Im Schatten der Bombe

von Elske Brault

Freiburg, 4. Dezember 2015. Acht Personen suchen einen gemeinsamen Handlungsfaden – und der ist am Ende so verknäuelt, dass sogar das Programmheft anderthalb Seiten benötigt, ihn auseinander zu wirren. Ein vermeintlicher Terrorist legt mit einer Bombenattrappe einen Flughafen stundenlang lahm. In dieser Zeit trifft sich seine Angebetete mit einem anderweitig verheirateten Mann. Dessen Frau verzweifelt, weil das gemeinsame Kind verschwunden ist. Und irgendwie sind davon auch eine egozentrische Filmproduzentin mit Migräneanfällen, eine junge Alleinerziehende mit Helfersyndrom und ein Obdachloser betroffen. Waren das schon acht?

Nein, es fehlt noch die Kommissarin, die den Terroristen verhört. Der am Ende natürlich gar kein Terrorist ist, sondern ein arg verliebter junger Mann. Er wollte nur seine Freundin aufhalten, bevor die mit einem verheirateten Typen wegfliegt, den sie im Internet kennengelernt hat. Aber warum bloß erscheint es dann gleichzeitig so zwangsläufig, dass dieser Kerl sich mit dem jungen Mädchen in einem Hotelzimmer neben dem Flughafen vergnügt, als hätte es niemals die Absicht gegeben, gemeinsam auf und davon zu fliegen?

Zorn1 560 Maurice Korbel uKostüme der Überflußgesellschaft in der Aufstiegspirale? © Maurice Korbel

Unsichtbare Höhen

Nino Haratischwilis Drama "Zorn" krankt daran, dass wir nicht Figuren bei ihrer Entwicklung zusehen, sondern einer Autorin bei dem Versuch, Einzelschicksale zusammenzuführen. Das gelingt mal mehr, mal weniger überzeugend, letztlich bleibt "Zorn" ein Bilderbogen, der wohl besser zum Drehbuch getaugt hätte denn als Theaterstück. Grau grundierte Bilder hätten jenen Gesamteindruck von Einsamkeit in der Großstadt erzeugen können, um den es womöglich geht. Im Drama hingegen bleiben wunderbare Ideen im Ansatz stecken: Was für eine Wucht hätte beispielsweise das Motiv des Stillstands, den die Bombendrohung erzeugt, entwickeln können, würde Haratischwili ihm mehr Raum geben.

Stattdessen dominiert in ihrer Regie die Aktion, und Julia Bührle-Nowikowa hat dafür als Bühnenbild eine Metallspirale gebaut, die sich in unsichtbare Höhen schraubt und den Darstellern als Kletter- und Turngerüst dient. Altkleider hängen über den runden Turnstangen, es regnet Stofffetzen vom Bühnenhimmel: In der Überflussgesellschaft ist jedes Kostüm verfügbar, und in mancher Begegnung verspricht der Dialog-Partner anfangs die Erfüllung aller Sehnsüchte – bis er sich auszieht oder verbal sein wahres Gesicht zeigt.

Keuchende Anstrengung

Nino Haratischwili gelingen großartige Dialogszenen. Wie Ehefrau Celia (Iris Melamed) den Moment schildert, da sie den Lolita-Komplex ihres Mannes Adam (Victor Calero) entdeckt, oder wie umgekehrt Adam Celia vorwirft, dass er sie niemals so glücklich und entspannt gesehen habe wie in dem Augenblick, da sie allein und sich unbeobachtet wähnend im Garten lag, das sind Tiraden der enttäuschten Liebe, die selbst einen Ingmar Bergman neidisch machen könnten. Ebenso gekonnt inszeniert die Regisseurin auf der körperlichen Ebene das Zueinander-Wollen und Verfehlen: Die Beischlafszene zwischen Ehemann Victor und seiner minderjährigen Gespielin Antonia (Marie Bonnet) ist hier ein halsbrecherisches Hangeln und Sich-Verbiegen an der Turnspirale. Es braucht eben keine nackte Haut, um die keuchende Anstrengung und Dringlichkeit sexueller Triebabfuhr ins Bild zu setzen.

Zorn2 280h Maurice Korbel uHalsbrecherisches Hangeln   © Maurice Korbel Allein: Viele gute Einzelszenen machen noch kein gutes Stück. Und auch eine besonders gut gemeinte Idee scheint anfangs noch gut gemacht, verliert dann aber mehr und mehr ihren Sinn: Dem wie stets souverän spielenden Freiburger Ensemble sind drei Darsteller aus Haratischwilis Geburtsort Tbilisi zugesellt.

Sprachmischmasch

So spricht der vermeintliche Bombenleger (Paata Inauri) georgisch mit der deutschen Kommissarin (Johanna Eiworth): Kein Wunder, dass die beiden gnadenlos aneinander vorbeireden. Und auch Rulas (Anamaria Gurgenishvili) demütige Haltung – erst massiert sie Männern beim Pornofilm als "Aufwärmerin" den Schwanz, später der Filmproduzentin die Schläfen – scheint erklärlich aus ihrer Fremdheit und Ausgegrenztheit in einem Land, in dem niemand ihre Sprache versteht.

Aber in den rasanten Dialogen kommen die Übertitel-Schieber aus der Technik nicht schnell genug mit, geschweige denn der Zuschauer, und kaum hat er sich an das Nebeneinander von georgisch und deutsch gewöhnt, ist der Sprachmischmasch nur noch ein Hemmnis, büßt seine Überzeugungskraft ein als ästhetisches Moment. So scheint einzig Nino Burduli als Filmproduzentin ein echter Besetzungs-Coup: Sie spricht deutsch, allerdings mit starkem Akzent, und die Anstrengung, die jedes Wort sie kostet, verleiht ihrer Figur bereits sprachlich jenen Zorn, von dem im Titel die Rede ist. Folgerichtig schmückt ein Foto Burdulis die Titelseite des Programmhefts. Genau so stellt man sich eine erfolgreiche Filmproduzentin beispielsweise aus Italien vor: Mit einem solchen Megärengesicht, von Hass erfüllt auf jeden Laut, den sie auszuspucken gezwungen wird.

Mehr leises Seelendrama, bitte

Es hätte also ein richtig guter Abend werden können und nicht bloß ein halbwegs guter. Wenn weniger gebrüllt würde. Wenn es statt Blut und Tränen und viel äußerem Drama mehr leises Seelendrama gäbe, erklärt aus der jeweiligen Biografie. Wie das gehen könnte, führt Hendrik Heutmann als Obdachloser Oskar vor: Einer Kopfverletzung wegen ständig mit dem linken Bein zitternd, schlurft er im Anzug aus besseren Tagen durch die Szenerie, ein Sozialphobiker, den keine Wohlfahrtspolitik jemals mehr integrieren wird. Aber auch er wird in seiner einzigen Liebesszene zu laut, und als Regisseurin hätte Nino Haratischwili dieser Figur mehr Begegnungen mit den übrigen Protagonisten gönnen können. Denn bei Oskar wirkt Existenz gefährdend, was alle in "Zorn" umtreibt: Die Dynamik von Geben und Nehmen in ihren Beziehungen ist gestört.

Das Stück endet mit dem Vorsatz, beim nächsten Mal eine richtige Bombe zu bauen und nicht bloß eine Attrappe. Das sollte auch Nino Haratischwili sich vornehmen für ihr nächstes Drama.

 

Zorn
von Nino Haratischwili
Inszenierung: Nino Haratischwili, Bühne: Julia Bührle-Nowikowa, Kostüme: Gunna Meyer, Musik: Maia Koberidze, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Marie Bonnet, Nino Burduli, Victor Calero, Johanna Eiworth, Anamaria Gurgenishvili, Hendrik Heutmann, Paata Inauri, Iris Melamed.
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Mehr lesen? Die Uraufführung des Stücks durch Felix Rothenhäusler fand 2010 am Deutschen Theater Göttingen statt.

 

Kritikenrundschau

"Zorn" injiziere "dem Zuschauer, man kann es nicht anders sagen, eine melodramatische Überdosis", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (7.12.2015). "Die auf den Monologen der einzelnen Figuren basierende Episodenstruktur macht das Stück andererseits über weite Strecken zum Stationendrama." Die Sprachgewalt der Autorin trage "am Ende aber einen fulminanten Sieg davon. Im deutschsprachigen Gegenwartstheater, das sich gern auf Ironie zurückzieht, um Pathos zu vermeiden, mag die ungebrochen verzweifelte Wut der Figuren auf ein Leben, aus dem sie nicht ausbrechen können, befremdend wirken. Doch nicht zuletzt wegen der sehr beeindruckenden Leistung des deutsch-georgischen Ensembles ist 'Zorn' ein herausragender Theaterabend."

 

 

Kommentar schreiben