!Ran=jezz

von Petra Hallmayer

München, 16. Dezember 2015. Ein flaches Wasserbecken bedeckt die Bühne, in dem der in drei Gestalten aufgespaltene Ich-Erzähler ruht. Wechselweise beschreiben Christian Löber, Maja Beckmann und Marie Rosa Tietjen von artifiziellen Gesten begleitet die irdischen Verhältnisse im 25. Jahrhundert. "Leben ist heute so leicht geworden", versichert uns der dreifache Bo.

Sperrige Kunstprosa trifft Dystopie

Genau das aber wird ihm und seinesgleichen zum Verhängnis. In seinem Roman "Nichts von euch auf Erden", dessen Theaterversion Felix Rothenhäusler in der Kammer 2 der Kammerspielen inszeniert hat, malt Reinhard Jirgl ein finsteres Zukunftsszenario aus: Im abgeschotteten Europa dämmern die Menschen in einem künstlichen Paradies unter einem Himmelsimitat namens Imagosphäre sorglos dahin. Gewalt und Sex wurden mittels Genmanipulation in der sanft totalitären Wohlfahrtsgesellschafft abgeschafft. Aggressive und unangepasste "Elemente" sind vor langem auf den Mars evakuiert worden. Nun kehren die Marsianer zurück, deren Projekt "Terraforming" auf dem roten Planeten gescheitert ist. Die schlaffen Erdenbürger sind den Eindringlingen wehrlos ausgeliefert, die die Herrschaft übernehmen und eine erneute genetische Umpolung einleiten.

Nichtsvoneuch1 560 JulianBaumann uAlles so schön nass hier: Christian Löber, Maja Beckmann, Marie Rosa Tietjen © Julian Baumann

Eigentlich ist Jirgls formbesessene sperrige Kunstprosa, für die er seine eigene Orthographie kreiert, nicht theatertauglich. In welche Bühnensprache ließen sich Sätze übersetzen wie: "!Ran=jezz an die ausgezerrten Sensorien Dermassen." Tatsächlich aber gelang es Rothenhäusler, den Autor dazu zu bewegen, selbst eine Spielfassung zu erstellen. Doch auch in der komprimierten Version bleibt es eine wahnwitzige Herausforderung, den wortgewaltigen Abgesang auf die menschliche Gier, Hybris und Selbstdestruktion des Büchner-Preisträgers für das Theater zu erschließen. Rothenhäusler, das wird rasch klar, findet dafür keine rechten Mittel.

Wer ist das mysteriöse Koboldwesen?

Mit über den Kopf geschnallten Lichterschienen schreiten die Marsianer in wie Ausschneidebögen für Puppenkleider auseinandergefalteten Gewändern herein. In einer langen Rede referiert ihr Präsident die katastrophalen Entwicklungen, die die Kontinente um die Kunstoase Europa herum zerstört haben. Seine Begleiterin (Wiebke Puls) weiht uns in das grausame Schicksal der Flüchtlinge nach dem letzten Welt-Bürgerkrieg ein und erteilt Bo alias BOSXRKBN 181591481184 den Auftrag, an ihrer Stelle zum Mars zu reisen. Zuvor aber muss er sie noch töten und Abschied nehmen von "Der=Einen", mit der er ein bizarres Ritual vollzieht, das den Liebesakt ersetzt hat.

Nichtsvoneuch2 560 JulianBaumann uIn wie Ausschneidebögen für Puppenkleider auseinandergefalteten Gewändern: Wiebke Puls, Samouil Stoyanov, an den Rändern: Maja Beckmann, Christian Löber © Julian Baumann

All das jedoch findet nur verbal statt. Rothenhäuslers Inszenierung entpuppt sich als ein animiertes Hörspiel mit Live-Musik, atmosphärischen Licht-Effekten und grotesken Kostümen. Die sparsamen Regieakzente, die er setzt, sorgen in der ohnehin nicht leicht zu erfassenden Geschichte oft zusätzlich für Verwirrung. Immer wieder löst er die klaren Rollenzuschreibungen auf. Ohne Kenntnis der Vorlage begreift man so kaum, wer das mysteriöse Koboldwesen ist, das Bo umtänzelt, oder was es mit dem Chor der "morfologischen Bücher" auf sich hat. Die Schauspieler sind weitgehend zu Textaufsagern degradiert, tragen ehrfürchtig endlose Passagen aus Jirgls philosophisch aufgeladener, sich einer merkwürdig altertümelnden Sprache bedienenden Dystopie vor. Verglichen damit ist die Lektüre des 500-Seiten-Romans, bei der man immer wieder innehalten kann, kurzweilig.

Die Welt wird ohne Menschen enden

Mit einem transparenten Astronautenhelm auf der Stelle tretend gelangt Bo schließlich ins All. Nach der Pause, in der sich die Zuschauerreihen stark lichten, torkelt er zu Schlagzeuggewittern umher, berichtet uns von den höllischen Arbeitslagern auf dem Mars und einer Kinderhirne verspeisenden Tafelgesellschaft. Samouil Stoyanov doziert als Präsident mit kleinen Kabarettanleihen über seine Pläne zur "Gravitationssprengung" und das Projekt Uranus, das wie alle Projekte zuvor natürlich misslingt. Den darauf folgenden Untergang der Menschheit und den Triumph der Amöben, Mikroben und Pilze zu schildern, bleibt einer Stimme aus dem Off überlassen.

"Die Welt hat ohne Menschen begonnen, und sie wird ohne ihn enden", erklärte Claude Lévi-Strauss. Vielleicht ist das ja gar nicht so tragisch. Selten aber hat einen der Gedanke so wenig tangiert wie in Rothenhäuslers antisinnlichem Erzähltheater.

 

Nichts von euch auf Erden
von Reinhard Jirgl
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne: Matthias Singer, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Matthias Krieg, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Tarun Kade. Mit: Christian Löber, Wiebke Puls, Samouil Stoyanov, Marie Rosa Tietjen, Jelena Kuljić, Maja Beckmann, Musiker: Matthias Krieg.
Spieldauer: 3 Stunden, eine Pause.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Anders als im Buch geschehe auf der Bühne eins nach dem anderen, schreibt Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.12.2015). "Aus dem geschichtsphilosophischen Romangebäude, dessen Details dank eines Feuerwerks barocker Illusionstechniken eine irrlichternde Lebendigkeit gewinnen, hat Jirgl die Fabel herauspräpariert, den Faden der Geschichte." Mit den "gestischen Arabesken" der Schauspieler*innen finde die Inszenierung von Felix Rothenhäusler "ein geniales Äquivalent für den idiosynkratischen Satzbau Jirgls, jene Umständlichkeit, die einen gewaltigen Überschuss an Wahrnehmungen und Empfindungen transportiert".

"Was Rothenhäusler dazu bewog, Jirgl zu einer Bühnenfassung seiner auf rund 500 Seiten weit ausgreifenden Dystopie zu überreden, bleibt ebenso rätselhaft wie alles an diesem Abend", schreibt Matthias Hejny in der Abendzeitung München (18.12.2015). "Kann man in einem Buch wenigstens zurück blättern, ödet die Inszenierung als Live-Geräusch mit seltsamen Textwucherungen sowie mal sphärischen, mal perkussiven Sounds (Matthias Krieg) ohne jede theatrale Bodenhaftung und jenseits des Nachvollziehbaren über drei bleierne Stunden ohne Erbarmen vor sich hin."

"Wenn der Autor davon spricht, dass die Menschen in 400 Jahren 'anders denken, atmen, gestikulieren und laufen werden als wir heute', sollte das sichtbar werden, wenn man schon die fragwürdige Mühe einer Adaption des Stoffes für die Bühne auf sich nimmt", findet Cornelie Ueding auf Deutschlandfunk (17.12.2015). In der "Kammer" komme freilich keiner über eine Mischung aus Statik und Gestrampel, Gezucke und Grimassieren hinaus. "Die Wissenschafts-Karikaturen, die da über die Bühne staksten und hampelten, brachten leider gar nichts von jener versiert schrägen, artifiziell-subversiven Sprachmaschinerie herüber, die Jirgels poetischen Science-Slam in Buchform so faszinierend macht."

"Rothenhäusler nähert sich mit betont theatralischen Mitteln – Körperduktus, Gestik, Musik – den vom Stoff des Romans gesetzten Grenzen", schreibt Nico Freund in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2015). "Vieles wird als Mauerschau erzählt und nicht explizit gezeigt – die Utopie der Bühne setzt sich in den Köpfen fort." Die "eigenwillige, aber poetische Sprache Jirgls" funktioniere auch im Vortrag. "Das ist gar nicht immer so tiefsinnig und düster, wie man vermuten möchte, sondern sehr warm, witzig und uneitel."

 
Kommentar schreiben