Das komische Gebaren der Geschlechter

Von Regine Müller

Köln, 28. März 2008. Es beginnt als Hörspiel: Minutenlang eilen geschäftige Schritte über knirschenden Kies, dann klopfen energische Absätze einen nervösen Rhythmus auf hölzerne Dielen. Aufbruchstimmung deuten auch die altertümlichen Bahnhofswartebänke an, die Annelisa Zaccheria auf die Bühne des Kölner Schauspielhauses stellt, um Antonio Latellas Deutung von Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" möglichst sparsam zu möblieren. Von der Decke hängen Volieren, in denen blitzende Lüster stecken. Die Lichter sind eingesperrt über der gähnend leeren Bühne und senken sich später hinab in den Boden.

Aus den Löchern, in denen das Licht verschwand, versuchen sich zuletzt die Menschen herauszuquälen, die sich vorher beinahe fünf Stunden lang im hartnäckigsten Terror des Müßiggangs bekriegt und aufgerieben haben. Wie Szenarien der Auferstehung des Fleisches auf Renaissance-Gemälden des jüngsten Gerichts muten diese Momente an, bevor eine dröhnend einsetzende Polka die eben noch Verzweifelten in groteske Springteufelchen verwandelt.

Rückwärts und zweisprachig

Die existentielle Fallhöhe, die den Figuren Goldonis hier zuerkannt wird, zeigt sich in diesem Ausschnitt des Kölner Marathon-Abends ebenso deutlich wie die Breite der Theatermittel, derer sich Regisseur Latella mit nicht versiegendem Einfallsreichtum virtuos zu bedienen versteht.

Latella erzählt Goldonis Trilogie über die Turbulenzen der alljährlich zelebrierten Ferienzeit der blasierten und zugleich emotional verwahrlosten upper class rückwärts und zweisprachig: Der erste Teil beginnt in der Gegenwart, die Teile zwei und drei siedeln in der Originalzeit des Textes. Man spricht italienisch und deutsch, zu den Schauspielern des Kölner Ensembles gesellen sich Kollegen aus Italien, Italienisch erklingt mit hartem deutschen Akzent und Deutsch mit italienischen Lautabschleifungen. Die Übertitelungsanlage arbeitet zuerst fleißig, später wird immer weniger übersetzt.

Von traurig bis bittersüß

Es ist eben ein bisschen wie im Sommerurlaub: Nach einer Weile man versteht irgendwie doch, was gemeint ist, ohne es übersetzen zu können. Vielleicht ist die größte Gabe Latellas seine Musikalität? Schier Atem beraubend nämlich ist, wie es ihm zum Beispiel gelingt, aus einer abendlichen Gesellschaftsszene ein Ensemble zu komponieren, das sich verdichtet wie das Finale einer späten Mozart-Oper.

Mit Mozart scheint Latella auch durchaus einig zu sein, dass der Krieg der Geschlechter grausam ist und kein Glück nirgends wartet. Und dass all das so traurig wie bittersüß ist. Und komisch dazu. Denn die eifrig gesponnenen Intrigen sind nicht nur den ohnehin irrationalen Herzenszuckungen, sondern auch albernen gesellschaftlichen Zwängen und pekuniären Interessen geschuldet.

Zärtlich grausame Duette

So buhlen denn der mittellose Leonardo (Rosario Tedesco) und der reiche Guglielmo (Giuseppe Lanino) um die reichlich kapriziöse Bürgerstochter Giancinta (Lucia Peraza Rios), aber auch Leonardos Schwester Vittoria (Elisabetta Valgoi) ist an Guglielmo interessiert. Habgier kreuzt große Gefühle, Halbheiten besiegen hehre Pläne und schliesslich sind alle unglücklich. Nichts wurde aus dem ehrgeizig geplanten dolce far niente.

Am Schluss droht Latellas souveränes Wechselspiel von großartigen Tableaus und Momenten von vibrierender Intimität zwar ein wenig auszufransen, auch würde der überlange Abend durchaus Kürzungen vertragen. Dennoch gibt man das Zeitgefühl gern auf im Metrum der zärtlich grausamen Duette, der skandierenden Chöre, der prasselnden Offenheit der italienischen Vokale, und der verzweifelt heraus gestoßenen Regieanweisungen, aus denen Anja Laïs das erste ihrer großen Soli macht.

Die geradezu taumelnde Spielfreude des vierzehnköpfigen Ensembles rettet sich sogar hinüber in die Applausordnung. Großer Jubel.

Die Trilogie der Sommerfrische / La trilogia della villeggiatura
Von Carlo Goldoni
Teil 1: Letizia Russo nach Carlo Goldoni, übersetzt von Sabine Heymann
Teil 2 & 3: Carlo Goldoni, übersetzt von Heinz von Cramer
Regie: Antonio Latella, Bühne und Kostüme: Annelisa Zaccheria, Musik: Franco Visioli, Licht: Giorgio Cervesi Ripa. Mit:  Marco Cacciola, Jennifer Frank, Nicole Kehrberger, Stefano Laguni, Anja Laïs, Giuseppe Lanino, Lucia Peraza Rios, Enrico Roccaforte, Rosario Tedesco, Emilio Vacca, Elisabetta Valgoi, Birgit Walter, Michael Weber, Thomas Wittmann.

www.schauspielkoeln.de


Mehr von Antonio Latella: Studio su Medea nach Euripides und Hans Henny Jahnn.


Kritikenrundschau

Christian Bos ist im Kölner Stadt-Anzeiger (31.3.2008) davon überzeugt, dass sich die fünf Stunden, die Antonio Latella für Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" benötigt, lohnen: Die Inszenierung rechtfertige ihre "Epik in jeder Minute", schnell nehme einen "die innere Logik des Abends gefangen". Latellas Inszenierung sei auch "eine Zeitmaschine", der erste Teil versetze "die höfische Gesellschaft ins Hier und Jetzt", doch verzichte er "auf krampfhafte Aktualisierungen ... Allenthalben kündigen sich schon die trauernden Leerstellen im Innenleben der Goldoni-Figuren an, auch wenn sie zu Anfang des Abends noch psychologisch undurchdringlich wirken." Im zweiten Teil erfahre die Aufführung dann "eine unvermutete Wendung ins Wehmütige." Die wahre Stärke der Inszenierung sei jedoch ihr "hochmusikalischer Umgang mit dem Text" – "anfeuernde Ausrufe, Streitgespräche, die wie Opernduette klingen, gesprochene Interpunktionen." Zu guter Letzt ein Seufzer des Kritikes: "Ach, es gäbe noch viel mehr zu erzählen."

In der Kölnischen Rundschau (31.3.2008) ist Hartmut Wilmes so ziemlich gegenteiliger Ansicht: "oft grandios, doch im Ganzen ermüdend" sei Latellas Inszenierung gewesen; "intensiv gespielt und inszeniert, aber letztlich belanglos. Ein virtuoser Fehlschlag." Der erste Teil sei "schier endlos", "schon das Kofferpacken zieht sich" – das Ganze sei "ein langer Weg zur schmalen Botschaft". Immerhin gebe es "eine fantastische Bühne" zu sehen, auch "schwereloses Ballett" und "große Gefühlsoper", doch letztlich bleibe man "ohne Hoffnung, dass der formalen Klasse ebenbürtiger Inhalt zuwachsen könnte".

"Wirklich eine Show" würde der neapolitanische Regisseur Antonio Latella da abziehen, schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (10.4.2008), "eine große, lustvolle Bühnensause, die durch die Zeiten und Traditionen taucht, durch Stile und Sprachen." Buffonata ist das Wort des Abends. "Worte prasseln wie Wasserfälle, Italo-Klischees und Commedia-Zitate verschmelzen." Die Ingredienzien Aberwitz, Unsinn und Schmerz ergeben "einen sinnlichen Spannungsbogen von aufgeregter Sommerhitzigkeit zu elegischer Herbstdepression." Je klarer der Plot werde, "umso mehr werden die vierzehn Darsteller zu einem intuitiven, homogenen Ensemble voll toller Spiellust, das einen mitreißenden Bildersog schafft." Begeistertes Fazit: "Ein entfesselter Theaterrausch aus den Höhen und Tiefen menschlicher Täuschung."



 
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