Schrecken der Gegenwart

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Januar 2016. "Ich wollte nicht mit hineingezogen werden", beteuert der Magistrat. Er ist nur ein Beamter, der sich auf seine Rente freut, der nichts will, außer einem "ruhigen Leben in ruhigen Zeiten." Er ist aber auch der Erzähler in J.M. Coetzees Roman "Warten auf die Barbaren" aus dem Jahre 2001. Für ein ruhiges Leben hat er sich den falschen Ort gewählt.

Seine Ganisonsstadt liegt im Grenzgebiet, irgendwo in einer nicht näher bestimmten Fremde. Vor den Toren der Stadt leben die "Barbaren". Die Stadt und die Fremde befinden sich in einer friedlichen Koexistenz – bis ein Gesandter aus der Hauptstadt eintrifft. Einer, der die Lage kontrollieren, die "Barbaren" im Zaum halten soll: Oberst Joll. Mit seiner Ankunft kippt die vormalige Ruhe, die Situation wird unwägbar. Für alle Beteiligten. Der Magistrat wird zunächst Zeuge, später selbst Opfer der Machtwillkür des Oberst. Und als dessen Strafexpedition in die Wüste scheitert, breiten sich Angst und Panik aus – das ungewisse "Warten auf die Barbaren" beginnt.

barbaren3 560 Thomas aurin uPlaudern am Rand der Zivilisation: Markus John, Anja Laïs ©Thomas Aurin

Maja Kleczewska hat den Roman des südafrikanischen Autors und Nobelpreisträgers (2003) im Malersaal auf die Bühne gebracht (Fassung: Maja Kleczewska und Lukasz Chotkowski). Zum zweiten Mal inszeniert die polnische Regisseurin am Hamburger Schauspielhaus. In der vorangegangen Spielzeit Shakespeares Sturm, nun Coetzees "Barbaren". Dabei gelingt ihr der Anfang noch ganz sinnvoll: Wenn der Magistrat (gepflegt geruhsam: Markus John) und Oberst Joll sich auf 50er-Jahre-Sesseln über den "Ton der Wahrheit" austauschen und ob dieser wohl via Folter hergestellt werden kann, wirkt das wie ein fachkundiges Salongespräch.

Ekel und Exotik

Der Ton ist auch dann noch sachlich und ruhig, als Christoph Luser als Oberst Joll verkündet, dass die "Barbaren" von den Grenzen vertrieben werden müssen. Da werden keine weiteren Fragen gestellt, schließlich ist das eine Anordnung von oben – da werden lediglich und die Maßnahme unterstützend manche Rituale dieser exotisch Fremden angeekelt widergegeben.

Langsam spitzt sich die Stimmung zu: "Am Anfang war alles so aufregend, aber so langsam verlieren wir das Mitleid", lässt Kleczewska eine Grenzbewohnerin (Anja Laïs) noch sagen. So weit, so erschreckend gegenwärtig. Doch von nun an setzt die Regisseurin auf Atmosphäre und Illustration, auf bedrohliche Sounds (Stefan Weglowski) und Machtklischees. In dem weitläufigen Bühnenbild von Wojciech Puś (der Boden Blutrot!) lässt sie Sachiko Hara ein Folteropfer spielen, für das die Maskenbildner wüste Wunden auf Arme und Beine modelliert haben. Mittendrin lässt sie das fröhliche (Kolonial-)Leben im Cha-Cha-Cha passieren, den Magistrat seine Einsamkeit bei Bezahlfrauen vergessen und ihn von der Antilopenjagd erzählen. Später gibt es noch eine Knüppel-Prügel-Projektion im Dauerloop, ein "Barbarenmädchen" (Sachiko Hara), das kopfüber im schwarzen Sandhaufen steckt, einen besonders fiesen Wärter, der ein Tor bewacht, und einen kopfüber von der Decke baumelnden Magistraten; denn "jetzt werden wir dir eine andere Art zu fliegen zeigen." Zuvor war dieser lebendig in besagtem Sandhaufen begraben und anschließend in ein Mädchennachthemd gesteckt worden. Die "barbarenfeindliche Stimmung wächst", der Magistrat hatte daran seine Zweifel.

Schwach performter Zynismus

In einer Art verzweifeltem Realismus versucht Kleczewska, eineinhalb Stunden lang Angst und Folter auf der Bühne darzustellen. Mit Fesseln, Augenbinden, Tüchern, roter Farbe, Ketten. Und auch mal mit schwach performtem Zynismus, etwa wenn Michael Weber als Animateur mit Foltermethoden im Angebot versucht, das Publikum zu erschrecken. Das Schlimme ist: Kleczewska will die Bilder, die der Roman und die grausame Realität bereithalten, auf der Bühne reanimieren. Doch ihre Bilder können – es ist ja Theater! – gar nicht schlimm genug sein. Und so rennt die Regisseurin mit ihrem beharrlichen Darstellungs- und Abbildungswillen direkt ins Leere und vor allem weg vom Parabelhaften und Imaginativen, weg von Coetzees kafkaesker Allegorie der Macht und vor allem weg vom eigentlichen Konflikt- und Aktualitätspotenzial des Romans.

 

Warten auf die Barbaren
von J. M. Coetzee
Regie: Maja Kleczewska, Bühne und Videodesign: Wojciech Puś, Kostüme: Konrad Parol, Musik: Stefan Weglowski, Dramaturgie: Lukasz Chotkowski, Jörg Bochow
Mit: Sachiko Hara, Markus John, Anja Laïs, Christoph Luser, Michael Weber
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Statt der poetischen Kraft des Textes zu vertrauen, setze Maja Kleczewska auf billige Showeffekte, ärgert sich Heide Soltau im NDR (23.1.16): "Am schlimmsten ist die Comedyeinlage über die Folter, die der Schauspieler Michael Weber im Glitzeranzug hinlegt, während der Magistrat an Ketten von der Decke hängt", so Soltau. "Warum muss man die Folter so platt darstellen? Sind Worte und abstrakte Bilder nicht viel stärker?" Es erschließe sich nicht, was Kleczewska mit diesem Abend erzählen will.

"Maja Kleczewska (…) bemüht sich um eine Art Gleichgewicht zwischen realem Schock und Abstraktion", denkt sich Michael Laages im Fazit auf Deutschlandradio Kultur (22.1.16). "Merkwürdig unterspannt und kühl" bleibe das Ensemble dabei. "Und ob das polnische Regie-Team wirklich rundum harmonierte mit allen und jedem, ist durchaus nicht klar."

Maja Kleczewska finde "drastische Bilder", ihre Inszenierung sei "eine Zumutung im positiven Sinne", schreibt Heinrich Oehmsen im Hamburger Abendblatt (25.1.2015). Sie zwinge das Publikum "hinzusehen und hinzuhören und konfrontiert es mit der schlimmsten Form der Unterwerfung." Jeder der fünf Schauspieler sei "grandios, vor allem Markus John und Sachiko Hara gehen an schauspielerische Grenzen". Und "Michael Webers Conferencier mit dem Slogan 'Foltern für eine bessere Welt'" sei "von so grenzenlosem Zynismus, dass man als Betrachter" erstarre.

 
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