Suppe und Rausch

von Michael Wolf

Potsdam, 15. Januar 2015. Holger Bülow geht an die Rampe und guckt ins Gegenlicht. Das kennt der Kritiker schon. Holger Bülow muss an diesem Abend oft und lange an der Rampe ins Gegenlicht gucken, während die anderen hinter ihm Monologe vortragen. Am Anfang guckt Bülow dabei etwas trottelig, in der Mitte traurig und schließlich sehr betroffen.

Gemeinsamer Schmerz

Vielleicht, denkt der Kritiker, denkt Holger Bülow, während er so da steht und guckt, dass nicht jedes Buch umgesetzt werden müsste. Zum Beispiel Karl Marx. Das 20. Jahrhundert wäre vermutlich ein bisschen glücklicher verlaufen, hätte niemand "Das Kapital" gelesen. Vielleicht hätte es dann auch keine DDR gegeben, kein Land voller Spitzel und Repression also, aus dem die Menschen so schnell wie möglich verschwinden wollten. Und einige dieser Menschen hätten nicht auf die Insel Hiddenssee fliehen müssen, genauer: in das Feriendomizil "Klausner", Anlaufstelle für alle, die es nicht mehr aushalten und am liebsten durch die Ostsee hinüber nach Dänemark schwimmen würden. Für solche wie den melancholischen Ed, den Holger Bülow da an der Rampe des Hans-Otto-Theater spielt.

Kruso2 560 HLBoehme uZiemlich beste Freunde: Kruso (Raphael Rubino) und Ed (Holger Bülow) © HL Böhme

Nachdem Eds Freundin G. verunglückt und ein eigener Selbstmordversuch gescheitert ist, reist er von einem auf den anderen Tag nach Hiddensee. Dort trifft er Kruso, Abwäscher des Klausners, der die so genannten "Schiffbrüchigen" um sich schart. Ihrem Vorhaben einer gefährlichen Flucht durch die Ostsee setzt er Suppe, Rausch und esoterische Weisheiten entgegen. Kruso und Ed werden beste Freunde, was auch an ihrem gemeinsamen Schmerz liegt. Auch Kruso hat jemanden verloren – seine Schwester verschwand vor vielen Jahren von der Insel.

Deutschlandlied auf Bierflaschen

Das ist "Kruso" – der Roman von Lutz Seiler – und vielleicht auch eines dieser Bücher, die besser nicht umgesetzt worden wären. Sieht man vom mutmaßlichen Schielen auf Verkaufs- und Preiserfolg des Romans ab, gibt es kaum einen guten Grund, ihn zu dramatisieren. Denn Seilers Roman erzählt auf 500 mit schönen Sätzen vollgestopfen Seiten vor allem von sich selbst: einer literarischen Fiktion als Sehnsuchtsort. Eine entschiedene Inszenierung könnte dieses Theater gewordene Missverständnis wenigstens noch hübsch ausleuchten, aber Regisseur Elias Perrig entscheidet sich lieber fürs gleißende Gegenlicht.

Zu Beginn schaut Bülow auf der thematisch braven Bühne (Ausstatterin Marsha Ginsberg hat aus Spanplatten ein Schiffsunterdeck gebaut), wie bereits erwähnt, ein bisschen trottelig drein, während die Kollegen hinter ihm von vornherein alles zertrümmern, was der Roman behauptet. Aus einer gelebten Utopie wird Klamauk: Kruso (Raphael Rubino) steckt sich einen Teller in den Ausschnitt, lässt die Hüften ein paar Mal kreisen und zieht einen sauberen Teller unter dem Blaumann hervor. Aus Widerstand wird Party-Urlaub: Die Crew des Klausners bläst das Deutschlandlied auf Bierflaschen. Aus Leidenschaft wird unmotiviertes Gefummel: Ed tätschelt die Brüste einer Schiffbrüchigen, beschließt spontan, seine verstorbene Freundin vorerst zu vergessen und entledigt sich ungeschickt seiner Schlaghose. Hmm.

Sei es drum, so lange es Spaß macht. Axel Sichrovsky tanzt als cholerischer Eisverkäufer in waghalsig kurzen Hosen um seine Kollegen herum, Eddie Irle spielt den aggressivsten Kellner des Ostblocks im Gothic-Look inklusive Hochwasser-Lederhosen, und Andrea Thelemann darf im Leopardenkleid beteuern, sie würde ja auch wieder zurückkommen, sie wolle ja nur mal gucken, wie es da sei, da drüben. Spätestens nach der ersten Hälfte des Abends erscheint die Gemeinschaft der Saisonfachkräfte aber nicht nur wegen der Kostüme als eine Ansammlung von Karikaturen, denen ein fieser Stasi-Zensor die Bildunterschrift wegradiert hat.

Scheinwerfer um Bedeutung anschnorren

Der Kreis aus Saisonfachkräften löst sich nach und nach auf. Krusos Lebenswerk, den Schiffbrüchigen eine Heimat zu bieten, scheitert an den offenen Grenzen. Ed und Kruso bleiben zurück und warten vergeblich auf jene, die längst im Westen ihren realen Sehnsuchtsort gefunden haben.

Ganz ohne Ernsthaftigkeit lässt sich diese Geschichte nicht erzählen. Und die ist in der Blödelei vom Anfang verloren gegangen, weshalb Holger Bülow also an der Rampe steht und die Scheinwerfer um etwas Bedeutungsschwere anschnorrt. Inzwischen ist sein Gesicht mit Blut und Rotz verschmiert, immerhin.

Dann kommen auch die anderen noch mal dazu und erzählen, wie Ed Jahre später das Grab Krusos besucht. Sie wirken ein bisschen enttäuscht, dass sie im neuen Deutschland nur noch ganz normale Freaks sind und nichts Besonderes mehr. Aber vielleicht haben Bülow und seine Kollegen auch einfach keine Lust mehr und freuen sich darauf, dass sie gleich nicht mehr gezwungen sind, große Gefühle zu behaupten, an die einfach keiner glauben will. Wer weiß. Der Kritiker jedenfalls hätte Verständnis.

 

Kruso
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig, Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg, Musik: Marc Eisenschink, Dramaturgie: Ute Scharfenberg.
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

 

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung im Hans-Otto-Theater übersetzt diese Vielschichtigkeit in originelle Bilder und Szenen, in ganz viel Körperlichkeit und ausgefeilte Choreografien", schreibt Nadine Kreuzahler für Inforadio (15.01.2016). Dennoch hat Kreuzahler kein überragendes Stück gesehen, findet es allerdings "auch nicht schlimm, wenn das (Stück) ab und an mal ins Alberne abzurutschen droht."

Für die Berliner Morgenpost (16.01.2016) erkannte Stefan Kirschner bei dieser "Kruso"-Inszenierung vor allem am Anfang "schöne Bilder, wie den zu Beginn herunterschwebenden Ed." Dennoch ist Kirschner nicht wirklich überzeugt. Mit der Zeit wird die Geschichte "übermächtig, die Bilder allzu gegenständlich", findet er.

So ganz begeistert scheint Karim Saab in der MAZ (17.01.2016) nicht: Die Eingangszene findet er vor allem "unbeholfen" und dem letzten Drittel des Stücks attestiert er einen "Prägnanz"-Verlust. Saab vergleicht die aktuellen "Kruso"-Inszenierungen in Magdeburg und Potsdam und konstatiert: "Am Hans-Otto-Theater gibt es kaum einen Hingucker, der von den Einzelleistungen der neun Ensemble-Schauspieler ablenken könnte." In Magdeburg sei das ganz anders (hier die Nachtkritik zur Magdeburger Inszenierung).

 

 
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