Ursprung vieler Schrecken

von Willibald Spatz

München, 24. Januar 2016. Ein Held, der auch nach 3000 Jahren nicht seine Faszination einbüßen will, braucht Widersprüchlichkeiten, die dazu reizen, seine Geschichte immer wieder in aktuellen Kontexten zu betrachten. Odysseus hat am Beginn seiner Irrfahrt schon einiges hinter sich: den zermürbenden, zehnjährigen Krieg um Troja, an dessen Beendigung er wesentlichen Anteil hat. Er hat einiges geleistet, er hat den Sieg errungen, an seinen Händen klebt aber auch Blut.

Der Odysseus, den Sebastian Wendelin im Münchner Volkstheater spielt, ist davon überhaupt nicht müde. Im Anzug segeln seine Gefährten und er daher – sie halten sich an Eisenstangen fest – und versuchen frech, sich die Kikonen zu unterwerfen, das erste Volk, auf deren Insel sie landen bei ihrer Heimfahrt. Das Unternehmen misslingt, sie holen sich ein blutige Nase und ziehen weiter. Wobei, blutig ist in Simon Solbergs Inszenierung nichts, Körperflüssigkeiten werden ersetzt durch Konfetti. Die Freier  werden am Ende mit Wasser aus Plastikflaschen erledigt. Bei der Blendung des Zyklopen schmiert dieser sich schwarze Farbe über die Augen. Alles ganz harmlos, wobei Jean-Luc Buberts Gesicht, groß auf eine Plastikfolie projiziert, durchaus eine gewisse Monstrosität besitzt, die allerdings durch eine Helge-Schneider-artige Sprechweise wieder verniedlicht wird.

Vom Trojanischen Krieg bis zum dritten Golfkrieg

Zunächst ist hier ein flotter Best-of-Ritt durch Homers "Odyssee" zu erleben. Die Übersetzung von Johann Heinrich Voß wurde aufs Wesentliche gekürzt, die Rollen aller anderen Figuren auf vier Schauspieler verteilt. Die Hauptrequisiten sind neben dem Konfetti Plastikfolien, Nebelmaschine und Eisenstangen, hin und wieder regnet es Geldscheine vom Himmel. Simon Solberg erzählt elegant und kurzweilig. Man spürt förmlich das Meerwasser im Gesicht, wenn sich die Gefährten bei Sturm an den Ruderstangen festhalten, und den Irrsinn des Rauschs nach dem Konsum der Früchte auf der Insel der Lotophagen. Dialog-Passagen wechseln sich mit erzähltem Text ab, häufig kommt das Mikrofon zum Einsatz. Der Mythos kommt daher wie ein gut durchchoreografiertes Rockkonzert und bestimmt nicht leiser als ein solches.

Odyssee2 560 ArnoDeclair uEs sieht wahrscheinlich ein bisschen anders aus als zu Homers Zeiten, aber im Grunde ist das Chaos
das gleiche geblieben. © Arno Declair

Dieser Odysseus ist ein skrupelloser Hallodri, dessen Zielen sich alles und jeder unterzuordnen hat. Immer wieder erscheinen Landkarten und Videos an den Seitenwänden, die Schauspieler schreiben mit Kreide Konfliktherde der Weltgeschichte an diese Wände, beginnend mit dem Trojanischen Krieg und endend mit dem dritten Golfkrieg. Nein, es fällt überhaupt nicht schwer, in dieser Figur aktuelle Züge zu entdecken. Odysseus nimmt sich, was er will, die anderen sind egal. "Lasst uns von den Käsen nehmen, aus den Ställen die Lämmer und Zicklein wegtreiben und wegschleichen, hurtig zu unserm Schiff, und über die salzigen Fluten hinfort steuern." Er findet immer eine Rechtfertigung für sein Handeln: "Wir mussten halten und aufs feste Land zu suchen Speis und Trank uns, da wir nicht wüssten sonst, ob wir noch lebten, bis die leuchtende Sonne am Morgen wiederkehrt."

Wozu kämpfen?

Erst als er fett auf Kirkes Insel liegt – Sebastian Wendelin hat sich Plastikfolie unters Hemd geschoben – kommt er zum Nachdenken, beginnt er Verantwortung zu übernehmen für seine Begleiter, und die Inszenierung wird ruhiger, verliert das Überdrehte. Die Begegnung mit den gefallenen Helden in der Unterwelt hat fast etwas Getragenes, obwohl sie alle wieder recht läppisch mit Plastikfolie umhüllt sind und Lichtschwertern ähnelnde Leuchtröhren mit sich tragen. Odysseus verliert alle seine Freunde, er wird zu Hause an Land gespült und betritt seinen eigenen Palast als dreckverschmierter Bettler. Die dort im Dollarregen Feiernden verhehlen erst gar nicht, dass es ihnen keineswegs um das Werben um Penelope geht, sie wollen die Witzfigur, die einst hier lebte und zu einem sinnlosen Krieg auszog, vollends ruinieren und verhöhnen. Hier erwartet den Helden schließlich seine letzte Erkenntnis. "Wir haben Troja nie besiegt, sondern Troja uns. Wir bekämpften Trojas Schrecken und waren selber doch der Ursprung vieler neuer. Wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten beieinander sitzen und Ruhe haben." Danach ist alles schwarz.

Gerade mal 80 Minuten braucht Simon Solberg für die ganze Geschichte. Sein Anspruch ist es keinesfalls, die "Odyssee" in ihrer ganzen Tiefe auszuloten. Doch sein beherzter Zugriff ist in sich völlig schlüssig. Die gedanklichen Kurzschlüsse in die heutige Zeit zeigen, wie viel Relevanz dieser alte Stoff noch besitzt und wahrscheinlich in 3000 Jahren immer noch haben wird, wenn es dann noch Menschen gibt.

Odyssee
nach Homer, Übersetzung: Johann Heinrich Voß
Regie: Simon Solberg, Bühne: Markus Pötter, Kostüme: Claudia Irro, Musik: Michael Gumpinger, Video: Joscha Sliwinski, Dramaturgie: Ole Georg Graf, Caroline Schlockwerder.
Mit: Sebastian Wendelin, Luise Kinner, Jean-Luc Bubert, Jakob Geßner, Moritz Kienemann.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de



Kritikenrundschau

"So düster die Aussage der Inszenierung ist und so überüberüberdeutlich sie mit Videoschnipseln, Landkarten und Beschriftungen auf alte und natürlich heutige Kriege hinweist, so fetzig, teils albern, teils poetisch, so spielfreudig, so Körpertheater-satt geht sie über die Bühne", schreibt Simone Dattenberger im Merkur (26.1.2016). Die Kritikerin würdigt die Leistung der Schauspieler, schränkt aber ein, dass sie "ihren Figuren wenig Individualität zu schenken" vermögen. "Das verhindert Simon Solbergs Lehrstück-Konzept." Eine Entwicklung bleibt alle Odysseus vorbehalten: "vom geschäftsmäßigen Heerführer über einen relativ fürsorglichen 'Chef' bis hin zum verzweifelt die Sinnlosigkeit Erkennenden".

"Solberg kann ja darauf vertrauen, dass man die Geschichten rund um den Listigen kennt", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2016). "Und wer sie noch nie gelesen hat, holt dies nun vielleicht nach. Schon um zu überprüfen, ob ihm der unternehmungslustige Regisseur keinen Bären aufgebunden hat. Der große Rest ist ein Diskursangebot, verpackt in 75 Minuten echtes Theaterspielen. Und das macht, wie oft bei Solberg, große Freude."

"Ungemein starke Bilder hat Simon Solberg in dieser Inszenierung geschaffen, die von einer Symbiose aus arabischen Klängen und martialischer Musik des Ingolstädter Komponisten Michael Gumpinger ideal ergänzt wird“, berichtet Hannes S. Macher für den Donaukurier (online 25.1.2016). Hauptdarsteller Sebastian Wendelin "gibt den Odysseus als Mischung aus sensiblem Kraftprotz und Furcht einflößendem Zombie ab". Das Ganze: ein "Heimkehrerdrama", als "ein actionreiches, rasant über die Bühne tobendes Körpertheater inszeniert, das vom Premierenpublikum mit tosendem Applaus bejubelt wurde".

Im Bayerischen Rundfunk (im Podcast 25.1.2016) berichtet Christoph Leibold über die "spielfilmkurze Inszenierung". Simon Solberg gelängen "mitunter ansprechende Bilder", berichtet der Kritiker und fühlt sich an einen "Comic-Strip" erinnert. Die Popukulturanspielungen seien stets Solbergs Stärke, sofern es ihm gelingt, sie mit seinem "nicht minder ausgeprägten politischen Bewusstsein kurzuschließen" und sich "nicht in Albernheiten" zu verlieren. "Im Falle der 'Odyssee' aber gehen Anspruch und Action keine wirkliche Verbindung ein." Die Deutung wirke plakativ und auf moderne Kontexte mehr schlecht als recht hingebogen.

 

 
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