Auf dem Boulevard der Ausbeutung

von Janis El-Bira

Berlin, 15. Januar 2016. Alles ist ein Laufsteg. Lange Bretter ziehen sich von der Brandmauer des Bühnenraums bis fast in die erste Zuschauerreihe. Links und rechts davon bleibt, einem Abgrund gleich, je ein schmaler Streifen übrig. Aber Mode wird hier nicht zur Schau getragen, sondern vor allem verkörperte Arbeitskraft, mehr noch: Menschenmaterial. Denn jeder, der hier rennt, schwitzt und rackert, kämpft darum, im großen Wettlauf der Selbstzurichtung als Erster, mindestens aber nicht als Letzter ins Ziel zu kommen. "Bloß nicht arbeitslos werden", wird einmal zwischen den Zähnen hervorgezischt. Die Arbeitslosigkeit ist so etwas wie der Spalt zwischen den Brettern des Stegs. Wer hindurchfällt, verliert noch viel mehr als ein Auskommen.

KleinerMann1 560 UteLangkafel uIm großen Wettlauf der Selbstzurichtung: hinten Anastasia Gubareva (als Lämmchen), im Vordergrund Mehmet Ateşçi und Dimitrij Schaad (als Johannes Pinneberg) © Ute Langkafel

Im Getriebe des freidrehenden Kapitalismus

Auf diesen Boulevard der Ausbeutung haben der Regisseur Hakan Savaş Mican und seine Bühnenbildnerin Sylvia Rieger am Berliner Gorki Theater das 30er-Jahre-Berlin aus Hans Falladas Roman "Kleiner Mann – was nun?" zusammengefaltet. Die Entscheidung, die oft dramatisierte Mühsal des Ehepaars Pinneberg im Nachgang der Weltwirtschaftskrise auf einen tief-schmalen, offen-beengten Raum zu transponieren, visualisiert nicht bloß die häufig collage-artige Konstruktion der Vorlage. Mican interessiert sich vor allem für die bei Fallada angelegte Durchdringung von Privatem und Öffentlichem, von Intimität und Ideologie und für die schonungslose Ausgesetztheit von Individuen in einer entsolidarisierten Massengesellschaft.

Auf dieser Bühne sind entsprechend Arbeits- und Wohnstätten der Pinnebergs eins, gibt es keine blickdichte Mauer zwischen Haus und Straße und verwandeln sich eben noch demonstrierende Kommunisten in Nazi-Schläger oder biedere Angestellte. Beständig wechselt das daueranwesende Ensemble die Rollen, während es von einer Band im Hintergrund mit Swing und Balkan Brass zu immer neuen Entäußerungen im Getriebe des freidrehenden Kapitalismus angepeitscht wird. Der Motor dieser Maschinerie ist die Arbeit und wer nicht mehr mitkommt, wem im Permanentbetrieb die Luft ausgeht, der wird wegrationalisiert, "abgebaut".

Staub unter den Schiebermützen

Gravitationszentrum der rasenden Beschleunigung ist bei Fallada wie bei Mican einzig die unerschütterliche Liebe zwischen Johannes Pinneberg und "Lämmchen", wie er seine Frau Emma Mörschel nennt. "Wir haben doch uns", schwören die Pinnebergs sich immer wieder gegen die Missgunst der Außenwelt ein, wenn Johannes seine Arbeitsstellen verliert, das Geld nur so durch die Finger rinnt, die gemeinsamen Wohnungen zusehends ärmlicher werden und schließlich jeder Mark hinterhergelaufen werden muss.

Dass Mican an diesem ohnehin äußerst Fallada-gläubigen Abend jener Liebe am allermeisten vertraut, gibt seiner Inszenierung eine kraftvolle, tragfähige Mitte. Die braucht sie auch, denn bei Micans etwas arg altmeisterlichem Naturalismus sitzt ansonsten recht viel Staub unter den Schiebermützen und in den breiten Schulterpolstern der kastenförmig geschnittenen Jacketts. So verliebt scheint der Regisseur in Falladas Roman, dass er sich mit Aktualisierungen und Aneignungen bemerkenswert vornehm zurückhält, womit er ihn in den schwächeren Phasen unwillentlich in ein bequemlich gestriges Stück Volkstheater verwandelt. "Es stimmt etwas mit Ihrer Work-Life-Balance nicht", sagt zwar einmal ein "Organisator" auf Pinnebergs Arbeitsstelle und zeigt damit, dass alte Gräuel mit neuen Namen immer alte Gräuel bleiben, doch man darf sich fragen, ob das allein Anlass genug für eine weitere Bühnenfassung genau dieses Textes ergibt. Sollte die demütige Buckelei der Pinnebergs uns hochemanzipierten Wut- und Empörungsbürgern etwa nichts mehr zu sagen haben?

Momente galoppierender Verzweiflung

Aber Mican hat seine Hauptdarsteller klug gewählt und Dimitrij Schaad und Anastasia Gubareva sind der Glutkern dieses oft auf hohem Niveau handwerkelnd daherkommenden Abends. Schaad hat vor allem in der zweiten Hälfte Momente galoppierender Verzweiflung, wenn er sich als Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft immer mehr Jacken übereinander zieht und so im wörtlichen Sinne an jener Arbeit fast erstickt, die ihn und seine Familie nähren soll. Anastasia Gubareva gibt Lämmchen mit einem kantig-ländlichen Stolz, gehärtet an den Widrigkeiten des Lebens. Ihre Sätze spuckt sie in den Raum wie kleine Ausrufezeichenwolken, ganz fragil und doch immer bereit, sich dem zu stellen, was da auf sie zukommt.

Wenn die Pinnebergs sich am Ende in jener herzstürzenden Fallada-Sentimentalität auch hier wieder in den Armen liegen, "einander haben", dann weiß man zwar: So einfach ist das oft nicht. Aber man möchte es diesen Schauspielern in diesem Moment gerne glauben. Ganz verkehrt kann das nicht sein.

 

Kleiner Mann – was nun?
von Hans Fallada
Textfassung: Hakan Savaş Mican
Regie: Hakan Savaş Mican, Bühne: Sylvia Rieger, Kostüme: Sophie Du Vinage, Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Tamer Arslan, Mehmet Ateşçi, Anastasia Gubareva, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Çiğdem Teke, Mehmet Yılmaz, Musiker: Valentin Butt, Lukas Fröhlich, Matthias Trippner.
3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (17.1.2016) funktioniert die Inszenierung "am ehesten als bebildertes Déjà-vu mit einem Text, den so gut wie jede/r irgendwann mal gelesen hat und der beim Wiedersehen auch keine neuen Akzente setzt", dessen Darsteller*innen die Kritikerin aber gern zusieht. Besonders trittsicher weicht Wahl zufolge Anastasia Gubareva als  "Lämmchen“ allen erdenklichen Klischeefallen aus. Am Ende fragt die Kritikerin sich doch, ob die Aufführung sich, "bei allem aus heutiger Sicht leicht rührselig Daherkommen der Romanvorlage, nicht mehr Gegenwart hätte leisten können".

Als "grundsympathisch und dem Original sehr treu", beschreibt André Mumot in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio (15.1.2016) diese Inszenierung: "ein weicher, warmer Abend mit einem wunderbaren Paar im Mittelpunkt und durchwachsenen, manchmal holprigen Darstellerleistungen in den Nebenrollen". Aus Mumots Sicht "wieder eine dieser Gorki-Theater-Umarmungen, aber eine allzu brave, allzu behagliche". Enttäuscht sei man am Ende doch, "denn szenisch passiert zu wenig in diesen guten drei Stunden nacherzählendem Einfühlungstheater, das sich so redlich bemüht, Falladas Roman nicht zu verraten und auf seiner einfallslos schiefen Ebene nur auf Luft und Liebe setzt. Doch, wie auch die Pinnebergs schmerzlich feststellen müssen, das allein reicht eben nicht, um über die Runden zu kommen."

Dieser "sentimentale Abend" erhebe den Spießer, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.1.2016). Die Hauptdarsteller*innen, "die ihre spielerische Vielschichtigkeit und Durchlässigkeit vor allem in Inszenierungen von Yael Ronen längst bewiesen haben", müssten an diesem Abend "die gestrige Seelennotsuppe ihrer Figuren durchwaten", so Seidler. "Zu sehen sind dann vor allem strebsame Wahrhaftigkeitsbemühungen, mit denen letztlich die Romanfiguren nur verdoppelt werden." Im Kontrast zu den kleineren "auf ihre satirischen Klischees reduzierten" Rollen stünden Schaad und Gubareva ziemlich nackt da. "Szenische Ideen, die über formale, ausgewalzte Zeichenmätzchen hinausgehen, gibt es kaum. Man betextet, bejammert und beschimpft einander, auf dass die Handlung ihren Verlauf nehme."

Mican gelinge es, "eine Art Schultheateraufführung für Erwachsene daraus zu machen" – und das meint René Hamann in der tageszeitung (20.1.2016) positiv. "Die aktuell gängigen Theaterismen bleiben ganz im Dienst des Stoffs; und nur gelegentlich blitzt ein Gegenwartsbezug auf. Denn aller Fallada'schen Verniedlichung zum Trotz: 'Kleiner Mann, was nun?' ist immer noch harter Stoff. Und immer wieder aktuell."

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