Handeln, zerstören, neu konfigurieren!

von Wolfgang Behrens

Januar 2016. Nach den neuerlichen Anschlägen von Paris spricht Theater der Zeit mit französischen Theatermachern, Theater heute schaut derweil auf ein bedenklich nach rechts rückendes Polen – während Die deutsche Bühne unverdrossen ins Mitmachtheater geht und dort widerständiges Potenzial entdeckt.

Theater der Zeit

Das Januar-Heft von Theater der Zeit reagiert auf die jüngsten Pariser Terroranschläge vom 13. November. Die Grafikerin Gudrun Hommers hat für die Ausgabe einen eindrücklichen Titel entworfen: Das zentrale Bereich des Covers ist rein weiß, gleichsam eine leere Bühne, nur in der Mitte stehen klein – wie ein verblassender Stempel – die drei Worte "Liberté Egalité Fraternité". Im Heft findet sich der vollständige Text der Vorlesung, die der Philosoph Alain Badiou zehn Tage nach den Anschlägen gehalten hat sowie zwei Gespräche, die Lena Schneider zum einen mit dem Regisseur Philippe Quesne, derzeit Intendant des Théâtre Nanterre-Amandiers, zum anderen mit dem Dramatiker und Regisseur Joël Pommerat geführt hat.

TdZ 1 2016 coverQuesne beklagt, dass die "ganze kapitalistisch funktionierende Welt" seit den Attentaten auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" "absolut nichts gelöst oder dazugelernt" habe. Es habe keinerlei Veränderungen gegeben: "Weder im Bildungsbereich noch in der Kultur noch in der Integration von Kulturen und Religionen." Nur die Rolle des Theaters sei seitdem "viel deutlicher. Anders als damals sind die Säle voll." Die Theater seien "im Grunde derzeit die einzigen Orte, wo die Menschen noch zusammenkommen können. Nur in Konzert- und Theatersälen dürfen sich mehr als 500 Leute gemeinsam öffentlich aufhalten." Dass ausgerechnet zum Zeitpunkt der Klimakonferenz ein Verbot, sich zu versammeln und zu demonstrieren, ausgerufen worden sei, hält Quesne für schlimm. Das menschliche Schutzbedürfnis lässt er nicht gelten: "Es ist absolut grauenvoll, sich daran zu gewöhnen, mit Angst zu leben. Aber vielleicht muss man sagen, dass es zu den Paradoxen des Menschseins gehört."

Eines der Stücke, die derzeit in Paris erfolgreich laufen, ist Joël Pommerats "Ça ira (1) Fin de Louis", ein Stück über die Französische Revolution. Es handle, sagt Pommerat im Gespräch, von "einer Gesellschaft, die bei Null anfängt und sich fragt, wie sie in Zukunft sein will, was sie berichtigen muss. An dem Punkt befinden wir uns auch heute, auch wenn kein Staatsstreich und keine Revolution hier im Westen stattgefunden haben. Wir müssen uns fragen: Was muss getan werden?" Es sei zwar "unmöglich, das auszusprechen", aber insofern befinde sich "in der Tragödie, die passiert ist, im Kern etwas Konstruktives." Sie erinnere "an eine Notwendigkeit zu handeln, sich bestimmten Dingen entgegenzustellen, etwas vorzuschlagen." Als Pommerat "Ça ira" noch vor dem "Charlie Hebdo"-Anschlag geschrieben habe, habe er nicht mehr gewusst, warum er das schreibe. Dann aber hörte er am 7. Januar "die Sirenen, sah die Nachrichten im Fernsehen in Dauerschleife. Was ich da gerade schrieb, machte plötzlich wieder Sinn. Die Attentate damals nahmen eine Art Nebel von den Dingen, machten die offenen Fragen klarer sichtbar." Was eine traurige Regel bestätigt: In Zeiten der Krise gewinnt die Kunst an Relevanz.

Was allerdings nicht heißt, dass das Theater "unter tagespolitischem Druck den Ereignissen hinterherhecheln und Statements abliefern" müsse, wie Wolfgang Engler, Rektor der Berliner Hochschule "Ernst Busch", in einem weiteren, die andauernden Krisen dieser Welt behandelnden Gespräch des Heftes sagt (und damit u.a. Volker Löschs Dresdner "Öderland"-Inszenierung abkanzelt). Das Theater solle sich "auf Möglichkeiten besinnen, die es noch immer besitzt: (...) Figuren zu entwickeln, die in diesen Konflikten als (zur Verantwortung zu ziehende) Handelnde erscheinen, und dadurch diese Konflikte durchschaubarer zu machen. Die Welt weiter in endlosen Textflächen als undurchschaubaren und unveränderlichen Naturprozess oder als jede Handlung killendes Paradox abzubilden – das ist genau die Wohlfühlästhetik, die den Beifall der Mächtigen findet." Sätze, die Joël Pommerat im gar nicht so fernen Paris wohl unterschreiben würde.

Die deutsche Bühne

"Da muss ich aber nicht mitmachen, oder?" Den Reflex, den viele Zuschauer zeigen, wenn im Theater die Rede auf partizipative Formate kommt, zitiert die Deutsche-Bühne-Redakteurin Bettina Weber gleich im Editorial des Januar-Heftes, das sich das Mitspieltheater zum Thema gemacht hat. Und mit der Redakteurin Ulrike Kolter kommt in diesem Schwerpunkt sogar ein ausgesprochener Mitmach-Muffel zu Wort: "Vertraut denn keiner mehr der suggestiven Kraft eines phantastischen Gesamtkunstwerks? Der Kraft dieser Bühnen-Parallelwelt jenseits des – tragischerweise zumeist aus der Mode gekommenen – Theatervorhangs? Schnöde, brutale, ungerechte Realität umringt uns doch weiß Gott genug. Da brauche ich keine Performance-Installation, die ich durchwandern muss, um sie zu erleben."

ddb 1 16 cover"Ja, aber ...", scheint Friedrich Kirschner, Professor für digitale Medien an der Berliner "Ernst Busch"-Hochschule, ein paar Seiten vorher zu antworten. Diese schnöde und brutale Realität werde von einer neuen Ideologie regiert, in der die Ingenieursleistung verspreche, "unsere sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme zu lösen" – Industrie 4.0! Diese "fortschreitende Systemisierung unserer gesellschaftlichen und kommunikativen Strukturen bedarf neuer Modelle des Diskurses und neuer Werkzeuge des Widerstands." Hierzu müssten "Handlungsräume erfahrbar" gemacht und "die Möglichkeit zum subversiven Umgang mit alltäglichen Strukturen zur Debatte" gestellt werden – und das könnte durch "Spielstrukturen im Theater" eingeübt werden. Sie böten "einen Raum des gemeinschaftlichen Aneignens von Prozessen und das Potenzial des nichtkonformen Umgangs. Sie geben uns im Ideal die Möglichkeit, in abgebildeten Strukturen anders zu handeln, sie zu zerstören und neu zu konfigurieren, im Mindesten aber erlauben sie, durch unser eigenes Handeln ihre Komplexität wahrzunehmen." Na gut! Das will ich dann mal im Kopf haben, wenn ich das nächste Mal bei Signa bin: "Handeln, zerstören, neu konfigurieren!" Ich freu' mich drauf.

Theater heute

Das Berliner Peter-Szondi-Institut hat 2015 sein 50-jähriges Jubiläum mit einer Ausstellung über seinen Namensgeber begangen, und zu diesem Anlass hat der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, ein Szondi-Schüler, eine Rede gehalten, die in der Januar-Ausgabe von Theater heute dankenswerterweise dokumentiert wird. Ausgehend von Schriften seines großen Lehrers, schreibt Lehmann heutigen Theater- und Literaturwissenschaftlern einiges Bedenkenswerte ins Stammbuch. Nicht zuletzt fordert Lehmann mit Szondi ein "genuin ästhetisches Verhalten", welches "kein vollständiges Verstehen, nicht das Verstehen als autonomes Ideal" kenne. "All die hilfreichen Richtlinien, Verordnungen und rechtlichen Normierungen" des geisteswissenschaftlichen Studiums jedoch beförderten vor allem "die Tendenz, das eigentliche ästhetische Verhalten abzuschaffen." Ästhetisches Verhalten werde "nicht gelernt durch dauernde methodische Hilfestellung, sondern durch die Erfahrung, durch ein Hineindenken in Form und Gestaltprozesse selbst allererst herausfinden zu müssen, was und wie sie bedeuten. Szondi würde heute von angehenden Theaterwissenschaftlern verlangen, dass sie sich neben dem historischen Studium und der Bemühung um die Theorie vor allem in der Erfahrung und Praxis der ungegängelten Wahrnehmung von Theater üben." Das allerdings wäre etwas, das man auch allen Kritiker*innen mit auf den Weg geben möchte: ungegängelte Wahrnehmung. Falls das keine Schimäre ist ...

TH 1 16 coverVon wirklicher Gängelung weiß die polnische Kritikerin und Kuratorin Anda Rottenberg zu berichten, die in ihrem das Januar-Heft eröffnenden Text über bevorstehende Änderungen in Polens Kulturszene prophezeit, dass dieser zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung schon überholt sein werde. Was sich mit Blick auf die mittlerweile bewirkten Verfassungsänderungen der rechtsgerichteten Regierung leider bewahrheitet hat. Rottenberg vermutet, dass "zahlreiche Regisseure, Schauspieler, Schriftsteller und andere Kulturschaffende (...) zum Schweigen gebracht oder [durch verweigerte Zuschüsse] gezwungen" werden sollen, "wieder in alternativen Strukturen zu arbeiten. Während des Kriegszustands in den 1980er Jahren waren Kirchen Asylorte für die freie Kunst. Heute wird man wahrscheinlich mehr mit der Hilfe von Privatunternehmern rechnen können, falls sie genug Mut dazu aufbringen." Die kunstfeindliche Stimmung, die Anda Rottenberg einfängt, ist allemal alarmierend. Seit dem 1. Januar ist Wrocław eine der Kulturhauptstädte Europas, und Rottenberg fürchtet, dass die Welt bei den gegen das dortige Teatr Polski gerichteten Aktionen des Nationalradikalen Lagers "das 'wahre Gesicht' Polens zu sehen" bekommen könnte.

 
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