Suche nach verlorenen Lebensregeln

von Hartmut Krug

Berlin, 12. Dezember 2015. "Mein Gott, diese Hitze" seufzt die Bedienstete Fenitschka, ihr Baby vom Gutsbesitzer im Tragegurt vor dem Bauch. Sie zieht sich die Schuhe und ihre dicke Strumpfhose aus und greift zum Sonnenöl. Das Dienstmädchen Dunjascha, das mit dem Wäscheständer hantiert, ist ohnehin mit superkurzem Röckchen luftig angezogen und schwärmt mit erotischer Offenheit vom neuen Verwalter. Wenn Arkadi, der erwachsene Sohn des Hauses mit bestandenem Examen und dem Studienfreund Jewgeni aus St. Petersburg heimkommt, bringt er frische Luft und Bewegung, aber auch Konflikte in die Idylle.

Und die Zuschauer, die gemeinsam mit den auf ihre Auftritte wartenden Schauspielern rund um die leere Spielfläche vor und auf der Bühne sitzen, wähnen sich wie bei Tschechow auf dem Lande. Der vor zwei Monaten gestorbene irische Dramatiker Brian Friel hat seine Bühnenfassung von Iwan Turgenjews Roman "Väter und Söhne" als ein großes Figurenpanorama eingerichtet, und Stephan Kimmig hat es 1998 am Maxim Gorki Theater zur deutschen Erstaufführung gebracht.

Große Beziehungsspiele

In Daniela Löffners toller und subtiler Inszenierung wirken die Figuren ganz unangestrengt heutig in Kleidung und Verhalten und sind doch zugleich aus einer anderen Zeit. In Turgenjews 1861 erschienenem Roman, im gleichen Jahr schaffte der Zar die Leibeigenschaft ab, suchen die Menschen nach Lebenssinn und Lebensregeln. Der Gutsbesitzer hat sein Land den Bauern zur Bewirtschaftung übergeben, zugleich aber hat er es nicht geschafft, von seinen Bediensteten als Befehlsgeber akzeptiert zu werden.

Vaeterundsoehne2 560 ArnoDeclair uMan tafelt. Und redet, streitet, politisiert, liebt oder verweigert sich, so heute heute wie zu 
Turgenjews Zeiten © Arno Declair

Aus diesem Problem schlägt die Inszenierung manch komödiantischen Funken. Die scheinbar stille Gemütlichkeit selbst bei den existentiellen Konflikten, die Turgenjews Roman atmet, gibt der Aufführung eine ganz eigene Sinnlichkeit. Der Zuschauer sitzt so nah vor diesen Menschen, die sich da mit sich und an einander abmühen, dass er sich durch das schauspielerisch intensive Erzähl- und Menschentheater eines wunderbaren Ensembles völlig in die Geschichte hineingezogen fühlt. Es wird geredet, gestritten und viel politisiert, es wird immer wieder getafelt, aber auch geliebt oder sich voller Angst der Liebe verweigert. Irgendwie meint man, Stück und Stoff zu kennen, und bleibt doch immer dran am Geschehen.

Ideologische Verbohrungen

Arkadi und Jewgeni nennen sich Nihilisten und fühlen sich als Revolutionäre. Nichts als die Naturwissenschaft lassen sie gelten. Überkommene Sitten und Konventionen, aber auch Kunst und Gefühle lehnen die beiden ab. Während aber Arkadi, der seinen Freund hemmungslos bewundert, noch die Menschen um sich in ihren Eigenheiten wahrnimmt und sich mit den gegebenen Verhältnissen auseinandersetzt, der hochgewachsene Marcel Kohler gibt seiner Figur eine schöne Heftigkeit, mit der er seine Ideen vertritt und zugleich andere zu verstehen sucht, verbarrikadiert sich Jewgeni in seinen radikalen Ideen. Alexander Khuon spielt ihn als einen heftig in seinen Ideen verschlossenen und dabei arroganten Menschen. Dass er für die Frauen eine besondere Anziehungskraft besitzt und auch die Männer ihn für etwas Besonderes zu halten beginnen, vermag Khuon allerdings nicht zu verdeutlichen. Statt einer Aura besitzt er nur eine radikale Verbocktheit.

Regisseurin Daniela Löffner hat ihr großes Ensemble zu einem wunderbar intensiven Spiel vereint. Schon lange nicht mehr hat man am Berliner Deutschen Theater ein so mätzchenloses und zugleich phantasievolles Schauspielertheater erlebt. Es nimmt seine Figuren ernst und verschweigt zugleich deren Komik nicht. Und: Es kommt völlig ohne Video oder Film aus. Hier spielen Schauspieler noch direkt. 

Emotionaler Reichtum

Dreizehn Darsteller, die man eigentlich alle einzeln ausgiebig würdigen müsste, wo man doch nur einige hervorheben kann. Helmut Mooshammer als Arkadijs Vater: ein Mann, mit sich und seiner Gutsbesitzerrolle im Kampf, aufbrausend und suchend. Wie er erleichtert und begeistert ist, als sein erwachsener Sohn ihn zur Hochzeit mit der Geliebten auffordert! Wie der Darsteller seinen mimisch-gestischen Überdruck souverän einsetzt! Fenitschka liebt ihn nicht, aber es wird zur Hochzeit kommen.

Und Arkadi wird mit der Schwester (spielerisch leicht: Kathleen Morgeneyer) der reichen Gutsbesitzerin Anna ein Paar. Wie beide zueinander finden, das ist ein schönes Annäherungsspiel im Trubel der vielen Konfliktspiele um sie herum. Und wie Franziska Machens als emanzipierte Gutsbesitzerin darum kämpft, ihre Gefühle zu Jewgenij nicht aus sich herauszulassen, um nicht angreifbar zu werden, das nimmt den Zuschauer gefangen. Auch, wie Alexander Khuon vergeblich damit ringt, sich und ihr wiederum seine Liebe nicht einzugestehen, das ist ein ganz eigenes, ungemein anschauliches Theater im großen Theater der Beziehungsspiele.

Vaeterundsoehne1 560 ArnoDeclair uUneingestandene Liebe, und nur zwei Schauspieler in einem wunderbaren Ensemble: Franziska
Machens als Gutsbesitzerin, Alexander Khuon als Jewgenij © Arno Declair

Bernd Stempel als Jewgenijs Vater und biederer Arzt bringt uns seine Figur mit ihren Beschränkungen, ihrer immanenten Komik, aber auch ihrem emotionalen Reichtum beim Stolz über den ganz anders denkenden Sohn nahe. Und Oliver Stokowski als der Onkel, genannt die "Duftwolke", weil er sich beständig parfürmiert, ist keine Karikatur eines Kunst- und Literaturliebhabers, sondern wird als Figur mit mancherlei Widersprüchen lebendig.

Letztes Gedeck

Es passiert viel zwischen den Menschen in dieser Inszenierung. Die Freunde Arkadij und Jewgenii gehen sich an die Kehle, der Onkel und Jewgenij duellieren sich, weil sie sich um Fenitschka stritten. Der Medizinstudent Jewgenij kommt als Helfer bei einer Cholera-Epidemie zu Tode. In der letzten Szene, in der sich alle noch einmal gemeinsam am Tisch vereinen, die einen voll Trauer, andere voll Aufbruchswillen, legt Arkadij für seinen toten Freund noch einmal ein Gedeck auf. Und dieser setzt sich tatsächlich still (Achtung: Theaterzeichen!) mit an den Tisch. Es ist eine faszinierende Inszenierung, auch wenn die letzte Tischszene, in der alles, was man vorher schon verstanden hatte, noch einmal verdeutlicht wird, dann doch um einiges zu lang geraten war. Seit langem nicht mehr so fröhlich aus dem Deutschen Theater gegangen.

Väter und Söhne
von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew, Deutsch von Inge und Gottfried Greiffenhagen, Deutsche Fassung von Daniela Löffner und David Heiligers
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Regina Lorenz-Schweer, Kostüme: Katja Strohschneider, Musikalische Einstudierung: Katharina Debus, Ingo Schröder, Licht: Marco Scherle, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Marcel Kohler, Alexander Khuon, Helmut Mooshammer, Oliver Stokowski, Bernd Stempel, Katrin Klein, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Kathleen Morgeneyer, Elke Petri, Hanna Hilsdorf, Markwart Müller-Elmau, Benjamin Radjaipour.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"So eine klar erzählte, bei aller spielerischen Leichtigkeit kluge und sensible Inszenierung hatte man vom Deutschen Theater Berlin kaum erwartet", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (30.12.2015). Aus Sicht des Kritikers ist der jungen Regisseurin Daniela Löffner jetzt mit 'Väter und Söhne' ein hinreißender Abend gelungen". Löffners Regie gelinge das Kunststück, "Turgenjew als Vorläufer Tschechows zu zeigen und das Spiel wunderbar in der Balance zwischen trockener Komik und unsentimentaler Melancholie zu halten".

Mit dem eindrucksvoll harmonierenden Ensemble gelinge Daniela Löffner "eine sehr konzentrierte, erzählerisch ausgewogene und immer wieder höchst amüsante Inszenierung, die den langen Abend unangestrengt und spielerisch zu einem kurzweiligen Vergnügen macht", so Irene Bazinger auf Deutschlandradio Kultur (14.12.2015). "Die Figuren werden in der vierstündigen Aufführung plastisch lebendig und die Auseinandersetzungen, Sehnsüchte, Macht- und Ohnmachtsverhältnisse haben ausreichend Zeit und Platz, sich nachvollziehbar und berührend zu entwickeln."

Was der Romancier subtil andeute, "rufen hier die Figuren einander zu oder spielen es überkenntlich aus", beschreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.12.2015) die Schwäche des Abends. Seine Vermutung: "Vielleicht liegt es an der Nähe." Spaß bereite der mit Gesangseinlagen versüßte Abend trotzdem − "für denjenigen, der auch ohne störenden Erkenntnisgewinn und ohne herbeigebogenen gesellschaftskritischen Gegenwartsbezug einfach gern Schauspielern zuguckt".

Was der Romancier subtil andeutet, rufen hier die Figuren einander zu oder spielen es überkenntlich aus:

Die vier Stunden böten reichlich Anschauungsmaterial, vor allem in zwischenmenschlichen Dingen, findet René Hamann in der tageszeitung (14.12.2015) "Und dank des überragenden Ensembles und einer gut dezenten Regie beste Schauspielkunst."

Kritiken zum Gastspiel der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen 2016

Dirk Pilz schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (23.5.2016): "Löffners Abend vertraut ganz den Schauspielern und ihren Ausdrucksgaben – dennoch (oder gerade deshalb) ist er hochpolitisch: Er spielt durch, was es heisst, wenn eine Gesellschaft sich von Stimmungen in Geiselhaft nehmen lässt."

 

was bei Turgenjew Andeutung bleibt, wird ausagiert und benannt, was gegen das poetologische Prinzip von Turgenjew steht

Premiere im Deutschen Theater: „Väter und Söhne“ gefällt trotz störendem Erkenntnisgewinn | Kultur - Berliner Zeitung - Lesen Sie mehr auf:
http://www.berliner-zeitung.de/kultur/premiere-im-deutschen-theater--vaeter-und-soehne--gefaellt-trotz-stoerendem-erkenntnisgewinn,10809150,32917646.html#plx1362822404

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Premiere im Deutschen Theater: „Väter und Söhne“ gefällt trotz störendem Erkenntnisgewinn | Kultur - Berliner Zeitung - Lesen Sie mehr auf:
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