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Abgelegte Abgelebte

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 20. November 2015. Zerwirkmaschinerien, Paralleluniversen, kakofonische Konglomerate zeitgenössischen Dauerirrsinns: Dramatiker wie Christoph Nußbaumeder, Wolfram Lotz und Konstantin Küspert bauen derzeit mit Stücken wie "Das Fleischwerk", "Die lächerliche Finsternis" und "pest" am modernen Absurdistan. Stellen einer fragwürdigen, rätselhaften, brüchigen Welt Texte entgegen, die ihr den Vogel zeigen, mit mal schrillen, mal schrägen, mal wutschnaubenden Tönen, mit grotesken, zersplitterten, aus Realitätsbruchstücken puzzleartig zusammengesetzen Inhalten. Küsperts "pest", das jetzt am Theater Regensburg uraufgeführt wurde, ist so eine Schussfahrt durchs Minenfeld des Aberwitzes. "alles, was sein kann, ist. alles, was existieren kann, existiert." So die Kernthese des Textes.

Bühne mit Müllbeseitigungsanlage

Und so beinhaltet das Stück nach dem Modell "Lola rennt" im Kern mehrere Varianten eines Geschehens: Der junge, talentierte Fußballspieler Georgios soll nach dem Willen seines Vaters Erstliga-Profi werden und dafür die Schule sausen lassen. Je nachdem, wie er sich entscheidet, verläuft sein Schicksal, das des Vaters und das des ganzen Landes völlig anders. Am Ende aber immer letal. Küsperts auf diesen Schicksalsweichen aufgetürmte düstere Visionen sind vogelwild, ganz schön sperrig und ungeheuer unheilsschwanger. Durchaus eine Herausforderung. Katrin Plötner hat nun aus dem Text ein gut funktionierendes, handlich-praktikables, immer noch nicht so ganz leicht konsumierbares Destillat gemacht. Ein Zaumzeug, das den Zuschauer im Bann hält. Der sitzt ganz dada da, sieht viele Rätsel, keinerlei Lösungen – und kommt so gesehen dann doch wieder in der Wirklichkeit an.

Pest1 560 JochenQuast uJacob Keller, Patrick O. Beck, Ulrike Requadt © Jochen Quast

Plötner packt auf den Wust an Schicksalsvarianten – Terror, Tod und Katastrophen – nicht noch weitere Verästelungen drauf, sondern vertraut auf einige grundlegende Bildideen. Die Bühne (von Anneliese Neudecker) ist eine von zwei Flutlichtmasten umstandene schwarze Schachtel hinter Gaze, ein großer Schuber bewegt sich dann und wann hin und her, reinigt sie von abgelegten Abgelebten und jenen Unmengen an Plastikmüll – diese globalen, pestilenzartigen Insignien der modernen Verwüstungszivilisation –, die immer wieder hereingeweht werden und den Spielern zum Beispiel als Sandmännchenstreu dienen. Die Leitfarben der Ausstattung sind leuchtstoffgrell, die Kostüme (von Lili Wanner) changieren zwischen Trainingsanzug-Realismus und nur ganz leicht absurdem Glitzer-Schick.

Visionäre Unschärfen

Den Glitzer braucht Plötner für die Moderatoren-Ebene ihrer Inszenierung: den seitlichen Kommentarbereich. Dort erweitern Klang und Geräusche das Spiel um eine prägende, dauerpräsente Akustikfläche; da wird mikrofonverstärkt gesummt und gesungen, geknarzt und geknackt, gemauschelt und genuschelt, punktuell wird Musik von Markus Steinkellner dazu gereicht. So weitet sich der Raum ins Ungefähre: Denn das Stück mit seinen kaleidoskopartig ausufernden, unbändigen Erzählungen vom Kampf der – noch fiktiven – neuen Supermächte Indien und China gegen den Terrorimus, von den schrecklichen Folgen eines Laborunfalls, Revolte in den Städten, Depressionen eines Fußballprofis lebt von seinen visionären Unschärfen, vom gleichzeitigen Dasein unzähliger Schicksalsvarietäten.

Es sind letztlich die Schauspieler, die diese permanente Gleichzeitigkeit einsichtig und einleuchtend machen. Sie wechseln beständig die Rollen und schaffen dennoch im Mahlstrom der Unklarheit Klarheit durch ihre Präsenzen. Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake und der just mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Rubrik "Darstellende Kunst" bedachte Jacob Keller wuppen den Abend. Sie sind die konkreten Menschen in Küsperts abstrakter Dystopie. Da wird Schicksal, so vielfältig es sein mag, griffig. Im Reich der ungezählten Möglichkeiten hat Katrin Plötner eine sehr gute Möglichkeit gefunden, "pest" zu inszenieren.

pest
von Konstantin Küspert
Uraufführung
Regie: Katrin Plötner, Bühne: Anneliese Neudecker, Kostüme: Lili Wanner, Musik: Markus Steinkellner, Dramaturgie: Jana Schulz.
Mit: Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake, Jacob Keller.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-regensburg.de

 

Kritikenrundschau

Das Stück mache "sich durchaus intelligent unsere gerade wieder neu angefachten Ängste vor Terror und Krieg zunutze und schürt nur scheinbar die grassierende Hysterie derer, die selbst die Entscheidung darüber, was sie zum Frühstück essen, auf die Goldwaage legen", schreibt Sabine Leucht in der Süddeutschen Zeitung (23.11.2015). "Alles ist wichtig, sagt es. Doch egal, wie wir uns entscheiden, die Welt wird so oder so den Bach runter gehen. Also kann man auch gleich auf seinen Verstand und sein Gewissen hören." Die Inszenierung schnurre "in einem guten Tempo und leidlich unterhaltsam ab", und die Schauspieler machten "ihre Sache gut, wenn auch einige Schlüsselszenen in ihrer Abstraktheit etwas hingeschludert wirken". Doch letztlich lasse einen "das Los und Leid derer da oben reichlich kalt".

Regisseurin Katrin Plötner, bekannt "für ihre starken, unter die Haut gehenden Bilder", hole aus Konstantin Küsperts "pest" "an Empathie für die Figuren raus, was nur irgendwie zu holen ist. Trotzdem bleiben sie uns fern. Sie sind ja auch keine Charaktere, sondern nur Teilchen, mit denen sich interessante quantenmechanische Experimente anstellen lassen", meint Claudia Bockholt in der Mittelbayerischen Zeitung (23.11.2015). Die Inszenierung greife "ganz tief in die große, wunderbare Trickkiste des Theaters, um den sehr kalkulierten, sehr kühlen, mitunter gewalttätigen Text mit Leben zu erfüllen". Einen "nachhaltigen Eindruck" hinterlasse "pest" trotzdem nicht. "Ob es in einer anderen, radikaleren Inszenierung mehr Überzeugungskraft entwickeln kann, wird sich zeigen."