Nachtmahrs Kappenfest

von Michael Laages

Hannover, 21. November 2015. Und im Schlussbeifall der Premiere lauert der allerletzte Gag: Hannovers Schauspiel-Intendant Lars-Ole Walburg, an diesem Abend Regisseur der Wiederbegegnung mit Marius von Mayenburgs verwirrender Komödie "Perplex" (uraufgeführt vor exakt fünf Jahren und zwei Tagen vom Autor selbst an der Berliner Schaubühne) und Bühnenbildner Andreas Alexander Straßer tragen je eine jener superblonden Bert-Neumann-Gedenk-Perücken auf dem Haupt, die in den goldenen Zeiten der Volksbühne praktisch jede Frau in Frank Castorfs Inszenierungen zierte. Überraschung! Oder auch nicht – denn um Überraschungen ging es ja ohnehin reichlich in den 100 Minuten zuvor.

Wackelbildchen-Dramatik

Wer schon alt genug ist für diese sonnige Kindheitserinnerung, dem mag bei diesem Dramentext das gute alte "Wackelbildchen" einfallen, das durch ein bisschen Wackeln mit der Perspektive verschiedene, übereinander gelegte Bilder zeigte. Auch das klassische Kaleidoskop ist nicht fern – von Szene zu Szene verschiebt sich das, was als "Realität" empfunden werden kann in von Mayenburgs ziemlich rasanter Szenenfolge, die übrigens in den Resonanzen zur Uraufführung gern als "virtuos" geschätzt wurde. Anstrengend (und also angestrengt) wirkt sie fünf Jahre nach der ersten Überraschung allerdings auch.

Perplex2 560 KatrinRibbe uPsychedelische Verwirrshow: mit Carolin Haupt, Katja Gaudard, Janko Kahle, Philippe Goos.
© Katrin Ribbe

Das Prinzip ist relativ schnell durchschaut nach Szene 1, in der ein Paar nach Hause kommt und nicht nur die Wohnung stark verändert vorfindet, sondern auch das Freundes-Paar, das eigentlich nur für Ordnung sorgen sollte, sich aber nun selbst ganz selbstverständlich als Herr und Frau im Hause fühlt. Paar 1 gibt sich geschlagen und geht – um in der "neuen Realität" als Sohn und Au-pair-Mädchen von Paar 2 zu erscheinen. Plötzlich sind Mann 2 und die Kinderfrau ein Paar, aber letztere mutiert auch zur fremdländischen Putzfrau. Mann 2 kommt gern nackt aus der Dusche und verkündet – Heureka! - brillante Geistesblitze, mal Darwins Theorie, mal Platons Höhlen-Gleichnis.

Dann wird das Paar aus der (nun zur Ferienwohnung mutierten) Behausung geekelt von einer sehr nazi-haften Vermieterin, während der Sohn eine erstaunlich grüne Nazi-Uniform aus dem verbotenen Schrank gekramt hat – gleich darauf aber wandelt sich die Verkleidungsposse zum Karneval der Nordlichter, wo einer als Skifahrer, einer als Elch und eine als isländischer Vulkan erscheint.

Wenn der Elch mit dem Skifahrer...

Als eine Art "Alptraum", in Szenen gefasst, hat von Mayenburg selbst das schrille Konstrukt charakterisiert – und wo er Recht hat, hat er Recht. Dies ist Nachtmahrs Kappenfest.

Ach ja: Skifahrer und Elch, beste Männerfreunde bisher, mutieren zum rammelnden Paar, und für den Skifahrer führt die Begegnung zum schwulen "Outing“. Der Elch aber will nichts weiter davon wissen – und langsam hat sich die – naja – "Story" zur Theater-im-Theater-Konstruktion gewandelt: wo die Bühnenarbeiter in der Probe die Szenerie abzubauen beginnen und die Regie-Assistentin bekennt, dass der Regisseur eigentlich von Beginn an gar nicht dabei war im dunklen Zuschauerraum. Einer der Bühnen-Arbeiter (ehedem Mann 2) trägt plötzlich einen Nietzsche-Bart und verkündet dass Gott tot sei. Also der Regisseur? Haben die Ensemble-Mitglieder eventuell tatsächlich seit Wochen alles aus der eigenen Phantasie geschöpft? Noch so ein Alptraum.

Hysterie statt Leichtigkeit

Erstaunlich – all das erzählt sich viel leichter, als es auf der Bühne aussieht. Und das liegt nicht notwendigerweise an Lars-Ole Walburgs Inszenierung; schon der Text selber kann vor lauter verwirrender Ambition nicht wirklich mal geradeaus erzählen, immerzu muss irgendetwas beglaubigt werden, was natürlich überhaupt nicht glaubhaft ist – alptraumhaftes Drüber-hin-Schweben aber (wie das nachts ja möglich ist, wenn der Absturz ins Nichts droht und wir plötzlich fliegen können!) ist auch dem Ensemble nicht gegeben: Carolin Haupt und Katja Gaudard, Philippe Goos und Janko Kahle sind viel zu sehr mit den jeweils eigenen Hysterien beschäftigt, als dass der schnelle Abend schon irgendeine Leichtigkeit des Nicht-Seins entwickeln könnte.

Walburg legt zudem verstörende Spuren aus – etwa mit künstlichem Beifall, der sich nach zehn Minuten einmischt, aber auch nur in dieser einen Szene, dann nie wieder. Auch diesen Moment des Boulevard-Grusels sollten wir halt mal kurz zu schmecken bekommen – wer aber schon da ein wenig zu leiden beginnt unter dem dauerhaften Grimassen-Ton des Stücks, der fliegt womöglich mit dem Konserven-Beifall komplett raus und verliert jedes Interesse.

Der Jubel der Anderen

Hübsch ist in Straßers Bühne das sehr hannoversche Bild an der Wand: mit dem Ihme-Zentrum drauf (einem besonders hässlich-monströsen Wohn-Container an einem der Flüsse der Stadt) samt zugehörigem Kraftwerk. Aber auch das ist eigentlich nur eine Finte. Folgen hat sie nicht.

So holterdipoltern die Realitätssprünge dieses ewigen Wackelbilds wild und wirr dahin. Die Inszenierung ist auch am Silvester-Abend zu sehen. Das passt. Denn mit der Theater-im-Theater-Volte zum Finale bricht blanker Jubel los. Ach, wer da mitjubeln könnte! Das aber ist halt das Berufsrisiko: allein unter vielen zu sitzen und (fast) alles ganz anders zu sehen.

 

Perplex
von Marius von Mayenburg
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Andrea Alexander Straßer, Kostüme: Tine Becker, Musikalische Leitung: Markus Hübner, Dramaturgie: Hartmut El-Kurdi.
Mit: Katja Gaudard, Philippe Goos, Carolin Haupt und Janko Kahle.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Was bleibt?", fragt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (23.11.2015), "ein Lächeln über Einzelheiten, Spaß an den originellen Kostümen und ein merkwürdiges Gefühl." Es sein ein bisschen "wie nach einem Traum", keine "große Sache, nicht weiter wichtig", denke man, aber es bleibe dann doch "so ein merkwürdiges Gefühl", das einen noch ein paar Stunden begleite.

Stefan Gohlisch schreibt in der Neuen Presse (23.11.2015), "Perplex" spiele mit allem, was "Theater grundsätzlich ausmacht". Walburg, dessen "virtuose Regie-Handschrift" man doch "sehr genau" spüre, hetze "seine Figuren durch grandios turbulente Szenen". Die "Weltmaschine Theater" werde zur "Groteske. Was ist wahr? Was ist falsch? Und wen interessierts?" Ein "kluger Stoff mit Neigung zu Schindluder und Schabernack" treffe auf eine "fantastische Inszenierung und ein großartiges Ensemble und eine tolle Ausstattung."

 

 
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