Mit dem Klavier zum Rücken

von Claude Bühler

Basel, 17. Dezember 2015. "Paris!", ruft Max Rothbart als Bauernsohn Sylvain begeistert im goldenen Glitzersmoking, immer wieder "Paris" und "Pa-Pa-Pa-Paris" – um irgendwann Maschinengewehrfeuer nachzuahmen, das er gegen das Publikum richtet. Gleich darauf kracht mit "Kiss The Devil" just jenes Stück herein, das die amerikanische Band "Eagles of Death Metal" in dem Moment im Pariser Bataclan-Club spielte, als die Terroristen das Feuer in die feiernde Menge eröffnete.

"Eine Geschmacklosigkeit", empörte sich ein Theaterbesucher in der Pause. In der Tat ist dieser "Gag" zumindest unpassend, ebenso wie die leicht bekleidete Hostess auf der Kühlerhaube am Automobilsalon, wenn weder in der harmlosen Geschichte Labiches (von 1864), in der sechs einfältige Bürgerleute vom Land einen turbulenten Tagesausflug in Paris erleben, noch in der Aufführung sonst auch nur die geringsten Bezüge zur Bluttat in Paris erkennbar werden.

Alles auf Tutti und Tempo

Daran muss man nicht die ganze über dreistündige Inszenierung aufhängen. Aber die Szene ist ein Hinweis dafür, dass Regisseur Martin Laberenz kein taugliches Rezept für das fröhlich-freche und halt auch sehr zeitgebundene Vaudeville gefunden hat. Er wollte ihn übersteigern zur permanenten Exaltation. Von Beginn weg geht alles auf Tutti und Tempo, gestisch, mimisch, stimmlich. Auf "Witz, komm raus" wird mit Klamauk draufgehauen. Die Landleute schreien bald "Aaah", bald "Oooh", sei der Anlass noch so geringfügig. Aufgerissene Augen und aufgerissener Mund gehören wenigstens im ersten Teil zum Standardgesicht. Die Hälfte des Ensembles ist nach einer halben Stunde heiser.

Der junge Notar Félix kommt in Koitus-Stellung über seinem späteren Schwiegervater zu liegen, wenn er um die Hand von dessen Tochter Blanche anhält. Wenn die Dörfler das Sparschwein mit den Spielgeldern aus den wöchentlichen Kartenspielrunden schlachten wollen, gerät Blanche zufälligerweise unter die gierige Meute: Liliane Amuat quiekt wie ein Schwein. Zuerst wird ein blutiges Riesenmesser gezückt, dann der Zweimeter-Vorschlaghammer hervorgeholt. Und wenn Blanche sich später beim Besteigen einer Plattform irgendwo halten muss, so nimmt sie den nackten Penis von Sylvain.

"Ein Same sucht ein Samen"

Für Laberenz' Outrage-Theater ist Botho Strauß' Übersetzung und Bearbeitung von 1987, die das Absurde im biederen Geschwätz mit Hilfe kurzprägnanter Figurenzeichnung immer wieder aufblitzen lässt, oft zu fein ziseliert. So wurden Sätze auf Lacheffekt frisiert. Bauer Colladan: "Als ich meine tote Frau geheiratet hab' ...". Oder Steuereinnehmer Baucantin betont beim Vorlesen aus einem Inserat so: "Ein Same (Einsame) sucht ein Samen (Einsamen) ...". Oder Heiratsvermittler Chalamel weist einen Gast an: "Setzen Sie sich mit dem Klavier zum Rücken". Und so weiter.

Sparschwein1 560 SimonHallstroem uDas titelgebende Sparschwein, umringt von aufgerissenen Augen © Simon Hallström

Schrill auch Kostüme und Bühne: Zwischen den goldenfarbenen Spielplattformen dient eine Vorhangschnur als Tarzan-Liane. Die heiratswillige Léonide trägt einen Wildschweinkopf im Hut. Spektakulär ist Blanches halbmeterhohe Rokoko-Frisur. In Paris angekommen überfüllen die beiden die Bühnenfläche mit Einkaufspaketen. Kommissar Béchut ist mit Mephisto-Augenbrauen und Lederfrack ein Dunkelmann. Der Rentier Champbourcy ist bis zur Groteske dick ausgestopft.

Zwischen Marseillaise und Beethoven

Wozu das alles? Laberenz ist die Vaudeville-Bühnenrealität nicht genug. Er unterläuft und weitet sie zugleich. Der Kommissär reißt dem Bauern Colladan den Schnurrbart weg: Das soll uns durchaus wehtun. Mehrfach schmettern die Landbürger den Revolutionsmarsch "Marseillaise"; Champbourcy behauptet, sie aus Anlass eines Feuerwehrfestes selbst komponiert zu haben. Und zum lächerlichen Geschehen auf der Bühne stimmt Pianist Arno Waschk Beethovens erhabene Arietta aus dessen letzter Sonate an; das ist so bezugslos, dass es weder Kommentar noch (nur) Kontrast sein kann, vielmehr wird damit Empfindungskultur als hübscher Zierrat lächerlich gemacht.

Zu Fall kommt das Konzept im zweiten Teil, wenn über geraume Strecken nicht mehr die ganze Gruppe für Betrieb sorgt. Plötzlich enthüllt sich die Betriebsamkeit als hohl, der Humor der Inszenierung als dümmlich. An den Figuren ist Laberenz nur soweit interessiert, wie sie als Witzfiguren funktionieren. Hätten Nicola Mastroberardino als Colladan, Florian Jahr als Can-Can-tanzender Diener, Andrea Bettini als Kommissär oder die in verschiedenen Rollen agierende Carina Braunschmidt ihre Figuren nicht so eigenwillig gezeichnet, ja hätte nicht das gesamte Ensemble in der Hektik Kontur behalten, so wäre auch schon der erste Teil allzu fadenscheinig geworden. Höflicher Schlussapplaus.

Das Sparschwein
von Eugène Labiche
Übersetzt von Botho Strauß
Regie: Martin Laberenz, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Arno Waschk, Licht: Anton Hoedl, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Ingo Tomi, Myriam Schröder, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Urs Peter Halter, Mario Fuchs, Max Rothbart, Florian Jahr, Carina Braunschmidt, Andrea Bettini, Musik: Arno Waschk.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Die Slapsticks wirken gewollt und überdehnt, die spritzigen Dialoge werden in immer gleicher Intensität hinausgeschrien, es fehlen Timing und Fallhöhe", schreibt ein gar nicht erfreuter Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (19.12.2015). An den bemühten Schauspielern liege es am wenigsten, eher am Grundprinzip von Regisseur Martin Laberenz: "Trete jede Pointe platt, bis sie zum Gähnen ist." Mit der Hilflosigkeit der Regie könnte man ja noch Bedauern haben, aber Laberenz leiste sich auch Geschmacklosigkeiten. Fazit: "Das Bittere ist, dass dieser Abend weder die Effekte des guten Boulevards beherrscht noch die tieferen Beweggründe der so erbärmlichen wie menschlichen Figuren erlebbar macht – geschweige denn eine gesellschaftliche Dimension."

"Martin Laberenz (…) füttert Labiches 'Sparschwein' mit viel Klimpergeld ab, er lässt es schrillen, krächzen und krachen, stolpern und turnen, sodass dem über dreistündigen Abend schon nach der ersten Viertelstunde die Luft ausgeht", ist Siegberg Kopp in Südkurier (21.12.2015) ähnlich streng. "Viel Aufwand, wenig Gewinn."

"Laberenz inszeniert für Rampensäue und reiht Gag an Gag – manche sind weniger gut, andere besser, einige sogar ausgesprochen originell und überraschend", schreibt Dominique Spirgi in der Tageswoche (19.12.2015). Fahrig sei der Abend ganz sicher nicht, er zeichne sich vielmehr durch eine grosse Stringenz aus. Und es sei beachtlich, wie das Schauspielensemble über die Dauer von mehr als drei Stunden auf der Höhe der Karikatur bleiben könne. Das mit der Dauer von über drei Stunden werde aber auch zum Problem. "Eugène Labiche hat mit 'Das Sparschwein' ein langes Stück geschrieben", so Spirgi. "Ein paar zusätzliche Striche vor allem im arg zerdehnten ersten Akt hätten dem Abend sicher gut getan."

Die Spießersatire "Das Sparschwein" sei ein "pièce bien faite, an dessen gutgeölter Theatermechanik bis heute wenig klappert oder knarzt", meint Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (23.12.2015). Was aber Martin Laberenz "nach Volksbühnen-Hausmacherart mit viel Glitzerkram und Goldlamé mästet und dann mit plumpen Riesenmessern und Holzhammern schlachtet, ist kein Sparschwein, sondern eine fettige Schlachtplatte ohne Timing, Geschmack und Esprit." Laberenz nehme "die Klassiker nicht allzu ernst, aber er ist auch nicht willens oder fähig, sie kurz und knackig anzurichten. Mit Texteinschüben und Endlos-Loops, mit Slapstick, Schreitheater und selbstreferentiellem Gelaber wie 'Oh nee, bitte nicht' oder 'Da müssen wir jetzt durch' dehnt und streckt er seine Klassiker-Schlachtungen oft zum endlosen Spaß." Das gelte auch "für seine Basler Sparschweinerei". Dreieinhalb Stunden "Spießerkarikatur und kreischende Komik" seien freilich "schwer erträglich".

 
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