Je ne suis pas Schiller

von Janis El-Bira

Berlin, 17. Dezember 2015. Manche Klassiker mögen zeitlos sein, ganz alterslos sind sie trotzdem nicht. Wer heute Schillers "Jungfrau von Orleans" aufschlägt, muss sich jedenfalls bemühen. Eher fremd geworden sind uns die Kant-Perücken, die Schiller der historischen Johanna anzieht, und damit aus der Geschichte von der gottberufenen Heerführerin ein Drama um höchste Pflicht und weltliche Neigung macht. Da liegt es schon näher, die Angebote direkterer Art anzunehmen, die der Text reichlich ausbreitet: Johannas Gotteskriegertum etwa, ihren glühenden Nationalismus oder ihre Rolle als Frau in einer Welt, in der Väter die Töchter politisch meistbietend verschachern. Zeitgemäße Aktualisierungen scheinen hier mach- und vor allem dankbar. Eine Falle, denn ohne sich mit der Weimar-klassischen Geisteshaltung seiner Konstruktion abzuplagen, bekommt man dieses etwas holzige Stück kaum in den Griff.

Patriotin, Feministin, Dschihadistin?

Am Berliner Gorki Theater ist der französische Regisseur Mikaël Serre mit "Je suis Jeanne d'Arc" nun sehenden Auges, ja: mit wehenden Fahnen in diese Falle gelaufen. Seine Johanna, die Marina Frenk eher burgundisch-herb als entrückt spielt, bekommt alles um die Ohren, was ihre Rezeptionsgeschichte in Form unzähliger Vereinnahmungen hergibt: mustergültige Patriotin, Gallionsfigur der Rechten, prototypische Republikanerin, frühe Feministin, ferngesteuerte Dschihadistin. Mit den Überbleibseln des Schiller-Skeletts allerdings fremdelt Serre, der das üppige Figurenkarussell auf fünf Personen in einer weißen Kastenbühne zusammengestrichen hat, gewaltig.

Je suis3 560 Ute Langkafel u Marina Frenk als burgundisch-herbe Johanna. Im Hintergrund als Recken: Till Wonka, Aram Tafreshian und Falilou Seck © Ute Langkafel

Gleich zu Beginn wird diese Ratlosigkeit zum Programm erklärt: Falilou Seck, Aram Tafreshian und Till Wonka stehen als König, La Hire und Dunois wie eingepflanzt in ihren halbhistorischen Kostümen beieinander und wundern sich, was das alles soll. Till Wonka lässt jedes Zeilenende im Schillertext genüsslich mit einer klaffenden Lücke abreißen, Aram Tafreshian schreit stumm und macht ausladende Theatergesten. Wenn nach kurzer Zeit Aleksandar Radenković als Philipp von Burgund hinzukommt und plötzlich im Furor eines Kinds der Banlieues dem feinen Ritter La Hire mal so richtig in die Weichteile tritt, fliegen erstmals die entlegensten Assoziationsfetzen von Charlie Hebdo bis Charlie Brown. Später werden Stalin-Texte zum Wesen der Nation eingespeist, und eine Maske mit dem Gesicht der sich gerne als reinkarnierte Jeanne d'Arc stilisierenden Marine Le Pen macht die Runde. Die Logos von McDonald's und Starbucks wandern in Projektionen über die Bühnenwände und William Butler Yeats' "The Second Coming" wird rezitiert.

Das Frankreich nach dem 13. November

Die Konzeption des Abends ist auf diese Hinzunahmen angewiesen, denn Serres Interesse an Jeanne d'Arc gilt nicht der historischen Figur und schon gar nicht Schillers tugendreiner Vorbild-Johanna. Stattdessen umkreist er die sinnstiftende Strahlkraft eines Mythos, über den gegensätzliche Lager die Deutungshoheit zu gewinnen suchen, während er sich doch immer ein Stück weit der Vereindeutigung entzieht.

Damit geht es ihm zwangsläufig auch und vor allem um Frankreich, genauer um das Frankreich nach Charlie Hebdo, nach dem 13. November. Dieses Interesse ist legitim, doch Serre schleppt Schillers Text unterwegs wie einen erlegten Bären mit sich herum: mächtig stolz, aber doch froh, ihn tot zu wissen. So wird das Drama zum Stichwortgeber für ein Unterfangen, das nicht sein eigenes ist. Auch dieser Zugang ließe sich rechtfertigen. Doch verschluckt sich "Je suis Jeanne d'Arc" nicht bis zur Atemnot an der "Jungfrau von Orleans", wenn etwa der unterlegene englische Soldat Lionel fordert, dass Johanna ihn töten soll ("Töte deinen Feind, der dich verabscheut, der dich töten wollte"), und Serre dies nahtlos in die Verlesung eines Bekennerschreibens des "Islamischen Staats" zu den Anschlägen in Paris übergehen lässt? Ist dieser Zusammenhang nicht einzig ein allusorischer? Und vor allem: Ist er nicht wahnsinnig schlicht?

Von eher unzeitgemäßen Dingen

Man müsste sich fragen, was Mikaël Serre eigentlich mit Schillers "Jungfrau von Orleans" will, obwohl sie seinem Abend das Stehen auf den durchaus vorhandenen, eigenen Füßen im Grunde nur erschwert. Vielleicht soll der Text eine stabilisierende Funktion erfüllen, eine Linie ziehen zwischen den auseinander driftenden Einzelteilen. Aber dafür gibt er sich nicht her, wenn man ihm das idealistische Genick bricht, seine eigenwilligen metaphysischen Grundannahmen bei aller Fremdheit nicht konsequent abklopft oder wenigstens einmal ernst nimmt. Aber das hieße, von eher unzeitgemäßen Dingen reden zu müssen: Von Vernunft und Religion und gar davon, wie sie zusammenhängen könnten.

 

Je suis Jeanne d'Arc
Frei nach "Die Jungfrau von Orleans" von Friedrich Schiller
Regie: Mikaël Serre, Bühne / Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Nils Ostendorf, Video: Sébastien Dupouey, Dramaturgie: Holger Kuhla, Daniel Richter.
Mit: Aleksandar Radenković, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Marina Frenk, Till Wonka.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Das Gorki Theater ist schnell. Diskurs, Aktualität, politische Themen, alles da. Die Inszenierung steht unter Druck. Die Schauspieler pressen die Texte oft hervor", findet Katrin Bettina Müller in der taz (19.12.2015). "Man kommt da nicht immer mit. Man versteht die Worte zwar, man sieht die Nähe der Denkmuster, man spürt die Ausrufezeichen hinter der Präsentation der Fundstücke, die im Nationalismus, im Stolz auf das Eigene, in den Szenarien der Bedrohung so nahtlos ineinandergreifen." Keine Inszenierung, die einen in das Denken mit hineinnimmt. Sie knallt den vorgefundenen Hass auf die Bühne und hastet weiter.

Der Regisseur breche das Schillersche Original auf, "zerstückelt es, verfremdet es bis zur Unkenntlichkeit und durchsetzt es mit Originalzitaten des französischen Staatspräsidenten François Hollande, von Marine Le Pen, IS-Kämpfern und kurdischen Widerstandskämpferinnen", schreibt Elisa von Hof in der Berliner Morgenpost (19.12.2015). Das wirke zutiefst chaotisch, "der rote Faden geht oft verloren und man weiß nie so ganz, in welcher Zeit man sich befindet". Das sei aber auch ziemlich gut, "denn es zieht den Zuschauer wie auf einen psychedelischen Trip immer weiter hinein in einen zeitlosen Sumpf".

"Subtil ist dieser Abend nicht", so Christine Wahl im Tagesspiegel (20.12.2015). "Er will es auch nicht sein – und interessiert sich übrigens auch nicht sonderlich für Schiller." Vielmehr greife der in Paris lebende Regisseur Serre nach Stichworten, um daran seine Assoziationsketten zum Frankreich nach den jüngsten Terroranschlägen aufzufädeln, "die den Zuschauern dann regelrecht um die Ohren gehauen werden". Das alles habe zweifellos Wucht und Vitalität, führt aber in seiner schieren Material-Aufhäufung selten zu wirklichen (Mit-)Denkangeboten.

"Wo der Schiller gepimpt wird mit Texten, die uns die Aktualität des Mythos der heiligen Johanna einbläuen, wirkt der Abend mit der Zeit vergoogelt", beschreibt Tobi Müller seine Eindrücke im Deutschlandradio Kultur Fazit (17.12.2015). Das wirke "zuweilen angenehm komplex", kaschiere aber die recht einfachen symbolischen Verhältnisse, die sich wiederholen. Auf der Leitartikelebene sei "Je suis Jeanne d'Arc" daher "allzu überschaubar" und gebe unfreiwillig "den alten Theaterverteidigern recht, die diese blöde Gegenwart wegsperren möchten, am liebsten hinter einer Mauer, auf der dick und samtrot 'Kunst' steht", so Müller: "Das ist schade, denn er hat zwei ziemliche Trümpfe. Einen überraschenden und einen nicht so überraschenden." Das Gorki-Ensemble laufe besonders bei den Männern zu großer Form auf, "wie man nicht erst seit gestern sehen kann"; zweitens: "Erstaunlicher ist, wie sehr dieser dozierende Abend doch spielerische Bilder findet, und zwar – noch erstaunlicher – gerade in den Schillerstrecken."

Doris Meierhenrich schreibt in der Berliner Zeitung (19.12.2015), sie sei etwas "bang ins Theater" gegangen. Doch was Mikaël Serre veranstalte, sei "zwar kein Wunderwerk, aber doch eine Gegenerzählung zu den kurzatmigen, nationalistischen Reflexen, die derzeit in Frankreich" und allerorten zu beobachten seien. Serre probe eine "Befreiung der Nationalheldin Jeanne d'Arc vom Mythos des Nationalen". Die formal hoch interessante Bühnencollage lebe von der Videokunst Sébastian Dupoueys, die die "Überblendungen von Zeiten, Realitäten und Figuren spielerisch leicht zum Sprechen" bringe. Allerdings "ein sehr französischer Abend, der hierzulande auf nicht viel mehr als freundliches Kopfnicken stoßen kann".

 

Kommentar schreiben