Die traurige Fabel vom toten Kind

von Michael Laages

Kiel, 15. Januar 2016. Wie herrlich herzlich er sich freuen kann ... und weil das so ist, enden deutschsprachige Erstaufführungen der Stücke von Simon Stephens (und überhaupt Premieren, zu denen er immer wieder sehr gern nach Deutschland kommt) mit dem immer gleichen Ritual: wenn der Autor praktisch allen im Premierenbeifall um die Hälse fällt, sie herzt und küsst und im Grunde am liebsten immer gleich das ganze Theater mit hochleben lassen würde. Er weiß halt, wie viel vom eigenen Erfolg er der Bereitschaft deutscher Dramaturgien, Regisseurinnen und Regisseure verdankt, seine Arbeiten richtig ernst zu nehmen. Das ist jetzt in Kiel nicht anders.

Fürchterliche Rache

Mit dem neuen Stück "Blindlings" ist der Dramatiker hier noch einmal zu Keim und Kern des eigenen Schreibens zurückgekehrt, ins trübe Heimatstädtchen Stockport. Durch die Mutlosigkeit jener Jahre hindurch wetterleuchteten schon die großen Wahlsiege der erzreaktionären Margaret Thatcher, und im Angesicht der Müllberge im großen Streik der Stadtreinigungen Ende der 1970er Jahre (als selbst die Totengräber streikten!) lässt Simon Stephens die Geschichte einer modernen Medea vor sich hin menetekeln: eines extrem unreifen Mädchens, das das eigene Kind umbringt, weil der neue Freund (nicht etwa der Vater der Tochter!) sie mit der besten Freundin betrügt.

Blindlings2 560 OlafStruck uJessica Ohl (die junge Cathy Heyer), Felix Zimmer (John Connolly), Magdalena Neuhaus (Siobhan Hennessey)  © Olaf Struck

Auf der Straße lernen Cathy und John einander kennen, sie gerade 17, noch Schülerin, aber schon mit Kind und zu Hause bei Mama. Er der schmuckste Rumtreiber im Viertel, der gern mal in schlecht bewachte Wohnungen einsteigt. Sexuell kommen die beiden zügig zur Sache. Aber ob sie außerdem irgendetwas miteinander verbindet, darf lange offen bleiben.

Auch von der Fremdvögelei des Jungen mit der besten Freundin der Freundin (die sich immer so rührend um das Kind sorgte) erfahren wie nie direkt. Nur für Cathy, keine der Hellsten unter der Sonne von Stockport, ist alles klar; und die Rache ist fürchterlich. Die Freundin (Magdalena Neuhaus) kriegt noch ein Kleid geschenkt (wie Kreons Tochter, Jasons neue Braut, von der rachesinnenden Medea), und gern würde die Betrogene die Betrügerin auch wie beim antiken Vorbild in Flammen aufgehen lassen – dann wird das Kind erstickt und dem Freund (der nicht der Vater ist) als Überraschung zum Abschied ins Bett gelegt.

Zauber der Minks-Meisterschaft

Doch zum modernen Bild vom antiken Mythos taugen die ersten 90 Minuten der Inszenierung von Ulrike Maack nun wirklich nicht. Dafür ist der Stephens-Text zu platt und oberflächlich. Nicht umsonst sind die wirklichen starken Texte des Autors (wie etwa "Pornographie") aus vielen Monologen gebaut. Der Dialog hier ist bis zur Pause zum Hinwegdämmern blass. Sonst bleibt sehr viel Zeit, um sich auf die Bühne von Wilfried Minks zu konzentrieren – Plakatwände mit einem Foto vom Müllstreik und ein perspektivisch angeschrägtes Anti-Thatcher-Plakat, dazu weiträumig ausgelegte Wand- und Boden-Segmente sowie eine Spiel-Podest, das sich wie eine Playmobil-Platte auf einer anderen drehen und so die Räume "verschieben" kann ... der Zauber der Minks-Meisterschaft steckt im Detail.

Nach der Pause folgen noch der Mord selbst, Cathys Geständnis der Mutter gegenüber (mit dem schönen Wort vom "Löffel Pech", der diesen armen Losern lebenslang vorgesetzt wurde) und die Augenblicke vor dem Urteil. Zuspruch kommt nur von Cathys väterlichem Freund und Mamas Beinahe-Liebhaber Isaac, dem jüdischen Friseur von nebenan (Marko Gebbert). Aber noch immer schlägt der Text nur ganz wenig Funken.

Glaubhafte Abgründe

Dann aber, für die letzten zwei Szenen, eine Art Epilog, bekommen Maack und Minks doch noch die Steilvorlage für eine wirklich starke Wendung: Minks lässt grüne Gaze auf die triste Stockport-Welt fallen, und jetzt sitzt die Kindsmörderin Cathy nach 16 Jahren Knast (und etwa soviel Thatcher-Zeit!) mit neuer Identität auf einer einsamen Insel. Ellen Dorn, die zuvor Jessica Ohls Mutter spielte, ist jetzt die ältere Cathy; und Felix Zimmer kommt als junger Sohn des John von damals vorbei (der er auch war), um allen Hass auf die fremde Frau auszukübeln. Denn der John von damals hat den Schock des toten Kindes nie verwunden. Er läuft bis heute wie ein Zombie durch die Welt.

Hier (erst hier, nach gut zwei Stunden!) wird's wirklich interessant. Und Maacks Inszenierung kann jetzt auch all die Abgründe glaubhaft machen, die in der wundersamen Verwandlung der Täterin wie in der Ratlosigkeit des Jungen aufscheinen. Nur von hier aus lassen sich nun auch die politischen Thatcher- und die antiken Medea-Anmutungen ernst nehmen. Vorher nicht wirklich.

Und mit den Schwächen zuvor kann das starke Finale auch nicht recht versöhnen. Doch Mister Stephens freut sich. Fast wagt er ein Punk-Tänzchen zum Klatschmarsch-Beifall für die traurige Fabel vom toten Kind.

 

Blindlings
von Simon Stephens
Deutsch von Barbara Christ
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Ulrike Maack, Bühne: Wilfried Minks (Mitarbeit Eylien König), Kostüme: Irmgard Kersting, Musik: Marko Gebbert / Jens Paulsen, Dramaturgie: Jens Paulsen.
Mit: Ellen Dorn, Marko Gebbert, Jessica Ohl, Magdalena Neuhaus und Felix Zimmer.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-kiel.de

 


Kritikenrundschau

Ulrike Maack gehe Simon Stephens "Mischung aus Medea in Manchester und Coming-of-Age-Geschichte sehr direkt an, gibt Stephens umstandslos poetischer Sprache Raum, konzentriert die Episoden zu Minidramen, zoomt sie bis ins Überwirkliche – und bricht das Drama mit der Leichtigkeit ihrer Teenie-Helden", schreibt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten (18.1.2016). "Ein bisschen flüssiger darf das Spiel an mancher Stelle noch werden, ein bisschen gefährlicher könnte es noch brodeln, bis zur Katastrophe – aber vor allem gelingt es Ulrike Maack, das Stück in seinem fragilen Zwischenzustand einzupendeln. Da fühlt man die Klüfte zwischen den Figuren und die Sehnsucht nach Zusammenhang. Und man ahnt, wie sich dazwischen das Banal-Alltägliche zur Tragödie auswächst."

"Dass diese Inszenierung einen merkwürdig zwiespältigen Eindruck hinterlässt, liegt nicht an der sehr stephenserfahrenen Regisseurin, schon gar nicht an Minks, auch nicht an den durchweg glaubwürdigen Schauspielern", schreibt Monika Nellissen in der Welt kompakt (18.1.2016). "Es liegt am Stück selbst und seiner Sprache, die sich schnell, beinahe atemlos liest, auf der Bühne aber, laut ausgesprochen, ziemlich banal wirkt und keine weiteren Bedeutungsebenen offenbart. Zudem setzt der Dramatiker rüde Kurzdialoge gegen träumend-poetisierenden Redefluss, der die Realität eines trübsinnigen Lebens und romantische Vorstellungen einer besseren Zukunft miteinander verwebt. Da geht der hyperrealistische Dramatiker mit dem Dichter durch."

 

 
Kommentar schreiben