Die Liftboys fallen aus der Rolle

von Johannes Siegmund

Wien, 11. Dezember 2015. Es dauert zwar eine Stunde bis Antú Romero Nunes' Inszenierung im Akademietheater Fahrt aufnimmt, dafür dann aber so richtig. Bis dahin halten vier Liftboys in samtig lila Livrees Monologe von Joseph Roth. Joseph Roth hat zwei Gesichter: Es gibt den nüchternen, sachlichen Journalisten, der in knappen Sätzen und prägnanten Dialogen die Zwischenkriegszeit diagnostiziert und melancholisch der alten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hinterher trauert. Es gibt aber auch den apokalyptischen Roth des genialisch geschriebenen "Antichristen", der à la Nietzsche oder Spengler den Untergang des Abendlandes proklamiert.

Nunes und Ensemble haben sich für den Roth des Weltuntergangs entschieden. Dazu passt das düstere Bühnenbild, das wie ein schwarzes Kirchenschiff auf eine Tür zuläuft. Doch hier wird nicht nur der Untergang gepredigt – die düstere Schwere wird glücklicherweise gekonnt durch Humor und allerlei Postdramatisches unterbrochen. Dafür hat das Ensemble selbst improvisiert und getextet und sich überdies in der Zeit Online Kolumne von Thomas Fischer bedient.

Glocken und der letzte Geiger

Die Liftboys erzählen von Glocken, die im Krieg zu Kanonen und danach wieder zu Glocken geschmolzen wurden. Roth sieht den Antichristen auf solchen Glocken reiten. Er findet den Teufel aber auch in einfachen Bürgern und zielt damit auf das, was Hannah Arendt später die "Banalität des Bösen" nennen wird. Vielleicht hätte es der Inszenierung gut getan, nur den "Antichristen" zu verwenden. Die anderen Roth-Passagen ziehen sich, vor allem die Geschichte über Liebe und Treue des Bahnwärters Fallmerayer ist etwas langatmig und wird vor allem durch Spezialeffekte getragen. 

Hotel Europa1 560 Reinhard Werner uIm apokalyptischen Spiegelkabinett: Antú Romero Nunes' Joseph-Roth-Reflexion "Hotel Europa
oder Der Antichrist" am Wiener Akademietheater © Reinhard Werner

Spezialeffekte und große Bilder gibt es überhaupt zur Genüge. Es regnet Lichtpunkte zur großartigen Live-Musik des wohl letzten Geigers Matthias Jakisic. Es regnet auch Federn. Und ein Sensenmann läuft durchs Bild. Effekthascherisch, aber technisch so gut gemacht, dass es doch beeindruckt.

Die Fäden der digitalen Welt

Diese Überwältigungsästhetik wird mit Slapstick-Nummern kontrastiert. Dafür wird gern ein Schild aufgestellt, auf dem "Bitte ned stean" (Bitte nicht stören) steht. Die Liftboys trinken dann Kaffee und schwatzen munter drauf los. Der italienischstämmige Schauspieler (Michael Klammer) ist weniger ein kleiner Brauner als vielmehr ein Verlängerter? "Ja eh." Dann sind die anderen aber wohl kleine weiße Spritzer. Die wienerischen Redewendungen nehmen den Sexismen und Rassismen die Schärfe.

Zwischendurch fallen die Liftboys auch aus ihren Rollen und arbeiten sich an der vierten Wand ab. "Ich spiele schon mein ganzes Leben lang, haben Sie das Gefühl dadurch besser geworden zu sein?", werden wir beispielsweise nach dem Sinn des Schauspielens gefragt.

Medienkritik gibt es nicht nur am Theater: "Hinter tausend Fäden keine Welt" wird wie ein Motto über den ganzen Abend wiederholt. Aus den Gitterstäben von Rilkes Raubtierkäfig die feinen Fäden des Informationszeitalters zu machen: Die Metapher ist gut, allerdings verwirrt sie sich mit Roths Medienkritik am Kino, in der sich düstere Todesmetaphern, Doppelgänger und Schatten tummeln. In einem kurzen Rundumschlag wird Roths Kritik in einem Monolog auch auf das Internet erweitert. Diese Ausweitung ist leider zu unpräzise und greift darum nicht so richtig.

Ein Weltuntergangs-Spiel

Dann kommt Michael Klammer auf die Bühne, nimmt sich den Bart ab und hält einen großartigen Monolog über die Problematik der Flüchtenden. Er startet in der Rolle eines Fabrikanten, verliert die aber mehr und mehr und spricht bald das Publikum direkt an. Wer da spricht, bleibt unklar. Genauso vage ist der Inhalt. Harte Aussagen werden gemacht, aber immer im letzten Moment relativiert. "Die Flüchtlinge müssen ihre Frauen eben gleichberechtigt behandeln, so wie wir das auch tun ... sollten."

Auf ein Flipchart malt er gar ein Hakenkreuz, nur um es nach einem intensiven Moment des Zögerns durchzustreichen. Ab dieser Szene wird das Spiel morbide. Die theatralen Formen zerbröseln wie Joseph Roths Europa in den Weltkriegen. Es sind jetzt Clowns auf der Bühne, die sich perfekt in das Spiel aus düsterem Weltuntergang und Slapstick einpassen. Die Schauspieler*innen haben ihre Kostüme größtenteils verloren oder ergänzt.

Am Ende stirbt ein Clown und plötzlich hängen drei riesige Glocken im Bühnenraum. Ihr Läuten lässt den ganzen Saal vibrieren, und alles löst sich in ekstatischer Schwingung: Glocken, Kanonen, Clowns, die Wiener Kaffeekultur und der Untergang des Abendlandes.

 

Hotel Europa oder Der Antichrist
ein Projekt nach Joseph Roth
Regie: Antú Romero Nunes, Ausstattung: Matthias Koch, Musik: Johannes Hofmann, Matthias Jakisic, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Florian Hirsch, Dramaturgische Beratung: Eva-Maria Voigtländer.
Mit: Michael Klammer, Fabian Krüger, Katharina Lorenz, Aenne Schwarz, Musiker: Matthias Jakisic.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Wie in früheren Arbeiten kultiviere Nunes seinen Hang zur Groteske, zu Stummfilm und Laisser-faire-Improvisation, findet Barbara Petsch in der Presse (14.12.2015). Viele, allzu viele Werke Roths seien hier zusammengeworfen, aber zum Glück seien die Schauspieler da: "Sie machen das scheinbar ganz von allein, sobald man sie auf die Reise schickt." Am Ende aber sei "Hotel Europa" eine "virtuose Nabelbeschau aus der Piccolo-Perspektive, die weder Roth noch Europa gerecht wird und zeigt, wie Theater zuweilen sich selbst marginalisiert".

Ziemlich entgeistert berichtet Ronald Pohl im Standard (14.12.2015), dass die Schauspieler "einen Text- und Sprachparcours" absolvieren und gar nicht dazu kämen, Theater zu spielen. "Irgendwie haben Regisseur Antú Romero Nunes und Dramaturg Florian Hirsch eine verworrene Vorstellung davon, was sie mitzuteilen wünschen."

Das Problem an diesem Abend sei: "Besonders subtil ist er nicht in der Wahl seiner Mittel", findet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2015). Nervig sei auch "der monotone Nummernrevue-Charakter der Inszenierung, die ihre stärksten Momente dummerweise erst im letzten Viertel hat". Meistens gehe es weder um die Menschen auf der Bühne noch um die Welt – "alles nur Theater".

Anders klingt das in der Tageszeitung (15.12.2015) bei Uwe Mattheis: "Vier formbewusste SchauspielerInnen und ein kluger Regisseur schaffen eine fremde kleine Welt, der man für Momente gebannt zuschaut, wie Jahrmarktsbesucher es einst angesichts der Artistik und der Rohheit des vormodernen Treibens getan haben mögen." Am Ende verfehle der Abend dennoch knapp, was er könne. "Aber was ist die klügste Rede über die vierte Wand hinweg gegen den Erkenntnisgewinn einer kleinen, vertrackten Clownerie."

 

Sie absolvieren einen Text- und Sprachparcours. Sie kommen leider gar nicht dazu, Theater zu spielen. Irgendwie haben Regisseur Antú Romero Nunes und Dramaturg Florian Hirsch eine verworrene Vorstellung davon, was sie mitzuteilen wünschen. - derstandard.at/2000027456401/Hotel-Europa-Ein-Kaiserreich-fuer-ein-bisschen-Rothsche-Poesie

 
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