Spiel mir das Lied vom Trost

von Sascha Westphal

Bielefeld, 21. November 2015. Die Bühne hat etwas von einem Triptychon. Ein verdichtetes Abbild der gesamten Welt in drei Räumen. Links ein Hotelzimmer, in dem die Zeit allem Anschein nach irgendwann in den 1980ern stehengeblieben ist, rechts eine kleine Küche, und dazwischen liegt die Vorderfront eines klassischen Western-Saloons, die zunächst noch hinter einem weißen Fadenvorhang verborgen ist.

Vor dem Vorhang deuten ein Sofa und ein flacher offener Schrank mit einem kleinen, alten Fernseher, einem VHS-Rekorder und einigen Videokassetten ein in die Jahre gekommenes Wohnzimmer an. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die sich in Mario Salazars Western "Annie Ocean" als zentraler Wesenszug der Menschheit erweist, findet in Sophia Lindemanns Bühnenbild einen ganz konkreten Ausdruck. An den Rändern die Wirklichkeit und im Zentrum ein Traum, der alles irgendwie noch zusammenhält.

Rückzug auf die Fernsehcouch

Das Wohnzimmer ist Annie Oceans letzte Zuflucht. Einst war es das Reich ihres verstorbenen Vaters. Nun liegt sie auf der Couch und versteckt sich vor ihrem Leben und den beiden Männern in ihm. Das Hotelzimmer, in das sie immer mit ihrem Geliebten Jack MacCormick gegangen ist, hat sie genauso hinter sich gelassen wie die Küche, in der ihr Ehemann Bill ganze Nächte am Fenster steht und auf ihre Rückkehr wartet. Irgendwann ist einfach beides für sie zur Qual geworden, die viel zu kurzen Stunden wilder Leidenschaft und die viel zu langen Wochen und Monate des Familienalltags mit Mann und zwei kleinen Töchtern. Also liegt sie alleine in der verlassenen Wohnung eines toten Träumers und sieht sich wieder und wieder die gleichen Western an.

Annie Ocean5 560 Philipp Ottendoerfer uDieser Traum ist zu klein für uns Drei: Sebastian Graf, Isabell Giebeler und Lukas Graser
© Philipp Ottendörfer

Zu Beginn flimmern über den Bildschirm und den Vorhang klassische Western-Szenen: ein Holzhaus in einer staubigen Einöde, eine Frau auf der Veranda, die in die Ferne blickt, Reiter, die das Death Valley durchqueren. Sie sind für Annie wie für den Regisseur Tim Hebborn das Tor zu einer zweiten, mythischen Welt. Als der Vorhang beiseite geschoben wird, stehen Jack und Bill vor dem Saloon. Sebastian Graf und Lukas Graser sind in diesem Moment eine Zwei-Mann-Band und zugleich noch hundert amerikanische Siedler, die wenig später in einen Krieg gegen die Apachen ziehen werden.

Die blutige Tomatenschlacht

Die Western-Erzählung, in die Annie sich hineinträumt, um den Widersprüchen und den Enttäuschungen ihrer Dreiecksbeziehung zu entkommen, ist im Grunde eine Zumutung für das Theater. Während die sich in poetisch verknappten Monologen und kurzen Dialogen entfaltende Geschichte von Annie, Jack und Bill, die sich schon seit ihren Kindheitstagen in Ost-Berlin kennen, regelrecht nach einem kleinen, intimen Rahmen verlangt, holt Mario Salazar in dem in drei Kapitel aufgeteilten Traum-Western ganz weit aus. Hundert schwer bewaffnete Männern, achtzig bis hundert Tipis und eine Stadt ohne Namen, die in Schutt und Asche gelegt wird, stellt sich Annie vor und sprengt damit letztlich jeden Bühnenrahmen.

Aber Tim Hebborn braucht für all das tatsächlich nur die Saloon-Front, sein dreiköpfiges Ensemble und die Songs und Melodien, die Graf und Graser live anspielen. Isabell Giebeler simuliert eine blutige Schlacht alleine mit ein paar Tomaten, die sie zerquetscht und zerstampft, und einer Karotte, die sie voll kalter Wut zerhackt. Dieses Gemüsemassaker und der Furor in ihren Bewegungen wie in ihren Augen beschwören das ganze Ausmaß menschlicher Barbarei herauf. In ihrer Intensität steht diese Szene den von rassistischen Beleidigungen durchsetzten Monologen des in Afghanistan kämpfenden Bundeswehrsoldaten Jack McCormick in nichts nach.

Zwischen dem Afghanistan-Kämpfer und dem biederen Ehemann

Wenn Sebastian Graf dann später ein Gefecht mit den Taliban so beschreibt, "Radio Active Ammunition / Geiles Zeug / [...] Sind richtige / Leuchttürme / Meine toten Talibanskis / Schön sieht das aus", gehen die Gedanken zurück zu den misshandelten Tomaten und Karotten. Wie leicht ist es doch, sich einfach seinen Rache- und Gewaltphantasien hinzugeben. Dagegen hat einer wie Bill, der ganz in seinem Dasein als liebender Vater und Ehemann aufgeht und in Annies Augen doch alles falsch macht, kaum eine Chance.

Die friedliche, das Leben achtende Zivilisation, die Bill repräsentiert, wirkt angesichts des von Jack ausgelebten Rausches der Stahlgewitter fast schon langweilig und banal. Und so steht Annie nicht nur zwischen zwei Männern. Sie schwankt zwischen den beiden Polen der menschlichen Existenz. Damit liegt eine enorme allegorische Last auf den Schultern von Isabell Giebeler, Sebastian Graf und Lukas Graser. Aber sie bewältigen sie mit wunderbarer Leichtigkeit.

 

Annie Ocean. Ein Western
von Mario Salazar
Uraufführung
Regie: Tim Hebborn, Bühne und Kostüme: Sophia Lindemann, Video: Konrad Kästner, Dramaturgie: Viktoria Göke.
Mit: Isabell Giebeler, Sebastian Graf, Lukas Graser.
Dauer: 1 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.theater-bielefeld.de


Auf dem Festivalportal zum Heidelberger Stückemarkt 2012 von nachtkritik.de sehen Sie den Autor Mario Salazar im Videoporträt.

 

Kritikenrundschau

Tim Hebborn und sein Team hätten mit "etlichen starken Regieeinfällen" Mario Salazars "vielschichtige, auf zwei Handlungsebenen spielende, motivisch und sprachlich kunstvoll ineinander verschränkte Vorlage zu einer erstaunlichen Bühnenfassung" geformt, meint Antje Dossmann in der Neuen Westfälischen (23.11.2015). Die anfängliche "reine Persiflierung des Genres" Western verfliege rasch und mache "einer ernsten, mitunter beklemmenden doppelbödigen Tiefe Platz". Salazars Stück habe, "anders als das Genre, das es vermeintlich bedient, auf die drängenden Fragen der Welt keine aus der Pistole geschossenen Antworten. Aber Liebe als Lösung scheint auf."

 

 

 
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