Wenn der Himmel so schön schweigt

von Jens Fischer

Hamburg, 26. November 2015. Mit zauberischem Funkeln locken sie von fern, bescheren beim Heranschreiten ein glitzerndes Glühen und spiegeln das umgebende Lichtermeer. Weihnachtsbaumkugeln faszinieren als Traumblasen oder Illusionsbälle – derzeit direkt neben dem Thalia Theater. Dank Florian Löscher auch in aufgeblähten Varianten über seiner Bühne. Als Christbaumschmuck für das kalte, gottlose Universum: Gestirne im leeren, schwarzen Raum. Ein Luftschiff imaginieren die Schauspieler hinein und blicken wunschbeladen hinauf. Der silbrig bunt changierende Schimmer wirkt weihnachtlich verheißungsvoll. Hilft aber nicht weiter.

Ja, wenn der Himmel so schön schweigt, wer ist denn zuständig für die Linderung des sozialen Elends, fragt die an "Glaube Liebe Hoffnung" festhalten wollende Elisabeth (Birte Schnöink). Als würde sie von Kafkas Gnaden einen undurchdringlichen Bürokratiedschungel anstarren. Mutig aus Verzweiflung bietet sie ihre Leiche einem Anatomischen Institut zum Kauf an und bringt sich unwillig, aber doch kokett in Stellung, dass klar ist: Aus finanzieller Not verkauft sie auch ihren lebenden Körper. Der Präparator rät erstmal zum Sprung aus dem Fenster. Etwas Besseres als den Tod findet sie nirgendwo in dieser morbid fidelen, sich auflösenden Gesellschaft, die der Kleine-Leute-Versteher Ödön von Horváth so einfühlsam kühl beschrieb? Jette Steckel hat zwei seiner Werke gemixt – nämlich den Abschwung Elisabeths episodenhaft in "Kasimir und Karoline" integriert. Was dermaßen gut funktioniert, als hätte sie schon immer zum Personal gehört. Vom Autor war das ursprünglich auch mal geplant.

Zukunft ist eine Beziehungsfrage

Nun erlebt die stille Elisabeth also das lärmende Oktoberfest. Den aufleuchtenden Nationalsozialismus der 1930er Jahre Horváths hat Steckel weggebleicht. Aber die gehässigen Rauf- und Saufschädel kommen in historisch abgestandenen Kostümen daher. Sehr schön werden sie von der Lichtregie aus dem Bühnendunkel als Jahrmarkt-Statuen herausgeleuchtet und nach und nach vom Drehbühnenkarussell aus dem gesellschaftlichen System geschleudert. Melancholisch drohend klimpert dazu Musik aus den Lautsprechern.Kasimir 560a KrafftAngerer hOktoberfestmenschen unterm Christbaumschmuck: Jette Steckels doppelter Horváth
© Krafft Angerer

Elisabeth und Karoline sind Kämpferinnen. Die eine will einfach nur nicht untergehen, die andere Spaß und raus dem prekären Angestelltendasein. Zukunft ist eine Beziehungsfrage, heißt es später. Karoline (Maja Schöne) weiß es von Anfang an und hat kein Problem, sich die Karriereleiter hinaufzuschlafen. Männer wirken ähnlich pragmatisch. "Weiber gibt es wie Mist", sagt einer und nimmt sich eine, weil er gerade eine braucht.

Liebe ist nicht mal eine Erinnerung

Das kann nicht gut gehen. Kasimirs großer Auftritt: Raustimmig harsch macht er deutlich, bei der wechselseitigen Ausbeutung nicht mitzuspielen. Behauptet, der Mensch wäre mehr als sein Gebrauchswert. Muss er aus Selbsterhaltungsgründen auch behaupten, wird er doch gerade nicht gebraucht. Kasimir ist "abgebaut", also arbeitslos. Zwischen Naivität und Berechnung wendet sich seine Karoline daher anderen Steigbügelhaltern des eigenen Aufstiegs zu. Liebe, so zeigt Steckel, ist hier nicht mal eine Erinnerung – nur ein Wort. Eine human-rosa Trostillusion. Soll helfen gegen eine Zeit, in der Wirtschaftskrisen zur Erosion der Demokratie, fehlende Arbeit zum Zerbrechen der privaten Verhältnisse führt.

Jazzig lässig lassen vier Musiker eine minimalistische Blasmusik anschwellen und ergänzen mit zunehmend fetter pumpenden Basslinien. Die Handlungssplitter greifen daraufhin stetig schneller ineinander, gehen aus den Fugen. Wie beim Totentanz auf dem Vulkan geht's nun zu. Lust zum Triebausbruch. Gierige Körperkontakte. Kasimir erschießt Karoline. Pause. Okay. Das Mit- und Gegeneinander ist grob gehäkelt, Lebensverfehlungen sind plakativ ausgestellt. Steckel zeigt körperliche Männergewalt, hält Demütigungen der Frauen fest, erzählt Geschichten manchmal nur in verweigerten Berührungen, vermiedenen Blicken. Und deutet an: Wer erstmal raus ist aus dem kapitalistischen Kreislauf von Einnahmen und Ausgaben, Arbeit und Konsum, der bleibt auch draußen.

Heulendes Elend

Dann aber ist die Pause vorbei, und der Himmel fällt auf die Erde, also die Balloninstallation auf die Bühne. Wo nicht nur sie ihre Luft verliert. Steckel entgleiten alle Figuren, Handlungsfäden, Regiemittel. Elisabeths Paarbildungsversuch mit einem Schupo – an sich recht beklemmend – kommt in derb überdrehter Herbert-Fritsch-Manier daher. Elendig lange Trunkenheitsnummern folgen. Partyfidel wird ein Versöhnlichkeitsschlager angestimmt. Mirco Kreibichs Kasimir muss 75 Minuten lang das heulende Elend geben. Er grölt dazu, jammert und steppt. Über die Bühne schwebt Karoline. Irgendwann übertönt die Musik die Dialogtexte, so dass sie per Übertitelungsanlage eingeblendet werden. Alle heben zum Derwischtanz an, rocken dann aber doch lieber discomäßig ab.

Entstehen sollte wohl ein kollektiver, auswegloser Empfindungsraum deprimierender Lebensbedingungen. Aber alle inhaltlich ausgelegten Ansätze zerbröseln im ästhetischen Wirrwarr. Eine so vergeigte zweite Halbzeit habe ich von Jette Steckel noch nie erlebt.

 

Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen
von Ödön von Horváth
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Anton Spielmann (1000 Robota), Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Mirco Kreibich, Matthias Leja, Oliver Mallison, Karin Neuhäuser, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Maja Schöne, André Szymanski, Sebastian Zimmler, Patrycia Ziolkowska; Musiker: Gabriel Coburger, Olvier Gutzeit, Stephan Krause, Christophe Schweizer.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Jette Steckel hat einen Blick für Horváths Komik, einen Sinn für das Unheimliche und ein Ohr für seine Sprache, wie die ersten Szenen des Abends im Hamburger Thalia Theater zeigen", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.11.15). Die zweite Hälfte des Abends ziehe sich dann aber über "gefühlte gute vier Stunden" hin und ende "in einem Rausch aus Lärm, Suff und Ekstase (…) – Glauben, Lieben, Komasaufen", wobei sich zeige: "Die Schauspieler halten fast alles aus, die Zuschauer allerdings nicht."

"Ein Bällebad der höllischen Art", nennt es Werner Theurich auf Spiegel online (27.11.15). Da Horváths Geschichten und seine Sprache einfach und geradlinig gebaut seien, funktioniere diese Symbolik problemlos. Intensiven Anteil an der atmosphärischen Dichte der Inszenierung habe auch die vielfältige Bühnenmusik von Anton Spielmann. Im konzentrierten Spiel vor allem von Maja Schöne und Birte Schnöink wirke nichts forciert, "obwohl in dieser Nummernrevue reichlich Klischeefallen lauern", so Theurich: "Da gehen dann auch arg überzogene Slapstick-Orgien (…) im zweiten Teil des Abends in Ordnung, die einfach nur perfekt beherrschte Körperkomik bieten und für ein wenig Comic Relief inmitten der Düsternis sorgen."

Eine "zeitlose Studie im Mollton über Menschen, die zu Verlierern, Opfern (gemacht) werden, die sich aufbäumen oder mitgerissen werden, ihren Vorteil suchen und ein kleines bisschen Glück, die die Liebe verlieren und ihr Leben" hat Armgard Seegers gesehen und schreibt im Hamburger Abendblatt (28.11.15) außerdem: Der "doch sehr lange" Abend überzeuge zwar im ersten Teil vor allem in den intimen Szenen zwischen Paaren, die mit ihren Glücksvorstellungen aufeinander stoßen. "Er missfällt aber, weil zu viel gebrüllt wird. Und vor allem, weil im zweiten Teil Szenen aneinandergereiht und nicht zu Ende inszeniert wirken."

"Es ist ein langer Abend. Der gerne kürzer sein dürfte. Nein: müsste!", gibt Katja Weise im NDR (27.11.15) zu Protokoll. Vieles bliebe plakativ, und es blieben Leerstellen, "denn Jette Steckel zerdehnt die Geschichten." Horváth selbst habe die beiden Stücke in ersten Entwürfen zwar zusammengebracht, "aber möglicherweise gute Gründe dafür gehabt, zwei Stücke daraus zu machen".

"Ansehenswert ist das Stück der Schmerzensschwestern unbedingt, und aktuell ist es natürlich auch in diesen Zeiten kurz vor der gesellschaftlichen Explosion. Und doch scheitert Steckel auf hohem Niveau, weil ihr zu schnell die dramaturgische Luft ausging", befindet Michael Laages im Deutschlandradio Kultur (26.11.15). Die "Rückführung ins frühe Doppel-Stück" funktioniere zunächst durchaus, so Laages und lobt die dramaturgischen Kniffe und "effektiven" Doppel-Besetzungen. "Zudem hat Florian Lösche eine ziemlich grandiose Raum-Idee realisiert." Aber nach der "ziemlich streng und formal gebauten ersten Hälfte" verliere der Abend "komplett alles Tempo und jede Kontur", und es gehe "nur noch ums Gesaufe und Gelalle und Gezeter und Gerammel auf dem Oktoberfest".

"Im ersten Teil ist das neue Stück schon rein formal gesehen eine runde Sache", schreibt Stefan Grund in der Welt (28.11.15). Nach der Pause allerdings hätten die Geschichten (…) nicht mehr viel miteinander zu tun, "die Hauptfiguren hasten nur gelegentlich aneinander vorüber oder irren inmitten der herabgefallenen großen Kugeln umher, denen, wie der Story, langsam die Luft ausgeht", so Grund, und: "Die zu offensichtlich überzogene Ekstase ermüdet." Lichtblicke im zweiten Teil seien André Szymanski als Merklfranz in Stöckelschuhen und Karin Neuhäuser, die aus Horváths Kunstfigur eine unglaublich lebensechte Erna hervorzaubere. "Neuhäuser berührt als Einzige an diesem Abend tief."

"Die Montage verknappt die Stücke und schützt die Inszenierung vor Sentiment-Weichzeichnung", lobt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2015) "einen atmosphärisch ungemein dichten, klug und klar erzählten Abend". "Steckels Inszenierung dürfte eine der klügsten, in der Lakonie eindringlichsten Horváth-Erkundungen der letzten Jahre sein – so trostlos und ab und zu verzweifelt komisch wie Marthalers Volksbühnen-Inszenierung von 'Glaube Liebe Hoffnung', so nüchtern und illusionslos im Blick auf die Figuren wie Thalheimers 'Geschichten aus dem Wiener Wald' am Berliner Deutschen Theater", so Laudenbach. Weil Steckel bei aller Nüchternheit nicht mitleidlos auf ihre Figuren blicke, entstehe "etwas Schönes und im Theater eher Seltenes: Man schaut gleichzeitig berührt und sachlich dabei zu, wie diese Menschen sich mit größter Selbstverständlichkeit durch ihr Unglücksleben bewegen."

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