Der Zustand Europas

von Jan Fischer

23. November 2015. Von Tür zu Tür, von der Leine an die Oker oder zurück, vom Zuhause in Hannover bis zu einer der drei Braunschweiger Spielstätten oder zurück, brauche ich ungefähr zwei Stunden. Ich fahre Bahn, im Dunkeln, in der Dämmerung, und betrachte der Herz Niedersachsens, wie es an mir vorüberzuckelt.

Das ist die Zeit, in der ich mich sortiere, die Zwischenzeit, die Leerzeit, in der ich nach vorne oder nach hinten schauen kann.

Kleines Festival, großes Festival

Fast Forward ist, mit sieben Inszenierungen in vier Tagen (hier die Live-Begleitung auf Twitter), zwar ein kleines Festival, trotzdem: Zwei oder drei Inszenierungen an einem Nachmittag, das macht man nicht mal eben so. Am ersten Tag, beispielsweise, liegt zwischen den schillernden, hoffnungslosen Textpassagen von "Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke" ("Szenen für ein Gespräch nach dem Anschauen eines Films von Michael Haneke") aus Spanien und der verdienten Gewinnerproduktion, dem minimalistischen, kapitalismuskritischen Supermarktmusical "Geros Dienos!" ("Einen schönen Tag moch!"), nicht nur die Braunschweiger Innenstadt, 20 Minuten Fußweg, wenn man weiß, wo man lang muss, sondern auch halb Europa. Das ist viel Platz, aber wenig zum Denken.

FastForwardSpanienESCENAS2 hoch 280 TitanneBregentzer2"Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke"
© Titanne Bregentzer

Die Sache ist, auch wenn ich das als Kritiker vielleicht nicht zugeben sollte: Ich weiß es ja auch nicht so genau. Waren die Textpassagen von "Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke" selbst duch den Filter der Übertitel so gut, dass es egal war, wie die Performer dazu herumgestolpert sind, oder ist das Projektion? War "Geros Dienos!" in diesem sterilen, weißen Neonröhrenlicht so tragisch-lustig, wie ich dachte, oder liegt das daran, dass in meinem Kopf ständig parallel die Buffy-Musicalfolge dazu lief? Spielt es eine Rolle für mein Urteil, dass ich am ersten Tag in einem Platzregen und am dritten in einen Schneesturm geraten bin? Deshalb brauche ich die zwei Stunden, die wichtigen, wertvollen zwei Stunden, in denen ich hinaus in das dunkle Zuckerrübenland starren kann und nichts zu tun habe als zu denken.

Wie geht es Europa?

Wenn man über ein Festival wie das "Fast Forward" berichtet, ist es wichtig, die losen Ende zu verknüpfen, Gemeinsamkeiten zu finden, wenn man das schafft, kann man vielleicht sagen: So geht es Europa.

Selbstverständlich ist das unfair, und eigentlich nicht machbar, aber beim diesjährigen "Fast Forward" geht es Europa schlecht. Zählen wir auf: "Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke" zeigt eine Jugend, die im Nichts verloren ist. Die Schweizer Produktion "Société des Amis" demontiert in einem Bühnenbild wie aus einer Star-Trek-Folge etwas naiv, aber wirkungsvoll, das Prinzip Freundschaft anhand von Enid Blytons "Fünf Freunde". "American Dream" aus Rumänien zeichnet die Welt als Spielball politischer, hyperkapitalistischer Interessen, um das Wohlergehen des Einzelnen wird sich nicht geschert. "Stop Being Poor" aus Norwegen schenkt kostenlosen Kaffee ans Publikum aus, veranstaltet eine Riesensauerei mit Melonen und Chips auf der Bühne und zeigt damit eine pervertierte Konsumgesellschaft. "Felülről Az Ibolyát" ("Bevor du stirbst") aus Ungarn fragt tanzend nach Träumen, die nie in Erfüllung gehen, während das Leben davonsickert.

FastForward 2015 MarkusundMarkus 560 u"Ibsen: Peer Gynt"  © Paula Reissig

"Ibsen: Peer Gynt" von Markus&Markus aus Deutschland ist ein chaotisches memento mori, das die Frage stellt, was denn so schlecht daran sein soll, wenn man sich eine Traumwelt flüchtet. Nur "Geros Dienos!" hebt sicht ein wenig ab – es zeigt zwar die Arbeit an der Supermarktkasse nicht weniger tragisch als Endstation des Konsumversprechens, aber wenigstens versuchen die zehn singenden Kassiererinnen das Beste daraus zu machen. Sie sitzen zwar in einem sterilen, neonröhrenbeleuchteten weißen Raum, bewegen sich nicht von ihren leicht erhöhten, vereinzelten Plätzen weg und piepsen ansonsten mit ihren Barcode-Scannern. Aber wenn sie über die Traurigkeit der Gemüses singen, schimmert da ein Stück mehr Humor durch, ein Stück weniger Ernsthaftigkeit als in den anderen Produktionen – selbst in der bunten, poppigen Inszenierung von Markus & Markus mit den Videos von den beiden im Elfen- und Hundekostüm ist der bittere Kern weniger weit entfernt.

FastForward EinenSchoenenTagNoch 560 RugileBarzdziukaite u "Geros dienos" ("Einen schönen Tag noch")  © Simonas Švitra

Der Supermarkt als Schicksal

Das Schöne an "Geros Dienos!" ist, dass die absurden, exzellenten, teilweise zehnstimmig komponierten Lieder über Sonderangebote und den Stolz der bauchigen Flaschen in berührende Einzelschicksale kippen. Da ist die Kunststudentin, die der Existenz hinter der Kasse entfliehen möchte und endlich ihre Doktorbarbeit schreiben. Da ist die einsame Frau, die jeden Morgen um fünf aufstehen muss und sich den ganzen Kaffee, den sie braucht, kaum leisten kann. Da ist die blondierte Schwarzhaarige, die genug von Männern hat, die sie ausnutzen. Und die Einzelschicksale dieser Kassierinnen, die – auch das ist eine Qualität der Inszenierung – exakt so aussehen wie Kassiererinnen im Supermarkt nun einmal aussehen, verdichten sich zu einem Kaleidoskop aus Schicksalen, in dem der Supermarkt nicht nur eine Endstation, ein Schicksal ist, sondern auch der Ort bitterer Zufriedenheit mit der eigenen Bequemlichkeit. Es gibt keinen großen Entwurf, keine These, keine Haltung. Im Grunde erzählt "Geros Dienos!" von Nichts, vom Ende – aber in diesem Nichts liegen Witz und Tragik. Aus der Absurdität entwickeln sich einzelne Geschichten, die immer größer werden bis sich "Geros Dienos!" schließlich, ganz überraschend, als Kapitalismuskritik entuppt.

Keine Ausreißer  

Im Zug sitze ich mitten in der letzten Einsamkeit, die es noch gibt, der Leere ohne mobiles Internet, und auf jeder Fahrt verdichtet sich in meinem Notizbuch ein Stück mehr europäischer Pessismus. Gesellschaft, Arbeit, Freundschaft, Freheitsversprechen: Das alles zerfällt. Am letzten Festivaltag beginnt es zu schneien, dicke Flocken, die aus dem Grau über Grau gestalpelten Himmel über den Braunschweiger Hauptbahnhof herausbrechen.

FastForward BeforeYouDie2 u"Felülről Az Ibolyát" ("Before You Die") © Bernadett Alpern

Wie sortiert man das alles? Wie bewertet man das? Die Performer in "Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke" wären, angesichts des Textes eher nicht nötig gewesen – es ist mehr szenische Lesung als Theater. "Société des Amis" verlässt sich sehr auf die Pointe, dass Blytons "Fünf Freunde" alt geworden sind und jetzt die Dynamik ihrer Freundschaft reflektieren müssen, es gibt allerdings zu wenig Entwicklung dieser Pointe für die anderthalb Stunden Inszenierung. "American Dream" versucht seine These mit etwas zu viel Holzhammer rüberzubringen. Aber letztendlich gibt es auf dem diesjährigen "Fast Forward" keine Ausreißer, keine Inszenierung, von der man sagen könnte: Die hat da nichts zu suchen. Es liegt in allen Inszenierungen eine große Dringlichkeit, Misstände zu artikulieren, Zerfall aufzuzeigen, vom Privaten bis ins Öffentliche.

Was bleibt

So zuckele ich durch Niedersachsen, den Kopf voll mit dem Zerfall eines Kontinents. Von Tür zu Tür, zwei Stunden. Und in meinem Kopf kreist immer noch die Frage, die gleich zweimal gestellt wurde, in "Stop Being Poor" und "Felülről Az Ibolyát": Was wünscht du dir? Wenn du morgen sterben würdest, was würdest du bereuen, nicht getan zu haben? Was, geht mir kurz vor zu Hause auf, die Kernfrage des diesjährigen "Fast Forward" ist: Wenn Europa zerfällt, was wäre noch zu tun? Die Gewinnerproduktion "Geros dienos!" gibt als Einzige eine Antwort darauf: Singen. Singen so laut es geht.

 

Fast Forward
Europäisches Festival für junge Regie

Escenas para una conversación después del visionado de una película de Michael Haneke
Regie & Dramaturgie: Pablo Gisbert, Lichtdesign: Marcela Prado.
Mit: Tanya Beyeler, Joaquim Bigas, Isaac Forteza, David Mallols, Mario Pons-Macià.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause
http://www.elcondedetorrefiel.com/

Geros Dienos!
Libretto: Vaiva Grainytė, Komposition: Lina Lapelytė, Regie & Bühne: Rugilė Barzdžiukaitė, Lichtdesign: Eugenijus Sabliauskas, Tontechnik: Arūnas Zujus, Produktion: OPEROMANIJA.
Mit: Svetlana Bagdonaitė, Liucina Blaževič, Veronika Čičinskaitė-Golovanova, Lina Dambrauskaitė, Rita Račiūnienė, Rima Šovienė, Kristina Svolkinaitė, Lina Valionienė, Vida Valuckienė, Milda Zapolskaitė, Klavier: Dmitrij Golovanov, Elekronische Livemusik: Lina Lapelytė.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
http://www.noa.lt/

Société des Amis
Regie: Jan Koslowski, Dramaturgie: Nele Stuhler, Text: Nele Stuhler & Jan Koslowski unter Mitarbeit des Ensembles, Bühne: Chasper Bertschinger, Kostüm: Svenja Gassen, Video: Hannah Dörr, Lichtdesign & Technische Leitung: Fabian Eichner, Produktion: Marlene Kolatschny & Anna Wille.
Mit: Banafshe Hourmazdi, Anne Kulbatzki, Fabian Raabe, Nele Stuhler, Anton Weil.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

American Dream
Regie: Leta Popescu, Bühne: Brândușa C. Bălan, Video: Alexandru Lupea, Alexandru Ponoran, Musik: bhkata, Lichtdesign: Mădălina Mânzat, Ton & Videoprojektion: Vlad Negrea, Technische Leitung: Arhidiade Mureşan.
Mit: Diana Buluga, Alexandra, Tarce, Sânziana Tarţa
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Stop being poor
Regie, Konzept & Szenografie: Anders Firing Aardal, Matias Askvik, David Jensen, Marthe Sofie Løkeland Eide, Yiva Owren, Heiki Eero Riipinen, Produzentin & Tourmanagement: Aurora Kvamsda.
Mit: Anders Firing Aardal, Matias Askvik, David Jensen, Marthe Sofie Løkeland Eide, Yiva Owren, Heiki Eero Riipinen.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
http://www.hiof.no/om-hogskolen/enheter/akademi-for-scenekunst

Felülről Az Ibolyát
Regie: Martin Boross, Künstlerische Mitarbeit: Gáspár Téri, Zita Schnábel, Bühne: Lőrinc Boros, Musik: Szabolcs Tóth, Video: Gáspár Téri, Kamera: Zágon Nagy, Produktion: Anikó Rácz.
Mit: Zsófia Tamara Vadas, Imre Vass, Szabolcs Tóth.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
http://stereoakt.hu/

Ibsen: Peer Gynt
Regie & Konzept: Markus&Markus (Katarina Eckold, Lara-Joy Hamann, Manuela Pirozzi, Markus Schäfer und Markus Wenzel).
Mit: Markus Schäfer, Markus Wenzel und Herbert
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
http://markusundmarkus.at/

www.staatstheater-braunschweig.de

 

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