Signalschüsse ins eigene Knie

von Georg Petermichl

Wien, 29. März 2008. Inmitten der Aufführungssalven, mit denen Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" in dieser Saison über deutschsprachige Publika hinweggetrieben wird, muss man doch Besitzansprüche stellen! Das passiert auch in einsichtiger Rücksicht auf den gesellschaftsentlarvenden Stoff. Also: Das Wiener Burgtheater hat sicher Titelanspruch auf die kraftvollste Destruktion des Blumenarrangements.

Von den etwa zwanzig deutschsprachigen Annettes, die sich an der Tulpendeko in den Bühnenwohnzimmern des Gastgeberpaars Houillé vergreifen und damit den vormals sittlich gedachten Friedenselternabend beenden, dürfte Christiane von Poelnitz’ Annette am verwegensten entgleisen: Sie grapscht die Blumen bündelweise aus ihrer kuhbefleckten Standkeramik raus, zerreißt sie krampfgeschüttelt in der Luft, rutscht am Blumenwasser aus und gleitet dann gefährlich nahe an die zum Publikum ausladende Bühnenrampe.

Diese Dramatik verdankt sich neben der großartigen Schauspielleistung auch Karl-Ernst Herrmann, der den Untergrund zu den Zuschauerreihen hin bedrohlich kippen lässt. Drum herum hat er die Weiten des Bühnenraums mit einem hohen, weißen Wohnzimmerschaukasten ausgesperrt, und diesen mit einer fetten Vierpersonencouch, Plexiglasbeistellern und besagter Vase ausgestattet.

Die Perspektive von innen

Das Ehepaar Veronique und Michel Houillé (Maria Happel, Roland Koch) hat das Ehepaar Annette und Alain Reille (von Poelnitz - Joachim Meyerhoff) zu sich geladen. Ihrem Sohn fehlen nach einer Konfrontation mit dem Zögling der anderen zwei Zähne. Die vier haben sich verabredet, um am Ende in den Hafen einer gemeinsamen Problemlösung einzulaufen. Vier mittelmäßige, anständige, wohlsituierte Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft. Blöd nur, dass jeder einzelne davon das sicherste aller Daseinsfundamente für sich beansprucht. Wir treffen also auf selbstgekrönt unschuldige Bildungsspießbürger, die ihre eigene Zivilisiertheit im aufgeschaukelten Konversationsgeplänkel – Paar gegen Paar, Männer gegen Frauen – den Bach runter gehen sehen.

Wie besprochen, die erfolgreichste Bühnenautorin Yasmina Reza wird derzeit gern ins Programm genommen. Ihre sozio-psychologischen Milieustudien für Buch und Bühne ziehen ihre Kraft aus der selbstzerstörerischen Sicherheit, die "zivilisierte" Menschen selbst in Umbruchsmomenten noch vor sich hertragen. Ihre Figuren scheinen sich ihrer Untaten bewusst, können nicht aus ihrer Haut heraus. Im Fahrwasser ihres in Eigenregie ausgeformten Pariser "Gott des Gemetzels" meinte die Autorin zur Wochenzeitung Nouvel Obsérvateur: "Ich betrachte meine Figuren niemals aus der Warte des Moralisten oder des Zoologen. Oder, wenn ich es tue, so ist das eine Perspektive von innen." Schlussgefolgert ist der mitgelieferte Humor schon im ebenso mittelmäßigen, anständigen, wohlsituierten Zuschauer angelegt.

Vom Blatt inszeniertes Schauspielerfest

Regisseur Dieter Giesing, der mit seinen sagenumwobenen Botho Strauß-Inszenierungen den Rang des Spezialisten für prekäre, zwischenmenschliche Bühnenlagen hält, hat sich diese Konstruktionsvorlage zu Herzen genommen. Sein "Gott des Gemetzels" ist zurückhaltend wie temporeich vom Blatt inszeniert, er vertraut den vorhandenen Tonlagen, ihrem Rhythmus, und lässt beides gemächlich im Konstellationskrieg den Raum erobern. Mit ihrem legeren Stil haben die Houillés von Beginn an "ihre" Bühne eingenommen: Rosa Strickweste und Sportsmann-Pulli. Die Reilles haben sich da, Dresscode-technisch, im Ton vergriffen: Beide Schal-betucht. Sie hüllt sich in Schwarz. Er hat sich für einen Anzug entschieden (Kostüme: Janina Audick).

Fast nicht zu glauben, aber dank der vielschichtigen, präzisen Figurenzeichnung deutet selbst die unscheinbare Kostümierung ein Massaker an. Meyerhoffs Alain huscht von Beginn an als steifer Wanderprediger – er ist Anwalt – durch den Raum. Jeder Satz ein wohlgemeintes Statement. Annette (von Poelnitz) gibt sich esoterisch, zurückhaltend. Für ihre Argumente zerschneiden dann aber ihre Hände oder Zeigefinger siegessicher den Umraum.

Maria Happel hat als hysterische Véronique die meiste Arbeit. Sie sorgt für konstante Unruhe, plustert sich auf, zerfällt in Heulkrämpfe, versucht sich im Wohlfühltaumel; in ihrem Singsang hat sie stets eine jämmerliche Binsenweisheit parat. Und der hervorragende Roland Koch lässt Michels Sätze sportlich aus seinem zurückgelehnten Schädel knirschen. Ein hochkarätiges Ensemble: Kein Darsteller vergisst, die heftigsten Beanstandungen ungläubig gen Himmel zu rufen. Der Gott des Gemetzels hat’s gehört, und wird antworten. 

 

Der Gott des Gemetzels (ÖEA)
von Yasmina Reza, übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Dieter Giesing, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Janina Audick.
Mit: Maria Happel, Roland Koch, Christiane von Poelnitz, Joachim Meyerhoff.

www.burgtheater.at

 

Andere "Gott des Gemetzels"-Inszenierungen: am Residenztheater München von Dieter Dorn, am Schauspiel Köln von Karin Beier, am Bochumer Schauspielhaus von Burghart Klaußner oder am Schauspielhaus Zürich von Jürgen Gosch.

Mehr über Yasmina Reza in einem unbedingt lesenswerten Essay von Michael Ebert.

 

Kritikenrundschau

Bei der österreichische Erstaufführung von Yasmina Rezas Boulevard-Klassiker lachte das Publikum 90 Minuten lang "völlig enthemmt über die gnadenlose Zurschaustellung bourgeoiser Schwächen", schreibt Norbert Mayer in der Wiener Zeitung Die Presse (31.3.2008). "Jeder Satz dieses trefflichen, hinterlistig von Dieter Giesing inszenierten Stückes saß, jede Geste war selbst in ihrer Übertreibung glaubhaft. Was für eine Lust an Selbstzerfleischung!" Alle Figuren huldigten auf ihre Art dem Aggressionstrieb. "Es bleibt dem moralischen Gefüge des Zusehers überlassen, zu entscheiden, was verwerflicher ist: Ein Mobiltelefon zu missbrauchen oder Hamster auszusetzen, auf Kokoschka zu kotzen oder mitleidig über Darfur zu schreiben." Bei Reza und Giesing stünden alle Bürger unter dem Generalverdacht, dass sie eigentlich Kannibalen seien.

Ronald Pohl töne vom Standard (31.3.2008) findet Rezas "Brachialsketch" seicht und "auf oberflächliches Einverständnis abzielend". Trotz der dürftigen Vorlage sei Giesings Inszenierung "hoch anständig". Doch auch wenn sie die Verhältnisse der Parvenü-Gesellschaft adäquat zeige, proklamiere Yasmina Reza "unterm Strich" nur "den Kampf aller gegen alle". Rezas "mit ‚Gags’ und ‚Pointen’ gewürzte Schmock-Etüde""unsäglich hohl". "Sie gräbt in den Bürgerseelen nach Unrat - fördert aber nur nahe liegenden Unsinn zutage." Wie in ihrem ‚Erfolgsstück’ KUNST provoziere sie das lachende Einverständnis mit dem Banausischen. Sie verstehe es "prächtig, die Komplexität des Standpunktwechsels mit dem seifigen Gelächter des spöttischen Einverständnisses zuzukleistern". Reza habe "keinen Standpunkt". Ihre "überforderten Figuren … sind bloß Jetons, die über den grünen Filz einer unbegriffenen Gesellschaft geschoben werden."

In den Salzburger Nachrichten (31.3.2008) schreibt Ernst P. Strobl: Das Burgtheater wirke zu groß für Rezas "Sezierlabor menschlicher Schwächen". Indes habe Dieter Giesing nicht "viel Regie" führen müssen bei diesem "erheiternden Jeder-gegen-Jeden". Man sei "fast enttäuscht, dass Yasmina Reza als psychologischen Brandbeschleuniger überreichlichen Alkoholkonsum einführt", das gebe "dem scharf beobachteten Entgleisen der Charaktere eine konventionelle Note". Die "größten Eindrücke des Abends" machten die Schauspieler Maria Happel und Joachim Meyerhoff, "die – hervorragend gespielt – die Beherrschung verlieren".

Rezas "jüngster Theaterhit" unterfordere den Geist ein wenig, überhaupt kratze das Stück höchstens an der "gestylten Fassade der Pariser Neo-Bourgeoisie", schreibt Thomas Gabler in der Kronen-Zeitung (31.3.2008). Für Stille, Erschütterung und Schrecken bleibe wenig Zeit, Regisseur Giesing "dehnt nicht das klug gebaute, auch stellenweise geistreiche und unterhaltsame Stück", er setze in seiner "überaus turbulenten Inszenierung ... auf enormes Tempo und Witz ... und auf seine brillanten Burgschauspieler." 

In ein bissel Ikonoklasmus übt sich das andere Boulevard-Blatt, der Kurier (31.3.2008). Stammte das Stück nicht von der weltberühmten Yasmina Reze, mutmaßt Guido Tartarotti, würde es nicht an über 60 Bühnen aufgeführt. Und wären hier nicht "so großartige und auch prominente Schauspieler an der Arbeit", die gefühlte wichtigkeit des Textes verflüchtigte sich und es handele sich nur noch um "besseren Stadttheater-Boulevard". Das Stück sei "letztlich" eine "modernisierte und flottere, aber erstaunlich dreiste Variante von Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Die schräge Bühne sorge für Turbulenzen beim Verbeugen: "Achtung Schauspieler im Burgtheater - beim Applaus kommt ihnen eine Kostümbildnerin entgegen." Der text sei nicht schlecht, er sei nicht gut, er sei gar nichts, allenfalls so gut wie diejenigen, diei hn spielten. Nur passiere halt nichts in dem Stück. Die Schauspieler seien gut, Regie keine "spürbar" gewesen.

"Dass an diesem Abend viel gelacht wird", schreibt Frido Hütter in der Kleinen Zeitung (31.3.2008) aus Graz, habe verschiedene Gründe: "Zum einen scheut die Autorin vor mehrheitsfähigen Platitüden nicht zurück, zum anderen hagelt es auch fein ziselierte Pointen." Und außerdem sei Lachen im Theater die "häufigst angewandte Methode, das eigene Unbehagen zu überwinden."

 
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