Das perlt aber heute wieder

von Tim Schomacker

Münster, 18. Dezember 2015. Als hübsch beziehungsreiches Damoklesschwerter-Quartett baumeln vier blankpolierte Blecheimer über der Bühne. Drinnen ist Blut. Theaterblut. Eben haben sich die besonders tatkräftigen unter den republikanischen Genueser Verschwörern großzügig eingerieben damit. So sind sie hinausgezogen in die Gassen des Fürstentums, um dem designierten neuen Herrscher Gianettino Doria, Neffe des altgewordenen alten, den Garaus zu machen. Bühnenblut fungiert hier als Kriegsbemalung und Schlachtspur zugleich. Geschickt schließt die rot triefende Maskerade die diversen Inszenierungen, also die Intrigen und Initiationen innerhalb des Stücks, und damit auch die Inszenierung des Stücks.

Zwischen Kalkül und Überforderung

Der Münsteraner Schauspieldirektor Frank Behnke macht Friedrich Schillers erstes Stück nach den "Räubern" (die er zum Amtsantritt inszenierte) nicht nur darum so gegenwärtig, weil es sich um Meinungsmache, Machterhalt und beider Kollateralschäden dreht. Sondern auch, weil der Text – zumal in der deutlich personalreduzierten Spielfassung – rasant drauflosperlt. Und aller höheren Gesellschaft zum Trotz auf den hohen Ton komplett verzichtet, zu Gunsten von dramaturgischer wie deklamatorischer Dynamik. Schillers "Fiesco", das zeigt Behnke in kurzweiligen zwei pausenlosen Stunden, ist eben nicht nur wichtige Theatertradition aus der Feder eines Ultra-Klassikers. Es ist auch intelligente Unterhaltung für interessierte Zeitgenossen. Vergleichbar, heute, vielleicht am ehesten mit der TV-Serie "Sopranos": Nach- und Erbfolgestreitigkeiten, ausbalanciert zwischen witzig und blutig.

Fiesco2 560 OliverBerg uMord auf dem Laufsteg: Fiesco (Jonas Riemer, vorn) und seine Mannen © Oliver Berg

Zu Beginn haben die späteren Verschwörer um Ilja Harjes' bis zu Schmallippigkeit rechtschaffenen und prinzipientrockenen Verrina im kantigen Doria-Sproß zwar einen Gegner, allein es fehlt das Aushängeschild für die eigene Alternative. Und da stolziert es auch schon über Bernhard Niechotz' raumfüllend schwarzen, von einer Neonlichtpaneele durchzogenen Allzweck-Laufsteg: Fiesco. Jonas Riemer schiebt seinen Titelhelden geschickt an die Grenze zwischen souveränem Kalkül und permanenter Überforderung. Bis zum blutigen Ende wissen wir so wenig wie seine Mitstreiter und Widerparts, woran wir bei ihm sind.

Trauerflor fürs Vaterland

Beständig ändert Riemer die rhythmischen Bahnen, in denen seine Fiesco-Maschine sprachlich und gestisch heiß läuft. Hochintensive kleine, deutlich hohlere große Gesten wechseln einander ab – und umgekehrt. Bis dieser Fiesco selbst nicht mehr zu wissen scheint, ob und – wenn ja – wie viele Schritte sein Denken und Planen der Zeit eigentlich voraus sind. Oder ob er längst aussichtslos dem Ausweichen und Abdämpfen wechselseitiger Gewalteinwirkung und (Un-)Wahrheits-Anwendung hinterherhechelt. Niemand soll, scheint Behnke sich zu wünschen, diesen Fiesco unter interpretatorischer Vollkontrolle haben: das Publikum nicht und nicht der Regisseur, nicht seine Mit- und Gegenfiguren. Und schon gar nicht Fiesco und sein Schauspieler.

Aus Hoffnungsträgern werden schnell Enttäuschungen. Leichenhaufen säumen diesen Weg. Gut, dass die Bluteimer in Reichweite baumeln. Kann sein, dass da noch Bedarf ist. Allein Verrina ahnt bald, dass der Graf sich gerade so lange vor den republikanischen Karren spannen lässt, wie er die reale Machtposition im Stadtstaat noch nicht auskleidet. Dabei ist Verrina selbst geübt in fragwürdigen Bekleidungsfragen, trägt er doch Trauerflor – fürs Vaterland.

AfG – Alternative für Genua

Und hier wird Behnke tatsächlich ein bisschen gemein. Denn er erweitert Schillers in Charaktertypen und idealtypischen Motivlagen durchexerziertes Systemfragespiel: Welches ist die bessere, gnädigere, wohltuendere, gerechtere Herrschaftsform? Woher kommt das dauernde Revolutionskinderfressen? Von Beginn an fliegen unsere Zuschauerherzen natürlich dem Geschick der Erniedrigten und Beleidigten zu. Sind wir ja auch geübt drin. Behnke inszeniert den Wunsch nach Umsturz und relativer Volkssouveränität nun als eine Art "Alternative für Genua" – und setzt uns gleichsam schachmatt mit unserer Empathie. So entsteht Aktualität: Wofür sind wir, wenn wir für was sind? Und wie lange können wir das eigentlich kontrollieren?

Ein schöner Widerspruch, in den uns dieser kurzweilige "Fiesco" stürzt. Äußerst souverän gespielt vom Münsteraner Ensemble, aus dem zwei Nebenfiguren herausstechen. Quirlig agiert Bálint Tóth seinen Hassan aus, Fiescos tragischen Handlanger, der allmählich ahnt, dass er sich gegen sein trauriges Ende noch so virtuos gerissen stemmen kann, es wird ihm nichts nützen. Und Daniel Rothaug legt seinen Mitverschwörer Calgagno als einen qua Liebesleid aufruhrbegeisterten Jungen an, der blutüberströmt erkennen muss: Diese Wirklichkeit ist doch einen Tick ernster als das quasivirtuelle Genua seiner Träume.

 

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
von Friedrich SchillerRegie: Frank Behnke, Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz, Musik: Michael Barfuss Dramaturgie: Michael Letmathe.
Mit: Frank-Peter Dettmann, Lilly Gropper, Ilja Harjes, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke, Daniel Rothaug, Christian Bo Salle, Maximilian Scheidt, Bálint Tóth.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

Der "Fiesco" müsse eigentlich ein "Pflichtstück fürs politische Bewusstsein" sein, meint Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (21.12.2015) – "vor allem, wenn er in einer solchen Hochgeschwindigkeits-Inszenierung daherkommt, die das Stück mit beherzten Strichen in gut zwei Stunden Spielzeit zwingt und zum Nachlesen einlädt." Frank Behnke scheue "vor plakativen Momenten nicht zurück: Das verführte Volk kommt einem mit seinen Dumpf-Plakaten und Selbstbau-Galgen schrecklich bekannt vor. Erstaunlich nur, wie gut das passt." Die Ensemblemitglieder jedenfalls "agieren mit einem Feuereifer, der sich an Fiescos Schlüsselsatz entzündet: 'Das Stroh der Republik ist in Flammen.'"

Martin Burkert nennt Frank Behnkes "Fiesco"-Aufführung in der Sendung WDR 3 Mosaik (21.12.2015) eine "moderne, dynamische, junge Interpretation von deutscher Klassik", die den Begriff politische Verantwortung hinterfrage. Das Ganze sei "nicht historisch, eher zeitlos", Behnke sehe Schillers Stück "als Parabel auf die Verführbarkeit des Individuums, auch gerade von Führungsfiguren durch die Macht und das Geld – und auch auf das daraus resultierende Scheitern von Revolutionen." Die Aufführung benutze, um dies zu zeigen, durchaus auch "deftige Theatermittel".

 

 
Kommentar schreiben