Übermensch in Feinrippunterwäsche

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 15. Januar 2016. Natürlich haut einen das um, dieses Bühnenbild, diese Wucht. Von oben bis unten, von links bis rechts ist die Bühne dicht gemacht, mit einer siebenteiligen Wand im Sichtbeton-Chic. Nur ein kleiner Schlitz ist geblieben, ein im Inneren verspiegelter Kasten, eine ausgestreckte Mannslänge weit, nicht einmal eine halbe hoch. In diesem Kasten, in dieser klaustrophobischen Kammer, haust Rodion Romanowitsch Raskolnikow, ein verarmter, gescheiterter Jurastudent mit Allmachtsphantasien – und schon bald: ein Mörder. Ein Mörder aus Überzeugung, ein Ideologe. In einer Zeitschrift hat Raskolnikow seinen Aufsatz veröffentlicht, der von der Überlegenheit der außergewöhnlichen Menschen über die gewöhnlichen handelt, vom elitären Recht auf Verbrechen. Nun verlangt diese Theorie des Übermenschen avant la lettre nach Umsetzung.

Bastian Kraft hat den Roman "Schuld und Sühne" für die Bühne adaptiert. Mit der Premiere findet die Dostojewski-Trilologie am Frankfurter Schauspiel, nach Stephan Kimmigs "Der Idiot"-Inszenierung und Sebastian Hartmanns "Dämonen"-Fassung, ihren Abschluss. Kraft, Jahrgang 1980, ist ein Spezialist für Roman- und Filmadaptionen. In Frankfurt läuft aktuell auch noch seine Version von Patricia Highsmiths "Der talentierte Mr. Ripley". In seiner Vita muss man nach "echten" Theaterstücken beinahe schon suchen. Krafts Fassung von "Schuld und Sühne" konzentriert sich ganz auf den Raskolnikow, von den Nebenhandlungen und Nebenfiguren des Buches bleiben nur Einsprengsel, wenn überhaupt.

Ein fiebriger, ein wahnsinniger Raskolnikow

Die beengte Kammer, in der gespielt wird, funktioniert gut als Chiffre für das Abdriften der Hauptfigur. Nico Holonics gibt den Raskolnikow. Er kriecht durch den Raum, er windet sich, er verrenkt sich, er zittert. Mit voller Kraft wirft er sich gegen die begrenzenden Spiegel, den Scheitel der Haare schiebt er nervös zur Seite. Dabei filmt Holonics sich selbst, mit einer kleinen Kamera, die er mal bewegt, mal starr positioniert. Das Videobild wird auf die Bühnenmauer geworfen, überlebensgroß und scharf. Man sieht einen Verzweifelten, einen Getriebenen, vom Wahnsinn ganz fiebrig. In seinem Feinrippunterhemd, mit schwarzer Sporthose und graumelierten Wollsocken sieht Holonics' Raskolnikow dabei ein bisschen aus wie ein Sportler aus vergangener Zeit, wie die Figur aus einem historischen Schwarzweißfilm.

SchuldundSuehne 560 BirgitHupfeld uIm philosophischen Getümmel: Christoph Pütthoff, Nico Holonics, Lukas Rüppel, Oliver Kraushaar
© Birgit Hupfeld

Immer neue Darsteller treten in einem roten Lumpenkittel auf, in der Rolle der Pfandleiherin, die Raskolnikow mit einem Beil tötet. Mehrfach wiederholt sich die Mordszene, in Zeitlupe erschlägt der scheinbar Außergewöhnliche die scheinbar Gierige. Bastian Kraft baut ganz auf diese starken Bilder in seiner Inszenierung, an allem haftet die Perfektion, das Spiel der Darsteller schafft Tafelbilder. Ein klares, strenges Bild entsteht etwa auch dann, als das Duell zwischen Raskolnikow und dem Ermittler Porfirij, der sich sicher ist, dass sein Gegenüber der gesuchte Mörder ist, auf seinen Höhepunkt zusteuert. Torben Kessler bewegt sich als zunächst hinterlistiger, dann dämonisch lachender Porfirij durch eine freigelassene Zuschauerreihe. Holonics als von ihm befragter Verdächtiger agiert im nun größer aufgelassenen Kasten in der Bühnenwand. Das Hin und Her zwischen den Darstellern, ihr Schlagabtausch, hat fraglos eine starke Wirkung.

Dem allgemeinen Prinzip ergeben

"Ich habe nicht einen Menschen ermordet, ich habe ein Prinzip ermordet", begründet Raskolnikow seine Taten. Diese Überheblichkeit im Denken bleibt in Bastian Krafts Inszenierung allgemein. Einen speziellen Blick auf die Gegenwart, etwa auf die aus einer Überlegenheitsposition mordenden Dschihadisten, wirft der Regisseur nicht.

Zum Ende, das die Läuterung Raskolnikows andeutet, wird die große Bühnenmauer einfach beiseite geschoben, zeigt sich plötzlich der leergeräumte Raum. Corinna Kirchhoff tritt als Sonja auf, als Eisengel, der sich prostituieren muss, um die Familie satt zu kriegen. Im weißen Kleid steht sie da, schicksalsergeben, ruhig, beinahe schon apathisch. Sie fordert Raskolnikow auf: "Sag allen, nach allen vier Himmelsrichtungen: Ich habe gemordet." Der Kunstschnee rieselt bedächtig und gleichmäßig hinab, warmes Licht erhellt noch einmal die Bühne, dann kommen die Dunkelheit und der Applaus. An starken Bildern hat man sich mittlerweile wirklich satt gesehen.

 

Schuld und Sühne
nach Fjodor M. Dostojewski
Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Fassung von Bastian Kraft
Regie: Bastian Kraft, Bühne und Kostüme: Ben Baur, Musik: Björn SC Deigner, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Claudia Lowin.
Mit: Nico Holonics, Torben Kessler, Oliver Kraushaar, Christoph Pütthoff, Lukas Rüppel, Corinna Kirchhoff.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Der Romanautor Fjodor M. Dostojewski befindet sich mit "Schuld und Sühne" auch unter den meistgelesenen Klassikern auf nachtkritik.de 2015, die nachtkritik.de in der Playmo-Nacherzählung von "Sommers Weltliteratur to go" präsentiert.

 

Kritikenrundschau

Eine übersichtliche Anordnung, ein sich bescheidendes Konzept: Bastian Krafts Bühnenlesart des Romans sei "denkbar anders geartet" als die ersten beiden Teile der "Dostojewski-Trilogie" am Schauspiel Frankfurt ("Der Idiot", inszeniert von Stephan Kimmig, "Dämonen", inszeniert von Sebastian Hartmann), schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (18.1.2016), und zwar "straffer – erzählerisch, aber auch zeitlich: drei Stunden mit Pause –, ökonomischer, leichter zu verstehen, freilich auch deutlich risikoärmer". Selbst dem Monströsen gewinne Kraft das Ästhetische "und auch ein bisschen Unverbindliche" ab. "Er startet, wie erfreulich, keinen Belehrungsversuch, aber er bietet auch nicht sehr viel, das dem Zuschauer ein größeres Selbstweiterdenken allzu nahe legen würde."

"Krafts Inszenierung beginnt klaustrophobisch-konzentriert und endet mit einer Flucht ins Weite, Offene: ins unbegrenzte Universum des metaphysischen Kitsches", bündelt Hubert Spiegel seine Eindrücke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.1.2016). Kraft finde starke Bilder für die "Stimmen in Raskolnikows Schädel", als die die anderen Figuren aufträten, "aber die Kopfkerkernische ist überfüllt und die Idee bald reichlich abgenutzt, denn sie erlaubt der Inszenierung keinen historischen Ort und keine Außenwelt."

Vor allem im ersten Teil sei es ein "schauspielerisch überzeugender Abend, der Raskolnikows seltsame Denkwelten spielfreudig, intensiv und kurzweilig umsetzt", schreibt Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (18.1.2016). Am Ende allerdings wolle eine Verbindung mit Raskolnikow "ausgerechnet von Corinna Kirchhoffs Seite" nicht aufkommen, so Biesemeier: "Wie in sich versponnen erscheint sie, und ganz so, als würde sie etwas im Kopf Zurechtgelegtes spielen und nicht wirklich auf die direkten Energien von Nico Holonic reagieren. Gewollt?"

"Der junge Regisseur Bastian Kraft liebt große Bilder. Installationen sind das, in die er seine Schauspieler wie in einen überdimensionalen Setzkasten hineinstellen kann“, berichtet Alexander Kohlmann für den Deutschlandfunk (16.1.2016). Das Arrangement für Raskolnikows Seelenzustand sei "eine Stunde lang ziemlich faszinierend", danach nicht mehr. Kraft liefere eben nicht mehr als Arrangements, keine Brüche in den Figuren, keine Durchlässigkeit der Schauspieler. "Als wollte er den Schauspielern nicht zutrauen, sich wirklich den Textwelten zu stellen, baut er starre, unverrückbare Bilder, in denen die Texte dann mit minimalem Bewegungsspielraum in einem biederen psychologischen Realismus gespielt werden."

 

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