Tausendundein Klischee

von Michael Bartsch

Dresden, 29. November 2015. Am Samstag Abend hat Volker Lösch auf der Bühne des Dresdner Staatsschauspiels mit seiner Max Frisch-Inszenierung Graf Öderland/Wir sind das Volk ätzend gegen Pegida polemisiert, am Sonntag Abend geht die Bürgerbühne des Staatsschauspiels mit "Morgenland" unerwartet in die Charmeoffensive. Dem rassistischen "Dschihad-Reflex" gegen Menschen mit schwarzen Haaren, dunklem Teint und einer Sprache, die irgendwie nach "Allahu akbar" klingt, haben die Blutbäder von Paris wohl Wasser auf die Mühlen gegeben. In Dresden setzen nun sieben Akteure und vier Musiker solchen Vorstellungen einen heiteren Grundkurs Arabistik entgegen, der unter anderem zeigt, mit welch locker-emanzipiertem Gestus sowohl Eingebürgerte als auch Flüchtlinge sich selbst zum Besten haben können.

Das Tempolimit in Syrien liegt bei ... ?

Für die entsprechende Atmosphäre sorgt schon die zwanglose Tischgruppierung im Kleinen Haus 3, das ist eigentlich die Probebühne. Jeder Tisch erhält im Verlauf der knapp zwei Stunden fünfmal Besuch von einem der Akteure. Lebens- und Fluchtgeschichten werden erzählt, der Sprachklang anhand einer übersetzten Geschichte vermittelt, eigene bildkünstlerische Arbeiten vorgestellt oder ein Video über arabische Frauen vorgeführt.

Morgenland3 560 David Baltzer uIbrahim Mohamed Qadi, Sami Ramadan, Rouni Mustafa, Tarek Alsalloum, Ashraf Ayash, Publikum
© David Baltzer

Sollte jemand in frostiger Stimmung zu dieser Premiere erschienen sein, so musste das Eis nach wenigen Minuten schmelzen. Hinreißend, wie beim Einzug erst einmal alle gängigen Klischees bedient werden, vom fliegenden Teppich über Sindbad bis zum Bauchtanz. Auf Gitarre, Oud und Trommel sorgen die Musiker, darunter ein Arzt und ein Psychologe, für orientalisches Flair. Dem anschließenden Wissenstest kann sich niemand entziehen. Abgestimmt wird über die Richtigkeit von Behauptungen, arabische Sitten, Bräuche und Vorschriften betreffend. Ja, ein Mann darf bis zu vier Frauen heiraten, für eine verheiratete Frau ist es das Schlimmste, wenn sie einer verflossenen Liebe nachtrauert, und das Tempolimit in Syrien liegt bei 110 km/h. "Typisch, aber nicht repräsentativ" – mit diesem Running Gag werden viele Feststellungen augenzwinkernd relativiert.

Blick auf den Westen: "seelische Trockenheit"

In der auf Englisch moderierten Show wird außerdem arabisch gesprochen und gesungen, teils auch deutsch, in jedem Fall aber Wichtiges in deutschen Titeln eingeblendet. Es geht nach Themenkreisen durchs Programm, nicht didaktisch, sondern spielerisch vermittelt und unter den Akteuren selbst oft kontrovers ausgetragen. Nicht, wenn es um die überragende Rolle der Mutter im arabischen Raum geht, aber eine vom Dorf und der Sippe nicht akzeptierte Liebe ist zum Beispiel ebenso ein heißes Thema wie ungleiche Rechte für Männer und Frauen. Ashraf Ayash, 29, sieht aus wie der arabische Elvis Presley und rappt von unerfüllter Leidenschaft. Ohne Skrupel plaudert Yesmine Trigui, die einzige Frau unter den Spielern, von der Umgehung der Konventionen beim vorehelichen Sex. Sie gerät an Sami, der in Fortsetzungen seine abenteuerliche Lebensgeschichte erzählt und den sie überredet, mit nach Dresden zu ziehen.

Ein bisschen kurz kommt das heikle Kapitel Religion weg. Mehr hätte man sich auch von den Heimattelefonaten am Schluss gewünscht, in denen die Akteure ihre Beobachtungen über uns mitteilen. Die Beziehungsangst deutscher Individualisten zum Beispiel oder deren "seelische Trockenheit". Zum Finale folgt doch noch eine scharfe Kurve zurück zum Vorabend. In der Manier fremdenfeindlicher Demonstranten parodieren alle den NPD-Spruch "Wer Freital nicht liebt, soll Freital verlassen!". Entspannter Applaus, darunter von mehreren sächsischen Landtagsabgeordneten, der Dresdner Kulturbürgermeisterin sowie Wissenschafts- und Kunstministerin Stange für einen Bildungsabend, der für jeden Pegida-Demonstranten verbindlich vorgeschrieben werden sollte.

Morgenland
Ein Abend mit Dresdnerinnen und Dresdnern aus dem Orient
Bürgerbühne Dresden
Regie: Miriam Tscholl, Bühne und Kostüm: Belén Montoliú Garcia, Musik: Michael Emanuel Bauer, ausgeführt von Anwar Aldiban, Thabet Azzawi, Abed Sarraf, Abdel Semmoudi, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Tarek Alsalloum, Ashraf Ayash, Rouni Mustafa, Ibrahim Mohamend Qadi, Sami Ramadan, Diaa Eldin Soliman, Yesmine Trigui.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

Kritikenrundschau

Miriam Tscholls "Morgenland" wirke "wie eine Ergänzung" zu Volker Löschs "Graf Öderland/Wir sind das Volk", schreibt Mounia Meiborg auf Zeit online (30.11.2015). Stereotype würden hier "humorvoll zertrümmert. Aber leider werden sie manchmal auch reproduziert; zum Beispiel, wenn ein Video über 'das Frauenbild in den arabischen Medien' gezeigt wird." Der Abend sei von Tscholl als "erste Begegnung von Dresdnern mit arabischer Kultur" konzipiert. "Artig stellen sich die neuen Mitbürger vor, als wollten sie sagen: Schaut her, wir beißen nicht! Man kann das allzu defensiv und auch ein wenig unbedarft finden. Aber in Dresden kann ein bisschen Kulturvermittlung zurzeit wohl nicht schaden."

Reinhard Wengierek von der Welt (2.12.2015) hingegen empfindet den Abend als "eine wunderbar leichte, intime, anrührende, erstaunlich unverkrampfte Veranstaltung in Sachen Empathie" und als "unglaublich locker und humorvoll". Die jungen Flüchtlinge und Asylbewerber erzählten von sich "mit Witz und auch Traurigkeit, von ihrem alten so schönen wie schwierigen Zuhause und von dem womöglich künftigen, das sie noch erobern müssen."

Marcel Pochanke von der Sächsischen Zeitung (1.12.2015) beschreibt das Dresdner Staatsschauspiel als "trägen Koloss, der eine Weile gebraucht hat, um nach dem öffentlichen Furor von Pegida-Demonstrationen und Zuwanderungsdiskussion in die Gänge zu kommen." Erst jetzt scheint es ihm "auf der Höhe des Diskurses angelangt, was die künstlerische Qualität und die nötige Lautstärke betrifft." Der "Morgenland"-Abend für ihn: "heitere Kurzweil, Klugheit statt Verbissenheit." Thema sei hier "das Lebensgefühl, aus dem Morgenland zu stammen". Dresden könne sich plötzlich mit dem Berliner Gorki-Theater messen, ja stelle Sebastian Nüblings Inszenierung "In unserem Namen" sogar "in den Schatten", v.a. aufgrund "der Qualität der Texte, die Dramaturgin Felicitas Zürcher wie aus einem Guss zusammengestellt hat. Kein Wort ist zu viel." Fazit: "ein verdammt starker Abend (...), der seinesgleichen lange sucht."

Tscholl, Zürcher und Arabischlehrer Bashar Alwan hätten das Ganze "genau recherchiert und sorgfältig vorbereitet", so dass es gut tauge "für eine Einführung, die alle Gewogenen in ihrem Bekenntnis zur Weltoffenheit stärken dürfte", meint Andreas Herrmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten (1.12.2015). Die kurzen Tischgespräche erinnerten ein bisschen "an Speed-Dating", aber auch an die "Dialog-Foren der Staatsregierung, mit der diese im Frühjahr auf die damals noch recht zivilisierte Protest- und Pöbelbürgerwut reagierte und diese abwiegeln wollte." Im Ergebnis sei ein "Morgenland"-Besuch "wesentlich nachhaltiger, auch wenn er die kommenden Probleme jenseits der echten wie sozialen Kälte nur en passant anschneidet". Für den "bewegendsten Moment" sorge der "sichtlich gerührt, nervös wie traurig" rappende 19jährige Rouni Mustafa aus Latakia.

 

 
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