Es war einmal in der DDR

von Tobias Prüwer

Halle, 13. November 2015. "Was machen wir, wenn die Lage da draußen eskaliert?" Ratlos blickt Oberstleutnant Schäfer über den Schlagbaum ins Publikum, das in diesem Moment selbst Teil jener Menge ist, die an der "Bornholmer Straße" am Abend des 9. November 1989 den Grenzübertritt nach West-Berlin verlangt. Nach dem gleichnamigen Film von Christian Schwochow ist der Wendezeit-Stoff als Bühnenadaption im Neuen Theater Halle zu sehen. Regisseur Jörg Steinberg hält sich eisern ans Drehbuch.

Die sichere Bank

Bekannte Stoffe aus Literatur oder Film auf die Bühne zu hieven, ist derzeitige Mode und lässt sich nur durch Aufmerksamkeitsökonomie erklären. Die Zuschauer "wissen, was sie erwartet", und meist erwartet sie auch genau das. Inhaltlich erschließt sich die Adaption von Bestsellern oder Blockbustern in den wenigsten Fällen. Auch in Halle setzt man mit der einem realen Wendeereignis nachgeformten "Bornholmer Straße" auf eine sichere Bank. Immerhin haben schon Millionen den Film gesehen.

Halle spielt den Stoff in realistischer Kulisse nach: Unter Peitschenleuchten ist hinter dem sich an der Bühnenkante hinziehenden Schlagbaum in U-Form die Mauer aufgebaut. Oben patrouillieren Wächter, unten sind ein Büro und ein Aufenthaltsraum mit Kiosk. Zur Einführung ins DDR-Grenz- und Abkürzungssystem tritt Parteisekretär Rotermund vors Publikum mit einem "Polylux", wie man damals Overheadprojektoren nannte. Till Schmidt erntet erste Lacher, wenn er diesen überzeugten SEDler akkurat und in regionaler Sprachfärbung gibt und auch mal Erich Honecker imitierend die Bedeutung von "GÜSt" (Grenzübertrittstelle) & Co. erläutert.

Bornholmer1 560 anna kolata uDie Gewehre können weg: Hagen Ritschel und Paul Simon als Grenzbeamte an der "Bornholmer Straße", kurz vor der friedlichen Maueröffnung 1989 © Anna Kolata

Lustig geht es weiter zu, als ein herrenloser Hund die Grenze kreuzt. Schlagartiges Entsetzen ereilt die Beamten aufgrund der neuen Reisebestimmungen, die ihnen via TV-Pressekonferenz Günter Schabowski – "sofort, unverzüglich" – verliest. Sie telefonieren Vorgesetzten hinterher, ohne einen Befehl zu bekommen. Weisungslos barmen sie mit ihrer Situation, vor eine immer größer werdende Menschenmenge gestellt zu sein, die gen Grenzübergang drängt. Die chinesische Lösung wird diskutiert, zu der es, glücklicherweise nicht kommt, weil Oberstleutnant Schäfer die Mauer öffnet.

Kollektivleistung des Grenzerkollektivs

Schneidig-zackig im Ton verlaufen die Gespräche der immer hilfloser scheinenden Beamten. Das nervt anfangs, passt aber zu den autoritären Figuren. Die komödiantische Färbung verhindert, dass sich die Dramatik der realen historischen Situation vermittelt. Auch hierin folgt die Inszenierung dem Film. Karl-Fred Müller gibt als Oberstleutnant Harald Schäfer den überzeugten Sozialisten mit menschlichem Antlitz. Er telefoniert permanent, um Befehl bittend, mit seinem Oberst im Ausnahmezustand, den Peer-Uwe Teska manisch-fahrig mit Cognac zukippt.

Mit dem schießwütigen Sicherheitsoffizier (großer Wadenbeißer: Hagen Ritschel), dem zweifelnden Grenztruppenchef (Hilmar Eichhorn als trauriger Humanist) und der kleinen Mutter Courage vom Imbissstand (mit Herz und Verstand: Elke Richter) formt sich eine durchweg starke Kollektivlistung dieses Grenzerkollektivs, das sich durch den für ihn kafkaesken Alptraum der Befehlslosigkeit manövriert.

Aufflackernde theatrale Wucht

Wenn die Durchlass fordernden DDR-Bürger – die meisten davon sind Statisten – lautstark auflaufen, erreicht der Abend seine intensivsten Momente. Sie treten vor und zwischen das Publikum und stimmen für dieses stellvertretend Sprechchöre an.

Als der Sicherheitsoffizier während einer Rangelei mit ihnen in den Zuschauerrängen seine Pistole durchlädt, flackert kurz die wuchtige Unmittelbarkeit auf, die nur das Theater besitzt. Schließlich öffnet sich die Grenze, dahinter kreiselt als Projektion ein buntfarbiges Karussell, die Versprechungen des Westens symbolisierend. Unter in den Bühnenraum geworfenen historischen Filmaufnahmen von strömenden DDR-Bürgermassen verblasst die Intensität.

Aus der Zeit gefallenes Dokument

Die Inszenierung ist als bewusst kurzweiliges Repertoirestück gut gemacht. Sie ist sauber gearbeitet, nutzt die Raumsituation, klar gesprochen sind die geschliffenen Dialoge. Und doch wirkt der Abend schal, weil das Filmnachspielen mit Theater und der Kraft seiner Möglichkeiten wenig zu tun hat.

Verfremdung, der Zugriff auf explizite Theatermittel fehlt im Gegensatz etwa zur "Sonnenallee"-Produktion am Dresdner Theater Junge Generation gänzlich. Dort gelang es Mareike Mikat vor einem Monat mit eigenem Drive, eingeflochtenen Abstraktionen und Spiel mit verschiedenen Ebenen die Umsetzung eines Buch- und Filmbestseller originär fürs Theater. In Halle zeigt sich "Bornholmer Straße" bei allem makellosen Handwerk, Drama und Witz wie ein aus der Zeit gefallenes Dokument solider Unterhaltung Marke "Es war einmal in der DDR".

 

Bornholmer Straße
nach dem gleichnamigen Film von Christian Schwochow
und dem Drehbuch von Heide und Rainer Schwochow nach Motiven aus "Der Mann, der die Mauer öffnete" von Gerhard Haase-Hindenberg in einer Fassung von Jörg Steinberg
Uraufführung
Regie: Jörg Steinberg, Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse, Kostüme: Jenny Schall, Dramaturgie: Sophie Scherer.
Mit: Karl-Fred Müller, Till Schmidt, Hilmar Eichhorn, Hagen Ritschel, Paul Simon, Elke Richter, Joachim Unger, Peer-Uwe Teska, Jörg Kunze, Barbro Viefhaus, Alexander Pensel, Frank Schilcher, Marie Scharf, Matthias Walter, Andreas Range.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.buehnen-halle.de

 


Kritikenrundschau

"Ganz großartig" findet Wolfgang Schilling diesen Abend im Gespräch für MDR Figaro (14.11.2015). Regisseur Jörg Steinberg komme zugute, dass er ausgebildeter Schauspieler sei und "im besten Sinne ein Mann des Volkstheaters". Er agiere "mit Lebensklugheit" und "nicht als intellektueller Welterklärer" und reflektiere sehr genau "Alltagssituationen" und "menschliches Verhalten". Der Abend führe Schritt für Schritt ins Drama der Wendenacht: "Vom Spaß zur Spannung."

Jörg Steinberg verleihe seiner Inszenierung, die dem gleichnamigen Film von Christian Schwochow eng folgt, von Beginn an den Charakter einer dokumentarischen Komödie, findet Hartmut Krug im Deutschlandfunk Kultur heute (15.11.2015). Es werde weder groß angeklagt noch kleinteilig veralbert, sondern eine einstige Realität nacherzählt. "Die Inszenierung bietet mit souveränen Darstellern solides Erzähltheater, das Haltungen und Handlungen von Menschen so zeigt, dass sie im positiven wie negativen Sinn verstehbar scheinen." Und das Hallenser Publikum nahm die Aufführung ohne großen Jubel, aber doch mit Einverständnis zur Kenntnis.

"Karl-Fred Müller spielt diesen Schäfer als einen zwischen militärischem Gehorsam und menschlicher Anteilnahme hin und her gerissenen Offizier", so Kai Agthe in der Mitteldeutschen Zeitung (16.11.2015). Auch der Beifall am Ende beweise, dass diese beiden Figuren die stärksten Charaktere des Stücks sind. Viel Beifall für die Inszenierung insgesamt.

 

 

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