Magisches Steigen der Kurse

von Andreas Klaeui

Zürich, 29. März 2008. Machen zwei Schwalben schon einen Sommer? Aber ja, wenn der Winter des Missvergnügens so lange gedauert hat! Gegen ihr Ende kommt die Zürcher Saison nun doch noch in Schwung. Liegt es an Shakespeare? Vor ein paar Wochen Stefan Puchers "Kaufmann von Venedig", jetzt "Macbeth" in Sebastian Nüblings Inszenierung: Das sind zwei sehenswerte Zürcher Produktionen. Was ist davon zu halten, dass sie von Leuten stammen, die überdeutlich an die Vor-Hartmann-Ära erinnern? Pucher und Lady Macbeth Bibiana Beglau waren Stützen des Marthaler-Ensembles, Bruno Cathomas und Sebastian Nübling evozieren das Basler Theater der Stefan-Bachmann-Jahre.

Cathomas ist Macbeth: ein Hund. Ein windiger, ein bockiger, ein blutrünstiger Hund, mal winselt er, mal paradiert er stolz, mal leckt er sich die blutigen Lefzen. Ein Jagdhund, der nicht zur Ruhe kommt, bis er elend zusammenbricht. Er kläfft seine Widersacher weg, er springt auf seine Lady und wirft sie zu Boden. Dennoch ist natürlich sie es, die ihn an der Leine hält. Lady Macbeth, die Meisterin.

Zahlenreihen und Königskrönchen blinken auf

Am Anfang, als noch alles möglich scheint und die Ziele leicht erreichbar, schlendert sie schmiegsam auf die Bühne, schräg und unbesiegbar, und knackt Erdnüsse oder vielmehr: Peanuts. Immer wieder schmiegt sie sich auf die Bühne, man kann es nicht anders sagen, sie ist plötzlich da wie ein dunkler Schatten. Bibiana Beglau ist eine gefährliche Lady Macbeth, gefährlich kühl, gefährlich bindungslos. Nicht unbedingt berechnend: Längst hat sie alles längst durchgerechnet.

Es wird überhaupt viel gerechnet in diesem "Macbeth". Sebastian Nübling bringt Shakespeares Stück an die Börse. Der Zuschauerblick geht auf der Bühne von Muriel Gerstner in einen Ring, es herrscht Hektik, wie Hexenprophezeiungen leuchten mysteriöse Zahlenreihen auf, zwischendurch auch Königskrönchen. Später werden es Buchstabenreihen sein: "Signifying nothing", lässt sich entziffern; "Kill/King" in blutroten Lettern. Mit dem Gongschlag stürzt die Männergruppe der Ringhändler an die Rampe, Schreien – "à la criée" heisst der Handel –, Kurse blinken, als wärs eine Clubbeleuchtung, Arme recken sich wie im Tanz, Körper ballen sich, eine irre Choreografie.

Dann gibt es viel Coolness, Gambler-Haltungen, Rivalitäten, Thronfolgerkämpfe, wie bei Shakespeare. The winner is vorderhand Macbeth; aber man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht. Nübling erzählt sie in starken Bildern: Gespenstisch zieht die Börsianermeute im Bühnenhintergrund vorbei, an den Krawatten vorangezerrt von Lady Macbeth – ach, man möchte gar nicht aufhören mit Erzählen!

Reichlich rhythmische Raffinesse

Wie Lady Macbeth am Ende zusammenbricht und nur noch nach Blut lechzt; wie er seine Schreckgespenster sieht und daraufhin zur grotesken, kannibalistischen Macbeth-Version von "Purple Rain" anhebt. Die leichenblasse Clownsfigur wäre zu erwähnen, der "Pförtner" Tim Porath, mal Arzt, mal Hausverwalter, eine Ordnungsfigur, die im Chaos auch nichts ausrichten kann, aber er hat ein schön phallisches Laubbläserrohr, mit dem er sich ans Aufräumen macht.

Und Katharina Schmalenberg als Lady Macduff und Börsenspeakerin und ihre melancholischen Songs! Von den reichhaltigen Assoziationen ist zu reden, von der rhythmischen Raffinesse, der spannungsvollen Choreografie. Und vom Irrationalen, das durch die Börsenzahlen hindurchblinkt, "wie Magie" steigen und fallen die Kurse, wie im Schwindel treibt die Geschichte voran.

Ihr Ausgang ist bekannt. Es kommt zum Crash, und der neue King, der hier doppelt geführte Malcolm (Maik Solbach und Johannes Zirner), setzt an zum systemsanierenden Schnitt: "Wie bei einem Körper, der von einem Krebsgeschwür angegriffen ist, müssen wir …" – man kennt die Rhetorik. In der Börsen- und Bankenstadt Zürich wurde die Inszenierung zwar freundlich aufgenommen, aber nicht gerade bejubelt. Man darf das für ein gutes Zeichen nehmen.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec, in einer Fassung von Sebastian Nübling, Amely Haug und dem Ensemble
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Marion Münch, Musik: Lars Wittershagen, Lichtdesign: Rainer Küng.
Mit: Bibiana Beglau, Bruno Cathomas, Siggi Schwientek, Maik Solbach, Johannes Zirner, André Szymanski, Katharina Schmalenberg, Emanuel Hunziker/ Yannick Weber, Johannes Senn / Andri Weidmann, Tomas Flachs Nóbrega, Christian Heller, André Meyer, Samuel Vetsch, Tim Porath.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr von Sebastian Nübling: Hass nach dem Film von Mathieu Kassovitz an den Münchner Kammerspielen, Pornographie von Simon Stephens am Schauspiel Hannover (Theaterformen Hannover).


Kritikenrundschau

Martin Halter schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.3.2008): "Die Börsen-Analogie ist immer wieder für starke Bilder gut. Aber sie trägt nicht weit." Zu den "Vorzügen des Börsenkapitalismus" gehöre ja gerade, "dass die Machtkämpfe und Kriege, anders als in einer hierarchischen Ständegesellschaft … in der Regel ohne Blut und direkte Gewalt auskommen". Bibiana Beglau als Lady M. "knackt Erdnüsse und spuckt die Schalen so lässig aus wie ihre nachtdunklen Monologe: Leichen sind Peanuts." Bruno Cathomas als Macbeth tobe "wie Hitler im Führerbunker; aber meistens kläfft er wie ein waidwunder Hund, greint wie das Kind, das Angst vor seiner eigenen Courage bekommen hat" und erinnere "eher an einen Teddybären im Wolfspelz". Erst am Ende raffe sich Nübling doch noch "zu einer klaren Aussage" auf: "Malcolm, dessen Doppelnatur auf zwei Schauspieler verteilt ist, verkündet als neuer König das neoliberale Sanierungsgramm der Weltbank - "Befreiung der Märkte" und Sozialabbau".

Mit seiner "fehlgeleiteten" Verlegung des Macbeth an die New York Mercantile Exchange ("wahrscheinlich, weil sich der dort noch praktizierte Parketthandel besser eignet fürs Drama als die andernorts längst üblichen elektronischen Handelssysteme") binde Sebastian Nübling dem Stück "uns und sich selber aber einen Bären auf." Denn, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (31.3.2008), die behaupteten "Parallelen zwischen der mittelalterlich verbrämten Welt des schottischen Adels (Shakespeare) und den erhitzten Börsianern (Zeitgeist)" ziehe Nübling an den Haaren herbei. Das "undifferenziert krawattierte Milieu" werde "uns" "permanent und penetrant aufs Auge gedrückt" und etliche Figuren und Zusammenhänge aus Rücksicht auf ebendieses Börsenmilieu gestrichen. So sei es "nicht ganz leicht, die Handlung im Detail nachzuvollziehen." Die "dramatische Börse" schließe "stark im Minus". Nüblings "braver Zynismus" rette "niemanden, nichts und vor allem kein Theater vor dem Crash"

Wo Shakespeare uns "immer tiefer nach unten" locke, "in die atavistischen Gewaltphantasien des Macbeth, bis wir seine Hölle als unser geheimes Lustschloss erkennen", zeige Sebastian Nübling nur platterdings auf "die Bösen ‚da oben’." Im globalen Kapitalismus, schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (31.3.2008), würden die Gedankenpfeile, die in der ganzen Welt einschlagen wie Langstreckenraketen, in den Börsen losgeschickt. "Doch die Energie, die sich in diesen Vernichtungsblitzen entlädt, ist eine andere als die, die Macbeth treibt." Zwar sei auch Nübling nicht entgangen, "dass sich Mordlust nicht völlig überführen lässt in die zerstörerischen Kräfte der Ökonomie". Wenn aber, nur um dem Plot Genüge zu tun, Macbeth den Telefonhörer als Mordinstrument aus Scorseses Film "Casino" ausleihe, hätte man sich den "ganzen kapitalismuskritischen Überbau auch gleich sparen können". Wie Cathomas und Beglau die Ehehölle spielten, stelle den "einzigen schlüssigen und geschlossenen Teil der Inszenierung" dar. Jenseits dessen zerfalle der Abend "in Nummern". Da die Inszenierung sich nicht auf die Logik von Shakespeares Text einlasse, blieben Macbeth" Monologe "bloße Alibi-Aphoristik, Texte, die gesprochen, aber nicht gedacht werden".

"Prophetische Hexen", schreibt Peter Müller im Zürcher Tagesanzeiger (online 31.3.2008), "braucht es nicht mehr, es reichen die Kollegen." Den 400 Jahre alten Macbeth "in der Businesswelt von heute zu sehen, ist nichts Neues." Ob Königsthron oder Chefsessel, die Machtkämpfe glichen sich. An der Börse kippe "kapitalistische Logik exemplarisch in Irrationalität. Alles ist da vernünftig und alles verrückt." Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Theater gelängen Nübling "Gruppenszenen von grosser Wucht". Er "schweisst seine 15 Börsianer zum Block und erlaubt doch jedem eine Eigenart. Er hält sie in Spannung, lässt sie in präzisen Choreografien agieren, ohne dass es gezwungen wirkt. Noch wo sie durchzudrehen haben oder Vollsuff mimen, sind diese Statisten diszipliniert." Schwieriger das königliche Paar. Bibiana Beglau sei eine eindrückliche Sphinx, aber Bruno Cathomas könne da "nicht leicht mithalten". Vor allem sprachlich sei Beglau überlegen. Trotz allen Quiekens, Jaulens und Kläffens sei eigentlich nur Cathomas' "Purple Rain" eine "tolle Nummer". Schwäche der Inszenierung sei ihre Übertreibung, dass sie mit dem Holzhammer arbeite. Der Humor sei, etwa im Falle der endlosen Auftritte des Pförtners, verkrampft, der Schluss, wenn die neuen Herren ihr "neoliberales Credo vorbeten", sei "plump.

 
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