Die Abschaffung des Inneren

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 5. Dezember 2015. "Arbeit ist heutzutage ein Privileg. Ein Privileg will verdient sein. Das ist Demokratie." So denkt Blocq, der Chef, der von allen als der große Brutalo wahrgenommen wird. "Es sind die Ideen in seinem Kopf, die schlecht sind, nicht er." So tickt Estelle, die noch beim Putzen des WC von den Sternen träumt und nicht eine Sekunde zaudert, wenn sie irgendjemandem Gutes tun zu können glaubt. Aber: Ist nicht womöglich diese Gutmenschin aus fanatischer Leidenschaft eigentlich die allerärgste aller vorstellbaren Gesinnungstyrannen? Mit dieser Ambivalenz spielt Joël Pommerat, wie überhaupt er in seinem Stück "Mein Kühlraum", das in Linz seine österreichische Erstaufführung erlebt, eine Menschengruppe aufstellt, die man charakterlich nicht so leicht zuordnet.

Es ist die Belegschaft eines Supermarkts. Der Chef hat erfahren, dass er todkrank ist, und überschreibt all sein Hab und Gut jenen Leuten, die ihn bisher so sehr gefürchtet haben. Einzige Bedingung: An einem Tag im Jahr sollen sie sich künftig seiner erinnern. Estelle hat die gloriose Idee, dem Alten zu Ehren ein Theaterstück zu spielen. Ein völlig verqueres Unterfangen, wie sich herausstellt. Die Neo-Besitzer des eigentümlichen Firmenkonglomerats – neben dem Supermarkt ein Schlachthof, ein Zementwerk und ein Bordell – sind von der ersten Minute an heillos überfordert. Sie, die immer bangen mussten um ihre kärgliche Existenz, sind plötzlich konfrontiert mit Marktmechanismen. Sie, die nur zu gut wissen, wie sich Angst vor Arbeitsplatzverlust anfühlt, müssen plötzlich marode Firmen abwickeln. Und sich dann noch konfrontieren lassen mit Estelles Rabiat-Positivismus und ihren kruden Träumen von Theater, einer ihnen nicht minder fremden Welt.

Abgründe ausgeleuchtet

Das Linzer Landestheater hat in der "Arena", dem zur rundumsichtigen Spielstätte umgebauten alten Theater, einen geradezu idealen Spielort für dieses Stück. Da kann sich keine Figur verstecken. An jeder der Ecken des dekorationslosen Spielquadrats von Bühnenbildnerin Alexandra Pitz steht ein überdimensionaler Scheinwerfer. Jede Seelenregung, jedes Sich-selbst-Belügen der Figuren in oft nur Sekunden dauernden Szenen wird unmittelbar ins Licht gestellt. Das Ausleuchten kommt aber nicht als Widerspruch daher zur spielerisch-flockigen Art, wie Pommerat das Urkomische hinter der gewaltigen Tragödie, die offenen Höllenschlünde hinter dem Alltäglichsten schildert. Gerade die Unmittelbarkeit macht sichtbar, was für dankbares Schauspieler-Theater das Stück offeriert.

Mein Kuehlraum1 560 Patrick Pfeiffer uAnna Eger als kloputzende Estelle © Patrick Pfeiffer

Ein feines Grüppchen hat Regisseur Gerhard Willert in Linz beisammen, allen voran die wunderbar dünnhäutig wirkende Anna Eger als Estelle. Die Zerbrechliche mutiert zur charakterstarken Denk-Diktatorin, zur unverstandenen Poesie-Einpeitscherin, an der alles "Normale" abprallt. Katharina Hofmann (Claudie) ist die Erzählerin, die vom Bühnenrand aus unprätentiös von Szene zu Szene geleitet und dann einsteigt ins Grüppchen von Estelles Arbeitskolleg*innen. Da ist der Metzger Alain (Lutz Zeidler), der beinah weltmännisch umsteigt in die neue Welt des Besitzens. Metzgermeister Jean-Pierre (Thomas Kasten) mutiert darob zum Fatalisten. Schrullige Typen sind der stotternde Lagerist Bertrand (Aurel von Arx) oder sein unverständlich brabbelnder Kollege Chi (Thomas Bammer), dessen Wortmeldungen ausschließlich die mit Empathie-Überschuss gesegnete Estelle deuten kann.

Figuren mit Charakterquetschungen

Die Kassierin Nathalie (Bettina Buchholz) gäbe in jedem wirtschaftlichen System eine engagierte Betriebsrätin ab, und eine Hypervernünftige wie Hauptbuchhalterin Adeline findet sich sowieso in jeder Firma. Aber all diese Eigenschaften sind gebrochen, jede Figur bekommt kleinere und größere Charakterquetschungen, Denk-Torsionen. Und dann noch Blocq, der eigentliche Herr über Mensch und Supermarkt: Vasilij Sotke im grauen Anzug, ein scheinbar kalter Despot. Dann, im Krankenbett, schaut er plötzlich "ins Innere meiner Gedanken", worauf Estelle schlagfertig kontert: "Gibt's das überhaupt?"

Mein Kuehlraum3 560 Patrick Pfeiffer uRatlose Neo-Unternehmer: Ensemble © Patrick Pfeiffer

Joël Pommerat hat seine tiefgründige Farce über das Zerbrechen humaner Arbeitswelt und privaten Unternehmertums im Neoliberalismus am Menschen festgemacht. Das ist die Stärke von "Mein Kühlraum". Estelles Nachbar (Christian Manuel Oliveira) hat nur wenige Sätze, aber zuletzt den vielleicht idiomatischsten: "Wenn ich überlebe, werde ich hoffen." Irgendwie tun das alle.

Mein Kühlraum
von Joël Pommerat, deutsch von Isabelle Rivoal
Regie: Gerhard Willert, Bühne und Kostüme: Alexandra Pitz, Musik: Wolfgang "Fadi" Dorninger, Dramaturgie: Matthias Döpke.
Mit: Vasilij Sotke, Anna Eger, Bettina Buchholz, Eva-Maria Aichner, Katharina Hofmann, Thomas Kasten, Lutz Zeidler, Aurel von Arx, Thomas Bammer, Bastian Dulisch, Christian Manuel Oliveira.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

Für Joël Pommerats Werk lege der Linzer Schauspielleiter Gerhard Willert "bereits seit Ewigkeiten Ehre ein", weiß Ronald Pohl im Standard (7.12.2015). "Seinen neuesten Werbeversuch kann man gar nicht zurückweisen." Denn Pommerat habe mit der Estelle "eine Figur erfunden, die man künftig einer Jeanne d'Arc an die Seite stellen wird: als heilige Estelle der Kühlräume. Diese wunderbar gespielte Zauberin tummelt sich wahrscheinlich heimlich in Mittsommernächten mit den großen Botho-Strauß-Verführerinnen, zum Beispiel mit Lotte-Kotte aus Groß und Klein." Es sei gar die "bezauberndste Neuerfindung aus den Figurenwerkstätten der zeitgenössischen Dramatik". Willert wiederum gelinge es, "die sozialen Binnenspannungen meisterhaft" zu inszenieren.

Gerhard Willert habe "eine über weite Strecken packende Studie menschlicher Verhaltensmuster und seelischer Deformationen geliefert", meint Philipp Wagenhofer im Neuen Volksblatt (7.12.2015). "Es ist ein Komprimat, das teils gar plakativ ausschlachtet, aber auch manch große Momente der Intensität erzeugt." Anna Eger sei eine "grandiose Estelle, eine facettenreich unterwürfige, später auftrumpfende Figur, deren Inneres nach außen drängt." Das Ganze sei eine "unkonventionelle Inszenierung, auf die man sich einlassen muss". Allerdings bedürfe das Stück "hoher Konzentration, nicht nur der Schauspieler, auch des Publikums".

Das Stück sei "gescheit und analytisch", schreibt Silvia Nagl in den OÖNachrichten (7.12.2015). Aber: "Wenn etwas sehr klug ist, neigt es manchmal auch dazu, zu viele Worte zu gebrauchen." "Mein Kühlraum" habe "das Spannende eines Psychothrillers, den dramaturgischen Aufbau eines Krimis, aber auch das manchmal dümmlich ausufernde Geschwätz einer Telenovela." In der Inszenierung greife alles "perfekt ineinander, jeder ist sofort richtig positioniert – weiter geht’s, nächste Szene!"

 

 
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