Mission impossible

von Tomo Mirko Pavloviç

Stuttgart, 28. März 2008. Männer gibt's. Die führen einfach ein aufregenderes Leben. Haon zum Beispiel. Sieht völlig normal aus. Nichtssagend. Mitvierziger, Sakko, bürobleich. Steht nach Feierabend vor dem Chipsregal und kann sich nicht entscheiden. Oriental Style, ungarisch, mit Sauerrahm oder geriffelt natur? Solch eine Wahl fällt niemand leicht, auch Haon nicht, der jede Geschmacksnuance vor sich hinbetet, narkotisiert von der salzigfetten Supermarktwirtschaft in einem postkommunistischen Einkaufsparadies.

Und plötzlich ist dieser Jedermann auserwählt. Eine prophetische Regalkraft mit Zauselbart flüstert Haon/Noah ein, in einer bestimmten Knabbertüte warte die Erleuchtung in Form eines Gewinnloses, eine Jacht und die Mission, nicht weniger als die Menschheit und ein paar Tierchen durch die bevorstehende Sintflut in eine bessere Welt zu schippern. Haon ist skeptisch, greift sich dennoch die empfohlene Chipstüte und das Drama nimmt seinen Lauf. Männer gibt's.

Groteske, gewickelt

Das Drama? Das Drama ist, das es gar keines gibt. In "Vor der Sintflut" von Oleg und Wladimir Presnjakow stopfen die Menschen alles Bedenkliche in sich hinein: Chips, Hochglanzmüll, rührselige Theaterstücke, Coca-Blätter, Fernsehen und noch mal Chips. So viel Sinnlosigkeit verstopft jede Hirnwindung. Was bleibt, ist satte Leere.

Doch die Brüder Presnjakow, die mit ihren Stücken in Russland mittlerweile zu den etablierten Theaterautoren gehören, sind zynisch genug, dieses glatte, runde Nichts mit einer Groteske einzuwickeln – reich an Komik und tiefgründiger Oberflächlichkeit. Damit alles kleben bleibt, sich nichts in ungeordneten Flachsinn auffädelt, wird jene alttestamentarische Fluchtgeschichte bemüht, in der Noah als rechtschaffener Mann den vielleicht berühmtesten Transportauftrag von Gott persönlich erhält.

Man könnte, man müsste diesen schönen Text lakonisch inszenieren, ruhig, und vor allem ohne Angst vor dem Vorwurf, das alles sei kein echtes Theater, voller Abgründe und psychologischer Tiefbohrungen, sorgfältig geschiedene in Ernst und Unterhaltung. Der Humor der Presnjakows besteht allerdings gerade in der Unentschiedenheit: Jede Pointe, jede Geste, jeder Dialog ist zugleich lustig und auch irgendwie traurig-absurd. Claudia Bauer, die Regisseurin, spürt das Verführerische, doch weiß sie um die Gefahr, und verkrampft stellenweise ohne Not. Sie polt den möglichen Gleichstrom aller Stimmungen um in einen Wechselstrom des erst Komischen und dann wieder Tragischen.

Whitetrash und Vorstadtnerd: Guten Tag, Ihr Opfer

Die Figuren sind deswegen oft überzeichnet, albern. Bloß kein Repräsentationstheater, nur keinen Hauch von Realismus! Bei der Bühne funktioniert das noch gut, Daria Kornysheva und Hendrik Scheel stellen einen riesigen Guckkasten aus zitronengelben, fallsüchtigen und leicht verrückbaren Styroporplatten auf die Bühne. Der Boden türmt sich auf, bröckelt und reißt auf wie nach einem Erdbeben. Alles wirkt billig, sinnfrei, unecht: ein apokalyptischer Abstellraum.

Dieses Durchlässige, zugleich Zärtliche und Harte der Umgebung können die Akteure aber nicht verstärken. Zwar glänzt Benjamin Grüter in der engen Anzughaut des städtischen Beamten, indem er mit einem Hüpfball tanzend Chaplins großen Diktator und stirnrunzelnd den panischen Richter aus der Komödie "Is was Doc?" in einem einzigen Atemzug parodiert. Doch die Angestellten der Chipsfirma tragen merkwürdige Faschingshütchen und sprechen im Duett. Die Ehefrau von Haon, gespielt von Lily Marie Tschörtner, ist ein zu schrill kieksender, rolläugiger Whitetrash. Ihr Stiefsohn, Haons Kind aus erster Ehe, wird von Bernhard Conrad als halbdebiler, stotternder und dauergeiler Vorstadtnerd  interpretiert. Das System und seine Opfer - unfrei nach Marx.

Gott ist ein Gorilla, die Seele ein Boot 

Bei den Presnjakows aber finden sich keine Helden, keine Opfer, keine Schuldsprüche, keine Rettung, nicht einmal die versprochene Jacht. Die Verelendung der Massen, die Boris Koneczny in der Rolle des Haon selbstmitleidig beklagt, ist ja auch nur ein peinlicher Selbstbetrug, genauso wie das Gewinnerlos aus der Tüte ein Fake ist. Etwas Göttliches, das spricht höchstens noch aus einem philosophierenden Gorilla namens Artur (Sebastian Röhrle), den Haon mitnehmen möchte: "Das Maß jeder Wahrheit aber ist deine Seele, die in dir verborgen ist und die nichts berühren und zerstören kann. Nicht einmal deine ganz persönliche Sintflut. Die Seele – das ist dein Boot."

Am Ende dieser etwas gehemmten, aber trotzdem sehenswerten Uraufführung versammelt Haon um ein Schlauchboot einen lärmenden Haufen von rassistischen Polizisten, Curling spielenden Beamten, frustrierten Ehefrauen, korrupten Frittiermafiosi: Alle wollen ihre Seelen in Sicherheit bringen. Daraus wird nichts. Anders als im Text wird Haon vom irren Sohnemann erschossen und der Affe sitzt allein im Boot und im Regen. Und schuld an diesem Drama um Nichts waren wieder nur die Chips.

 

Vor der Sintflut
Uraufführung
von Oleg und Wladimir Presnjakow, aus dem Russischen von Olga Radetzkaja

Regie: Claudia Bauer, Bühne: Hendrik Scheel, Kostüme: Daria Kornysheva, Dramaturgie: Kekke Schmidt. Mit: Bernhard Baier, Boris Burgstaller, Bernhard Conrad, Elisabeth Findeis, Benjamin Grüter, Boris Koneczny, Katharina Ortmayr, Rainer Philippi, Sebastian Röhrle, Lilly Marie Tschörtner, Jens Winterstein.

www.staatstheater.stuttgart.de



Kritikenrundschau 

 

Mit etwas mehr Mut, "nicht nur das Leichte allzu schwer, sondern auch das Schwere leichter erscheinen zu lassen", hätte die Inszenierung "dem Staatsschauspiel Stuttgart einen ganz und gar gelungenen klugen Komödienabend beschert", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (31.3.2008). Es sei das Reizvolle an dem Stück der Presnjakows, dass "jegliche Hoffnung auf Besserung nach kurzem Aufflackern abgewehrt" werde, die Brüder verlachten "in virtuosen Wendungen, mit groteskem Humor das Ende der Utopien." Die gesamte Inszenierung sei von einer "hyperaktiven Künstlichkeit" getragen, die funktioniere zum Teil, zum andern Teil schaffe sie jedoch "lähmende Distanz". "Man sieht eine Welt, die weit weg ist. Die verkrampft lustige Ausstaffierung, die oft holzschnittartige Figurenzeichnungen erschlagen den Sprachwitz."

In der Eßlinger Zeitung (31.3.2008) schreibt Elisabeth Maier, in dem "philosophisch verschachtelten Text" der "skurrilen Komödie", mit dem sich die "beiden bekanntesten russischen Gegenwartsdramatiker in einem Labyrinth von Menetekeln verrennen", entdecke die Regisseurin "politische Dimen­sionen". Sie zeige die "Zerrissenheit der Menschen, die zwischen ihrer sozialistischen Vergangenheit und dem Rausch des Kapitalismus taumeln". Hinter den absurden Alltagsszenen, täten sich spannende Einsichten in die gesellschaftliche Wirklichkeit auf. Diesen kritischen Aspekt erfasse Bauer in ihrer "bemerkenswerten Regiearbeit". Während, bei den Presnjakows in einer Vielfalt von Motiven und aktuellen Bezügen buchstäblich untergehe,  mache Claudia Bauers gelungene Uraufführung bügele manche Schwäche des Textes aus, indem sie "das Spiel mit den Untergangsphantasien moderner Menschen" zum Leitmotiv mache.

Die Stuttgarter Zeitung hält ihre Kritik verschlossen. Online ist nicht heranzukommen.

Mit einer hemmungslosen Kombination aus Moral, Sarkasmus und Pessimismus becirce das neue Stück der Brüder Presnjakow aus Jekaterinburg, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (1.4.2008). Doch gehe es nicht bloß um "Verhohnepiepelung von Rettungsvisionen". Bei Regisseurin Claudia Bauer bleibe alles in der Schwebe. "Zu sehen ist eine Groteske, die manchmal so toll wird, als sei es schon wieder die Parodie einer Groteske." Bauer zeige aber auch "wie rührend bescheuert es aussieht, wenn Leutchen mit ihrem Handgepäck anmarschiert kommen und gerne gerettet werden möchten, wenn es nicht zu umständlich ist". Trotz des penetranten "Herumgehackes auf dem modernen Theater", säße man doch eindeutig in einem modernen Theaterstück, in dem die Menschheit garantiert nicht gerettet werde. "Aber sie bekommt das kaum mit, weil wichtige Geschäfte rufen. Ihre Erbärmlichkeit, sie ist so groß, dass selbst der Tod keine Macht über sie hat."



 
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