Güte geht durch den Magen

von Thomas Rothschild

Mannheim, 20. Januar 2016. Brechts Shen Te hätte diese Köchin einer Highschool-Cafeteria mit dem sprechenden Namen Constant warnen können. Aber Constant bleibt bis zum Ende ein guter Mensch, und das geht übel aus. "Du bist immer so fröhlich", sagt ihre Freundin Sylvia (Carmen Witt) zu ihr. Und Constant weist ihren Partner Tom Collins (Michael Fuchs), der seine Vaterschaft leugnet, auf eine Besonderheit der gemeinsamen Tochter hin: "Ihr Mund. Immer mit kleinem Lächeln in den Winkeln. Wie ich."

Einen Hauch Liebe schenken

Sabine Fürst ist diese Constant, und sie lächelt in der Tat (fast) immer. Constant ist keine Shen Te, sondern eine etwas naive Kindfrau, vergleichbar der Leslie Caron aus Charles Walters' "Lili" oder Carol White als Joy in Ken Loachs "Poor Cow". Sie will Liebe geben und fällt dabei immer wieder auf die Nase. Sie will nur ihr Leben "in den Dienst der Güte stellen". Und sie will nichts anderes als "Essen für andere Menschen machen – ihnen einen Hauch meiner Liebe schenken".

Das Motiv des Kochens, aus dem Constant ihr Selbstvertrauen erwirbt, zieht sich als roter Faden durch die Folge von kurzen Szenen, die durch Blackouts interpunktiert wird. Aber die junge Frau verliert zunächst ihren Job, wird dann schwanger und von jenem Mann verlassen, der dafür verantwortlich ist, aber keine Verantwortung übernehmen möchte, das Kind wird ihr weggenommen, und als sie der depressiven Freundin auf deren Wunsch beim Suizid hilft, wird sie zum Tode verurteilt.
Zwar rebelliert Constant gegen ihre Entlassung oder gegen die Treulosigkeit von Tom Collins, aber Zorn und Unzufriedenheit halten nicht an und haben erst recht keine Folgen. Am Ende, nachdem sie auch noch erfahren muss, dass sie sich über die seit Jahren entbehrte Tochter Illusionen gemacht hat, geht sie lächelnd in den Tod.

goetterspeise 560 ChristianKleiner hAllein unter Automaten: Sabine Fürst als Constant (vorn) © Christian Kleiner

Sabine Fürst gestikuliert kaum. Sie spielt eher steif, fast mechanisch und ordnet sich damit Zino Weys Regiekonzept einer stilisierten Inszenierung unter, die eine naturalistische Ausmalung der sentimentalen Klischees, von denen "Götterspeise" nicht ganz frei ist, vermeidet. Sie presst die gespreizten Finger an die Oberschenkel, und wenn ihr dann dennoch echte Tränen über die Wangen kullern, als ihr das Kind abverlangt wird, dann beweist das nur, wie schwer es ist, im Schauspiel der Einfühlung zu entkommen.

Ein Amerikaner in Deutschland

Diese Uraufführung passt nach Mannheim. Intendant Burkhard C. Kosminski ist bekanntlich ein entschiedener Bewunderer der englischsprachigen Dramatik. Noah Haidles Stück ist seinerseits bereits das fünfte Bühnenwerk des 37-jährigen Amerikaners, das in Deutschland und nicht in seiner Heimat uraufgeführt wird. Dabei ist es in jeder Beziehung amerikanisch, selbst in der Übersetzung. So muss Constant sagen: "Sehr bald wird er gewahr werden, dass du existierst." Oder: "Hey, waren Sie hier auf der Schule?" Und Sylvia muss versichern: "Ich bin okay."

Warum die Übersetzerin Barbara Christ aus Ananas in Sirup, die Constant leitmotivisch serviert, und damit auch aus dem Titel des Originals "Pineapple in Syrup" eine "Götterspeise" gemacht hat, weiß nur sie allein. Beruht die Entscheidung etwa auf vergleichenden Feldstudien über amerikanische und deutsche Essgewohnheiten? Vielleicht liegt es ja nur daran, dass im Foyer nach dem Willen des Autors das erwähnte Dessert angeboten wird. Mit Götterspeise bekleckert man sich nicht so leicht wie mit Sirup.

Welt der Marionetten

Davy van Gerven hat einen nüchternen Raum ins Studio des Mannheimer Nationaltheaters gebaut, mit einer Sperrholzwand, einer Schwingtür und einer schmalen Tür zur Küche, aus der ein Förderband die angerichteten Speisen liefert. Er dient als Schul-Cafeteria, als Fast-Food-Restaurant, als Kantine einer psychiatrischen Klinik und als Cafeteria eines Gefängnisses. Im Vordergrund sitzt eine lebensgroße Puppe in Kapuzenjacke, Jeans und T-Shirt mit zwei Tieraugen.

Das passt zu der Entscheidung, die szenischen Abläufe marionettenhaft, wie von außen gelenkt erscheinen zu lassen. Constant und letzten Endes auch die sie umgebenden Figuren sind keine selbstbestimmten Menschen, sondern Automaten, determinierte Wesen. Nach ihrer Entlassung aus der Highschool-Cafeteria bewegt sich Constant mit dem Kinderwagen, den sie eigentlich an den Arbeitsplatz nicht mitbringen dürfte, inmitten von alten Herren, die dasitzen wie leblose Puppen.

Constant stößt sich nicht daran. Sie preist ihre Speisen an, erbittet einen Trommelwirbel für den Nachtisch und wirkt naiv. Und leise, ganz leise kommen Zweifel auf, ob der Autor, der sie so naiv auftreten lässt, nicht selbst ein wenig naiv ist. Was ja an sich nicht verboten wäre.

 

Götterspeise
von Noah Haidle
Deutsch von Barbara Christ
Uraufführung
Regie: Zino Wey, Ausstattung: Davy van Gerven, Dramaturgie: Katharina Blumenkamp/ Tilman Neuffer.
Mit: Sabine Fürst, Boris Koneczny, Michael Fuchs, Carmen Witt, Almut Henkel, Bariş Tangobay.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

 

Kritikenrundschau

Volker Oesterreich von der Rhein-Neckar-Zeitung (22.1.16) hebt die Leistung der Schauspieler hervor. Sabine Fürst meistere "die alles andere als einfache Aufgabe, trotz ihrer dauergrinsenden Mimik einen differenzierten Charakter zu spielen." Oesterreich sieht "ein typisch amerikanisches 'well made play'. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger."

Cornelie Ueding ist auf Deutschlandfunk (Zugriff 25.1.2016) not very amused: "Wenn Regisseur Zino Wey doch wenigstens eine Farce aus dem dramatischen Liebes-Oratorium gemacht hätte! Aber so, eins zu eins vom Blatt gespielt, mit einer sentimentalen Quasselstrippe als Königin der Herzen, umgeben von steifen Wachsfiguren, getragen von Plastik-Dialogen, die immer moralisierender werden", wisse man wirklich nicht, was das alles soll: "Fingerübung für theatralische Erstsemester? Missglückte Marthaleritis, ohne wenigstens einen Schuss Witz und ohne den Ansatz zu einem wie auch immer gearteten doppelten Boden? Oder künstlerisches Rahmenprogramm zum Kirchentag?"

Johannes Breckner vom Wiesbadener Kurie (25.01.2016) findet, die Inszenierung habe Mut zur melodramatischen Zuspitzung. Die Regie gehe nicht auf Distanz zu der Geschichte, sondern zeige "ihre Modellhaftigkeit der Rolle". "Wie Sabine Fürst ihre angestrengt gute Laune mit wachsender Verzweiflung würzt, ist herzzerreißend."

 

 
Kommentar schreiben