Lasst stumme Hühner um mich sein!

von Elisabeth Michelbach

Göttingen, 23. Januar 2016. Lange bevor die Germanen kommen, ist das Landhaus des letzten römischen Kaisers eine Ruine: ein in sich zusammengesacktes Häusergerippe im Kunstnebel, dessen Strohdach über den Boden fließt. Am höchsten Punkt thront noch die stolze Fahne mit dem goldenen Lorbeerkranz, der Kranz des Kaisers Romulus hat indes schon sehr gelitten: Nur noch vier Blätter sind dem Taugenichts geblieben, der sich der Hühnerzucht verschrieben hat, die Ratschläge seiner Minister konsequent ignoriert und in seiner 20-jährigen Amtszeit Rom kein einziges Mal betreten hat. Nun sind die Germanen weit in sein Reich vorgerückt, doch er weigert sich, Schritte gegen die drohende Übernahme einzuleiten oder auch nur den Boten mit den neuesten Nachrichten von der Front anzuhören.

Friedrich Dürrenmatts "ungeschichtliche historische Komödie" bezieht ihre Spannung aus dem Gegensatz zwischen der Panik des Hofstaats angesichts der existenziellen Bedrohung und der demonstrativen Gelassenheit des gutgelaunt frühstückenden Kaisers. Seiner Frau Julia erklärt Romulus sich als Revolutionär im Faulpelz. Als Kaiser, der nur Kaiser wurde, "um das Imperium liquidieren zu können", betreibt er die Negation des eigenen Amts, die Abschaffung der eigenen Position. Die Niederlage gegen die Germanen ist sein Erfolg, den er erreicht hat durch demonstrativ schlechte Politik, falsche Entscheidungen und die Weigerung seinen kaiserlichen Pflichten nachzukommen.

Politikverdrossenheit auf selbstironisch

Dass er am Ende ganz allein der Ankunft der Germanen harren wird, hat er ebenso geplant wie seine Ermordung durch den germanischen Fürsten Odoaker. Allerdings entpuppt sich dieser siegreiche germanische Held als ebenso politikverdrossener Hühnerzüchter wie Romulus selber, der seinerseits plant sich dem römischen Kaiser zu unterwerfen. Dürrenmatt weist mit seinen beiden Anti-Herrschern darauf hin, dass es nicht unbedingt tyrannische Individuen sein müssen, die ein totalitäres System erschaffen und nähren; vielmehr können es auch kollektive gesellschaftliche Dynamiken sein, die nationalistische Verblendung, Ausbeutung und Krieg initiieren und befördern.

Romulus1 560 Thomas M Jauk uHinfort, ihr verrückten Menschen! Dorothea Lata, Gerd Zinck (Romulus), Bardo Böhlefeld
© Thomas M. Jauk

In Matthias Kaschigs Inszenierung am Deutschen Theater Göttingen spielt Gerd Zinck einen selbstironischen Romulus, der genau weiß, wie sehr er alle um sich herum auf die Palme bringt – und es genießt. Kostümbildnerin Stefani Klie steckt alle Römer in weiße, nur scheinbar historisierende Togen: Im Falle der greisen Kammerdiener Pyramus und Achilles wird die Stoffbahn zum Endlos-Knäuel, aus dem nur noch die langen Bärte hervorlugen. Die Rollen wechseln, besonders gut gelingt das Ronny Thalmeyer, der als schmieriger Antiquar und Krisengewinnler die kaiserlichen Büsten einsackt und später als abgeklärt-nerdiger Hosenfabrikant Rupf um Reas Hand anhält.

Too big to fail – gilt das noch?

Das klare Setting von Michael Böhlers Bühne transformiert sich bisweilen, wenn die Schauspieler auf den glatten Strohmatten trippeln und stelzen wie Romulus' Hühner im Hühnerstall. Oder ein zerfledderter Strohsonnenschirm ruft ein trostloses Urlaubsparadies auf, in dem ein Drink aus der Kokosnussschale Entspannung bringen soll. Diese Kokosnuss ist es dann auch, die Julia (Angelika Fornell) in einer Hamlet-Reminiszenz als Vanitas-Symbol fixiert. Oder steht die Kokosnuss doch eher für Robinson Crusoe, den Einsiedler, der Romulus so gerne wäre?

Zwar macht die Inszenierung zusammen mit einem Programmheft-Text der Dramaturgin Sonja Bachmann durchaus Interpretationsangebote: Das römische Imperium als Konzern, der nach der Logik des "too big to fail" gar nicht untergehen kann; alternativ als krisengebeutelte EU der Gegenwart mit den eindringenden Germanen als "Fremden", die als Projektionsfläche für so ziemlich alles, von Bedrohung bis Heilsbringer, herhalten müssen; Romulus als moderner Anti-Held und Faulpelz, dem neo-liberale Arbeitsverhältnisse wie Selbstoptimierungswahn bewundernswert fremd sind. Aber diese Ansätze bleiben in einem äußerst werktreuen Umfeld Ansätze, als solle sich die Zuschauerin die vielversprechendste Lesart selbst aussuchen. Die Kritikerin plädiert für ein wenig mehr Entscheidungsfreude.

Romulus der Große
Regie: Matthias Kaschig, Bühne: Michael Böhler, Kostüme: Stefani Klie, Musik: Tobias Vethake, Dramaturgie: Sonja Bachmann.
Mit: Gerd Zinck, Angelika Fornell, Dorothea Lata, Nikolaus Kühn, Lutz Gebhardt, Andreas Jeßing, Bardo Böhlefeld, Ronny Thalmeyer, Gabriel von Berlepsch.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Kritikenrundschau

"Der aktuelle Bezug zur Gegenwart, zum Staatengebilde Europa, dem derzeit die eigenen Fliehkräfte mächtig zusetzen", springe förmlich ins Auge, meint Karola Hoffmann im Göttinger Tageblatt (25.1.2016) über die Romulus-Inszenierung von Matthias Kaschig.
Gerd Zinck in der Rolle des Romulus lege "einen tollen Ritt auf der Rasierklinge hin. Charismatisch und mit leichter Hand zieht er die Fäden. Und das Ensemble um ihn herum begleitet ihn mit viel Fingerspitzengefühl auf diesem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik."

Ein*e online nicht benannte*r Autor*in meint in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (25.1.2016), dass Kaschig "das Stück mit entlarvendem Humor umgesetzt" habe und "zur Erheiterung der Zuschauer mit der Tücke von Vorurteilen und Klischees" spiele. Die Inszenierung gehe "vom komödiantisch geprägten ersten Teil in ernstere Töne über, als die Hintergründe für Romulus' seltsames Verhalten klar werden." Wie Gerd Zinck die "vorgetäuschte Weltfremdheit in seiner Mimik verliert und eine moralisch-ernsthafte Note dazugewinnt", sei überzeugend. "Eine gelungene Aufführung mit Wiedererkennungswert."

 

 
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