kissler, "nach jeder Vorstellung eines ihrer Hassobjekte zum Streitgespräch" einzuladen: "Das nennt man Freiheit, das wäre Aufklärung, wäre echte Offenheit, die 'Fear' paradoxerweise meint durch Gesprächsverweigerung erreichen zu können."

(ape)

 

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