Verwirrende Softness

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. November 2015. "Thumbs up?", fragt sie mich. "Yes", sage ich und fühle mich überfragt. Am Ende der Performance "2 become 1" steht nämlich das intimste aller Publikumsgespräche ever. "Yes", füge ich ein wenig sinnfrei noch hinzu und lächle die drei Performenden an. Die drei, das sind: Marino Formenti, Pianist und Dirigent, Noline, Ann Liv Youngs Assistent und Sherry Vignon, Ann Liv Youngs Alter Ego. "Yes", hätte ich noch anfügen können und also auf drei Ebenen geantwortet gehabt. Als eine, die eine Performance erleben will, als eine Kritikerin und als outside eye im Entstehungsprozess einer resümierenden Performance, die am 12. Dezember im Wiener Brut gezeigt werden wird.

2become1 560 c RaniaMoslam uAnn Liv Young, Marino Formenti und Bach im leerstehenden Geschäftslokal © Rania Moslam

Bis dahin laden Formenti und Young jeden Tag außer montags jeweils eine Publikumsperson, also vier an einem Tag, zwei Stunden in zwei nebeneinander liegende leerstehende Geschäftslokale in der Praterstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk ein. Soweit die hard facts. So was wie medium facts sind: wahrscheinlich wechselnde Assistenten, eine Videodokumentation der Ereignisse per Smartphone und die Einladung auf Tee, Kaffee oder Holunderblütensaft. Ansonsten: die verwirrende Softness der spontanen Interaktion. Als Publikumsperson musst du also arbeiten für dein Erlebnis und wirst am Ende, oder früher schon, oder auch gar nicht, belohnt durchs Ereignis deiner eigenen Tränen.

Heute so, morgen so

"20 minutes more and I would have had her cry", sagt nämlich Formenti in unserem abschließenden Gespräch. Ob ich wohl dadurch mit mir selber eins geworden wäre und also dem Titel der Performance eine Reverenz erwiesen hätte? Eher nein. Eher ist es wohl so, dass die beiden Performenden im Zuge ihrer Zusammenarbeit zueinander wachsen und auf jeweils andere Art der jeweiligen Publikumsperson nahe treten wollen. Das klingt nach work in progress und und fühlt sich verwirrend an, wenn der Eindruck entsteht, die beiden wüssten gar nicht recht, was tun mit mir. Fühlt sich aber auch nach angenehmem intellektuellen Twist an, wenn sie es dann doch wieder zu wissen scheinen. Zur verwirrenden Softness der spontanen Interaktion gehört nämlich auch, dass es heute so war und nicht wieder wird.

Einen hard fact gibt es noch: Der Pianist und die Performance-Künstlerin, die das Publikum zum Weinen bringen wollen, arbeiten mit krass konträren Strategien. Ann Liv Young ist als Sherry Vignon US-Amerikanerin auf der Überholspur. Trägt blonde Haare, riesengroße Augen und praktiziert im vollgeramschten Geschäftslokal Nummer eins die sogenannte Sherapy, eine performative Therapie, die sich durch Überforderung der Patientin auszuzeichnen scheint. Ob ich träume, was ich träume, warum mein Brustkorb so verengt ist, jetzt bitte auf den Boden und gemeinsam atmen, wie oft bist du eigentlich depressiv? Und immer so weiter in einer Schnelligkeit und Stimmlage, die über die Dauer einen Sog entwickeln. Nach etwa 40 Minuten, dem Gefühl meiner Privatsphäre beraubt worden zu sein und der Frage, warum ich grade zehn Euro für eine Hasenkopf-Brosche ausgegeben habe, hinüber zu Marino Formenti.

Alles 100 Prozent

Dort wird geraucht, geredet, Klavier gespielt und gemeinsam gesungen. Während ich auf beigem Teppich und lavendelseidenen Kissen liege und Formenti irgendwas, so wunderschön!, von Bach spielt, denke ich: Was für eine gelungene Dramaturgie! Die intime Überforderung durch die 100-Prozent-Kunstfigur Sherry Vignon macht aus einer Publikumsperson weiche Werkmasse in den klavierspielenden Händen vom 100 Prozent privaten Marino Formenti. Wer dort nicht über Träume und Depressionen spricht, tut das nimmermehr. Das abschließende Publikumsgespräch macht aus der Selbsterfahrungs-Performance eine Arbeit an derselben für die nächste Publikumsperson. Das ist ein Stück weit zu viel vom Publikum verlangt. Wahrscheinlich liegt aber auch hier der intellektuelle Twist nochmal eins weiter weg. Bin ich überhaupt noch Publikum und wenn nein, was bin ich geworden, was ich nicht immer schon war? Jedenfalls habe ich nicht geweint und hätte bei Selbsterfahrung als Selbstzweck auch sicher nach 20 Minuten nicht geweint, aber 100 Prozent Erlebnisdramaturgie und 100 Prozent Bach machen: "Thumbs up!".

 

2 become 1
von und mit: Ann Liv Young und Marino Formenti
Eine Koproduktion von Ann Liv Young & Marino Formenti und brut Wien im Rahmen von brut+.
Dauer: 2 Stunden, Pause bei Bedarf

www.brut-wien.at

 

Kritikenrundschau

Helmut Ploebst schreibt im Standard aus Wien (19.11.2015): Ann Liv Young beziehungsweise ihr Alter Ego, die Kunstfigur Sherry, und Marino Formenti schienen ein "denkbar ungleiches Paar" zu sein. Doch träfen sie sich in "ihrer Lust am Erforschen neuer Situationen". Es sei "sicher kein Nachteil", mit "ähnlicher Einstellung bei 2 become 1 aufzukreuzen", auch werde man wohl eher nicht gedemütigt von Young. Die könne nämlich "auch nett sein, auf ihre Art".

 
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