Heiter purzeln sie ins Unglück

von Esther Boldt

Mainz, 30. März 2008. Wenn der Intendant die Bühne betritt, bevor es losgeht, kann das nichts Gutes heißen. Matthias Fontheim erklärt, Schauspielerin Verena Bukal habe vor zwei Stunden einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Gespielt werde trotzdem, im Notfall müsse man eben abbrechen. Der Warnschuss hebt die Aufmerksamkeit, doch alles geht gut.

Goethes "Wahlverwandtschaften" haben in dieser Spielzeit Konjunktur auf den Bühnen in Rhein-Main, nach Premieren in Frankfurt und Wiesbaden bringt nun Mainz seine Fassung des Romans auf die Bühne. Was hat uns dieser Roman zu erzählen, der Paare nach dem Vorbild der Chemie durcheinander würfelt? Der die Ehe als Anfang und Gipfel aller Kultur infragestellt? In dem Freiheit und Notwendigkeit in Widerspruch treten, ohne dass man am Ende sagen könnte, wer den Sieg davon trägt?

Die irren Kulleraugen der Liebe

Eine weiße Treppe erhebt sich in der kleinsten Spielstätte des Staatstheaters Mainz, dem TiC Werkraum. Seit Fontheim die Intendanz innehat, wird diese kleine Schachtel mit Studioatmosphäre häufiger bespielt, zumeist vom künstlerischen Nachwuchs. Erstmals inszenierte hier nun der junge Regisseur Hannes Rudolph, zuvor hat er in Luzern und Zürich gearbeitet.

Auch die Textfassung hat Rudolph erstellt, in der er schlaglichtartig die zentralen Passagen abreißt. Anderes wird verdoppelt – so eröffnet die Erklärung der chemischen "Wahlverwandtschaften" den Abend, nur um wenige Minuten später noch einmal rezitiert zu werden. Und so muss Charlotte einmal "Charlotto" genannt werden, damit die Verwandtschaft der Namen auch sicher ins Auge fällt. Beziehungsweise ins Ohr. Das komplexe Verweissystem des Romans mit seinen Spuren und Verdopplungen, in dem das sorgfältig angelegte Gelände und mit ihm die Diskussion um Natur und Kultur eine so wichtige Rolle spielen, wird radikal abgespeckt. Es bleibt: Das Chaos, das die Liebe anrichtet. Und das Unheil, das ihretwegen dräut.

Ernst nehmen kann Rudolph die Liebeswirren offenbar nicht: Er inszeniert den ersten Teil der "Wahlverwandtschaften" als Burleske. Eduard (Thomas Kornack) und Charlotte (Verena Bukal) wirken schon routiniert verheiratet, der wahr gewordene Jugendtraum ihres Beisammenseins ist fix zur Alltäglichkeit geworden. Aber zum Glück stoßen bald Otto und Ottilie hinzu. Man gebärdet sich irr, man ist schließlich verliebt, macht Kulleraugen und tatscht unbeholfen nacheinander. Katharina Knap als Mädchenfrau Ottilie darf kaum ein Wort sagen, da ist ihr Eduard schon rettungslos verfallen. Ottilie zerrt sich auf sein Bitten hin die Kette mit dem Bild ihres Vaters vom Hals, minutenlang und mit absurd verrenkten Gliedern.

Die Show ist aus

Zlatko Maltar macht ein gefälliges, harmloses Großmaul aus dem Hauptmann Otto, er will niemandem zu nahe treten und stolpert dabei über die Frau seines Freundes: Huch! Ein grotesker Ringelreihen, ein hysterisches Gerappel und Getrappel. Heiter purzeln sie in ihr Unglück, das dann nur umso dicker kommt. Denn mit Eduards Flucht wechselt das Klima. Thomas Kornack rennt im Kreis um den Treppenbau, damit der von Liebe und Schicksal Gehetzte klar ans Tageslicht tritt, die Schauspieler setzen Leidensmienen auf und plötzlich wird alles sehr ernst.

Die Liebenden müssen nun die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben. Die verhinderten Paare sitzen dumpf starrend nebeneinander, Otto und Charlotte, Eduard und Ottilie, während vom Bühnenrand Mittler (Tim Breyvogel) erzählt, was für heitere Tage das waren. Dann sterben Ottilie und Eduard. Die Show ist aus. Das tragische Ende folgt dem hysterischen Tingeltangel wie das Gewitter einem schwülen Sommertag. Ist das die Moral von der Geschichte? Dass die Rechnung schon kommt, am Ende des Tages? Dass keiner der sündigen Liebenden ohne einen kräftigen Kater aus der Orgie hervorgeht? Das wirkt einigermaßen altbacken und moralinsauer – und ist schlichtweg nicht interessant.

 

Die Wahlverwandtschaften
nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Hannes Rudolph, Bühne: Tobias Schunck, Kostüme: Matthias Wulst.
Mit: Verena Bukal, Monika Dortschy, Katharina Knap, Tim Breyvogel, Thomas Kornack, Zlatko Maltar, Thomas Marx.

www.staatstheater-mainz.com

 

Weitere Inszenierungen der Wahlverwandtschaften in dieser Saison: von Martin Nimz am Schauspiel Frankfurt und von Christoph Roos am Staatsschauspiel Dresden.


Kritikenrundschau

Wenn man überhaupt einen Roman auf der Bühne spielen wolle: im Falle der Wahlverwandtschaften in Mainz sei es gelungen, schreibt Rotraut Hock im Wiesbadener Kurier (1.4.2008). Weil die Sprache Goethes im Bühnenraum, der zugleich "ein Seelenraum" sei, "kreative Spannung" erzeuge. Weil die Bühnenfassung die Romanhandlung "geschickt konzentriert". Weil alle vier Darsteller verstanden hätten, "ihre Bühnenfiguren prägnant zu charakterisieren".

In der Rhein-Main-Ausgabe der FAZ (2.4.2008) schreibt Matthias Bischoff, dass von Beginn an deutlich werde, "dass Hannes Rudolphs Blick auf die unglücklichen Wahlverwandten kein teilnehmend-empathischer, sondern ein kühler, analytischer ist." Alle Rollen blieben äußerlich, "sie werden vorgeführt, nicht gelebt." Genau da sieht Bischoff das Problem des Abends: "An der grundsätzlichen Verwechslung der ironischen Erzählhaltung mit einem kalten, distanzierten Blick scheitert Rudolphs ganze Unternehmung." Wenn das "Hinweggetragenwerden von noch so unvernünftigen Gefühlen" als Farce inszeniert werde, verliert "selbst ein so trauriger Ausgang wie jener der 'Wahlverwandtschaften' an Gewicht und Glaubwürdigkeit." Das alberne Herumgerenne der Figuren, immer dann, wenn sie ihren Gefühlen nicht mehr Ausdruck verleihen können, sei "nichts weiter als eine Kapitulation vor der Komplexität der Goetheschen Vorlage." Der Inszenierung gelängen allerdings dann "bemerkenswerte, schöne, auch sinnfällige Bilder", wenn es leiser zugehe.

Aus unerfindlichen Gründen, stellt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (2.4.2008) fest, seien dramatisierte Versionen von Goethes "Wahlverwandtschaften" in der Rhein-Main-Region "der Renner der Saison". "Weil die Theater", fragt Frau Sternburg, "lieber aus der Fülle eines Goethe-Romans herausgreifen, was Regisseur und Dramaturg mögen, als sich mit den Gegebenheiten eines Goethe-Theaterstücks zu befassen?" Die Mainzer "Wahlverwandtschaften" suchten das Verspielte und "finden es manchmal doch nur in allgemeingültigen Theaterspäßen". Die Frage, warum das sein muss, zum dritten Mal Wahlverwandtschaften an Rhein und Main "hier wird sie virulent und bleibt doch weiter unbeantwortet."



 
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