Am Rad der Geschichte

von Simone Kaempf

Berlin, 12. November 2015. Karls Marx‘ Mehrwerttheorie wird anhand einer geleerten französischen Rotweinflasche erklärt. Man ist schließlich in Paris, an einem Märztag im Jahr 1848. Republikanische Anhänger treffen sich nach einer Demonstration für die Einführung der Nationalversammlung. Nun schwappt der Rotwein in den Gläsern und die Suppe in den Tellern – bourgeoise Polit-Streitkultur trifft auf K-Gruppen-Diskussions-Stimmung. In dieses Ambiente verlegt der französische Regisseur Sylvain Creuzevault seine Inszenierung "Le Capital et son Singe" (Das Kapital und sein Affe) und lässt noch allerlei weitere gesellschaftliche Flaschengeister aufsteigen.

Im Prolog sprechen Michel Foucault, Sigmund Freud und Bertolt Brecht übers Überwachen, Verdrängen und Maskieren der Dinge. Ein Schauspieler imitiert ihr Streitgespräch in wechselnden Rollen. Zitiert werden auch Karl Liebknecht, Friedrich Engels und Karl Marx, Ophelia, Hamlet, oder der Gladiator Spartakus, Anführer des römischen Sklavenaufstands. Ein Ritt durch Gesellschaftstheorien will der Abend sein, der ein Geschichts-Panorama entfaltet und dabei die ganze Zeit an einer offenen langen Tafel verharrt – sehr wohl zu seinem Vorteil.

LeCapital2 560 MarineFromanger uDer Diskurs ist angerichtet: das Creuzevault-Ensemble in Aktion  © Marine Fromanger

Mehrere Teile hat "Le Capital et son Singe": im ersten treffen Umstürzler der Pariser Märzrevolution zusammen, der zweite Teil spielt 1919 nach dem Spartakusaufstand in Berlin; Sozialisten, Trotzkisten und andere Umstürzler sind Gäste auf einer Hochzeitsfeier, auf der man mit dem Bräutigam nach der Geschenkübergabe nahtlos das Debattieren beginnt. Dann hält ein Tribunal Anklage gegen verhaftete März-Revolutionäre. Sie reden, denken, verteidigen sich, wie es auch potentielle Umstürzler von heute tun: diskursgepimpert, um keine Antwort verlegen, engagiert, dann wieder ironisch unterspielend.

Durch Zeiten und Diskurse hüpfen

HAU-Leiterin Annemie Vanackere hat Creuzevaults Arbeit im vergangenen Jahr für sich entdeckt, nun als Gastspiel ans HAU geholt und auch gleich ein Mini-Festival namens "Marx‘ Gespenster" darum gebaut. Karl Marx‘ Mehrwerttheorie ist bei Creuzevault tatsächlich die Basis, auch wenn man aus der zeitlichen Geburtsstunde bald in andere Zeiten hüpft. Es ist ein sehr französischer Theaterabend, mit Verspieltheit, aber auch textgewaltig und didaktisch, sich an historischen politischen Umbrüchen abarbeitend.

Mit einfachen Antworten wartet "Le Capital et son Singe" nicht auf. Man wohnt eher der Entfaltung von etwas schwer Durchdringbaren bei: dem Verhältnis von Tauschwert- und Gebrauchswert des Arbeiters und der von ihm produzierten Waren. Schwer durchdringbar zumindest, wenn es quer durch die Zeiten und ideologischen Haltungen geht wie hier. Typen streiten miteinander wie der stets Krawatte-tragende Albert, der argumentiert, alle Staatsbetriebe abzuschaffen und lieber Transferleistunen an Arbeitslose zu zahlen. Oder Auguste, der sich für Arbeit als Menschenrecht einsetzt, um allen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.

Spielerische Erzählung

Die Argumente der Revolutionäre von 1848 klingen genauso allgemeingültig wie die der Spartakisten von 1919. Man weiß auch irgendwann gar nicht mehr, wann an der Weinflaschen-gespickten Tafel was spielt, aber so wortreich wird immer wieder das Austauschverhältnis von Arbeit und Ware umkreist, das bei aller Lockerheit auch das eigentlich Gefährliche zutage tritt: die Schaffung des Irrealen des Tauschverhältnisses. Wie es natürlich längst der Fall ist.

Der Fingerzeig zu heute darf am Ende auch noch sein, dann holen sich zwei Schauspieler ein iPhone 6 aus dem Zuschauerraum. Klar, das Stück Fetisch-Ware schlechthin, um das nun ein künstlicher Streit ausbricht, der die Freundschaft der beiden auf den Prüfstand stellt. Die Botschaft, dass der Konsument zum Produzent geworden ist, der das Austauschverhältnis entscheidend bestimmt, kommt wie nebenbei erzählt rüber nach teils ermüdenden Diskussionen. Und doch: Falsche Pädagogik oder plumpe Kapitalismuskritik umgeht Creuzevault, dreht am Rad der Zeit, und schafft es, spielerisch aus der Geburtsstunde des Kommunismus zu erzählen. Als ob sie gerade jetzt wieder stattfinden würde.

 

Le Capital et son singe (Das Kapital und sein Affe)
von Sylvain Creuzevault und Ensemble
Regie: Sylvain Creuzevault, Bühne: Julia Kravtsova, Kostüme: Pauline Kieffer, Camille Pénager, Lichtdesign: Vyara Stefanova, Nathalie Perrier, Masken: Loïc Nébréda.
Mit: Vincent Arot, Benoit Carré, Antoine Cegarra, Pierre Devérines, Lionel Dray, Arthur Igual, Clémence Jeanguillaume, Léo-Antonin Lutinier, Frédéric Noaille, Amandine Pudlo, Sylvain Sounier, Julien Villa, Noémie Zurletti.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

 
Kritikenrundschau

Zurückhaltend berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (14.11.2015) von diesem Auftakt des Marx-Festivals am HAU. "Ein Debattentheater entspinnt sich, das als historische Lektion viel Interessantes bringt und durch die starken Schauspieler auch nie fad wird, doch bleibt es ganz in der Vergangenheit stecken − auch als die Szenerie ins aufständische Berlin 1919 wechselt. Marx dient hier zwar als treffliches Analysewerkzeug, aber auf aktuellen Stand kommt man dabei nie."

Als "intellektuelle Überforderung" und "Geschichtsstunde für Fortgeschrittene" stuft Mounia Meiborg im rbb Kulturradio (13.11.2015) diesen Abend ein. Es werde rasend schnell gesprochen, aber szenisch wenig geboten, auch wenn man "den Schauspielern, die zum Teil sehr gekonnt Charakter-Typen verkörpern", gern zuschaue. "Der Abend kommt nicht richtig über die Historien-Klamotte hinaus."

In der Süddeutschen Zeitung (18.11.2015) ergänzt Meiborg: "Es ist ein Who is Who der Revolution, das hier aufgetischt wird - und angesichts der Vielzahl an historischen Bezügen eine Überforderung für die meisten deutschen Zuschauer." Creuzevault und seine Compagnie D'ores et déjà gäben Rätsel auf: "Warum sagen die als Revolutionäre verkleideten Schauspieler so brav ihren Text auf? Ist das nicht das Gegenteil von Revolution? Nur selten ist da eine Ironie; ein Hinweis darauf, dass der Mai 1848 schon ziemlich lang her ist. Über weite Strecken stammt der Abend aus der Mottenkiste des bürgerlichen Repräsentationstheaters, Abteilung Historiendrama."

 

 
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