Brecht goes Bowie

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 30. Januar 2016. Womöglich taugt die betuliche Didaktik des Anti-Kriegs-Dramas "Mutter Courage" nur noch als Schullektüre. Nicht nur der belehrende Impetus wirkt heute empfindlich graustichig, sondern auch die ganze Dramaturgie der nur schwerfällig in die Gänge kommenden Chronik. Die Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson am Hessischen Staatstheater kommt zwar von Beginn an groovig und bunt daher, findet aber auch ziemlich langwierig zu ihren starken Momenten.

Von Mutter Hase zur Hyäne des Schlachtfelds

Dabei hat Joséf Halldórsson einen wunderbaren Planwagen-Ersatz in Form von mit Strumpfhosen bespannten Treppenabsätzen auf einer Drehscheibe arrangiert, die auch eine Showbühne sein könnte. Sunneva Ása Weisshappel hat die Figuren dazu noch in fabelhaft fellinihafte und popstargemäße Kostüme gesteckt. Mutter Courage sieht zwar manchmal eher aus wie Mutter Hase, entpuppt sich dann aber als Kämpferin vor den Herrn, um gegen Ende auch äußerlich zu der Hyäne des Schlachtfelds zu werden, als die der Text sie apostrophiert. Ihre äußerliche Verwandlung ist aber bloß dem Fortschreiten der Geschichte geschuldet, schließlich zieht sich die Handlung über mehr als 12 Jahre hinweg. Weiterentwickeln tut sich diese Frau nicht, am Ende dreht sie wieder und immer weiter ihre Runden, immer bereit für ein nächstes Geschäft mit dem Krieg, auch wenn der ihr bereits drei Kinder und noch mehr Illusionen genommen hat.

muttercourage3 560 Andreas Etter uBarbara Dussler, Solveig Arnarsdottir, Gabriel Cazes © Andreas Etter

Sólveig Arnarsdóttir verkörpert die Wiesbadener Mutter Courage und erweist sich als Idealbesetzung für den rustikalen Muttertyp der sich durch die Wirrnisse des Dreißigjährigen Krieges plagenden Marketenderin Anna Fierling. Zu Beginn inszeniert sie sich als Zirkusdirektorin, die mit Zylinder auf dem Kopf ihrem fahrenden Volk den Takt vorgibt. Die Lieder erklingen frisch und schräg, wobei neben der Musik von Paul Dessau noch viel anderes angestimmt wird, Schmuse-Pop und allerlei Naheliegendes, zuweilen schön auseinandergenommen, zuweilen banal intoniert.

Queere Potenziale

Der Bühnenraum erinnert an einen White Cube. Weiß glänzende Wände, auf die erst Jahreszahlen aufgesprüht werden, von denen später Galgenmännchen baumeln wie von A.R. Penck. Doch bis dahin vergeht eine Ewigkeit. Wie überhaupt an diesem fast zweieinhalbstündigen Abend die stummen Pausen überhand nehmen. Im Gegensatz zu Thorleifur Örn Arnarssons wild wuchtiger Interpretation der Dreigroschenoper wirkt seine Mutter Courage seltsam lädiert und lätschig.

An den Schauspielern liegt es nicht, dass das Stück den Hintern nicht hoch bekommt. Barbara Dussler gibt die waidwunde und stumme Tochter Kattrin, Janning Kahnert den sehr heutig formulierenden Koch, Tom Gerber dreierlei tuntige Gestalten und Michael Birnbaum einen herrlich ungezogenen Feldprediger, der im Netzhemd und rosa Strümpfen hartgekochte Eier verdrückt. Wie überhaupt so manche Figur hier ihr queeres Potenzial voll ausschöpft. Brecht goes Bowie. Bloß: Prächtig ist der Abend nicht. Seine Höhepunkte bezieht er vornehmlich aus seiner mutwillig eigenwilligen Ausstattung, wobei die Schrecken des Krieges merkwürdig abstrakt bleiben. Rinnt Blut die Wände hinab, so bleibt das ein Verfremdungseffekt, der zum musealen Ambiente der Bühne passt – und das wiederum zum längst museumsreif gewordenen Stück selbst.

Mutter Courage und ihre Kinder
Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg
von Bertolt Brecht, Musik von Paul Dessau
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Joséf Halldórsson, Kostüme und Video: Sunneva Ása Weisshappel, Musikalische Leitung: Gabriel Cazes, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther.
Mit: Solvéig Arnarsdóttir, Barbara Dussler, Christian Erdt, Nils Strunk, Janing Kahnert, Tom Gerber, Michael Birnbaum, Kruna Savić.
Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

Viola Bolduan vom Wiesbadener Kurier (1.2.2016) sah "eine grelle Show (..) mit fantastischen Kostümen und wilden Kopfbedeckungen". Außerdem findet Bolduan, dass das "siebenköpfige Ensemble eine starke Eskorte für die Titelfigur abgab." Sie schreibt, dass Krieg sich immer um die eigene Achse drehen würde — ohne dass daraus Profit entstünde. Das sei bei dieser Inszenierung nicht der Fall: "Wiesbadens 'Mutter Courage' hat den (Profit) ungemein verwirrend suggestiver Bilder."  

Von einer "fabelhaften Einrichtung" spricht Andreas Precht in der Rhein-Zeitung (1.2.2016). Zug um Zug verlangsame und verdichte sich die Inszenierung zum "Kammerspiel der verletzten Seelen" – auch wenn sie sich äußerlich jedem Naturalismus verweigere und sich auf manchen Verfremdungseffekt stütze.

Den Anfang dieser "Mutter Courage" sah Grete Goetze für die Frankfurter Rundschau (4.2.2016) eher skeptisch: "Es ist zu befürchten, der Karneval samt Klamauk sei auf der Bühne ausgebrochen (..) "Ihre eigentliche Kraft entfaltet die Inszenierung erst im Laufe der Zeit, im musikalischen Miteinander, im gemeinsamen Aushalten des Zustands Krieg." Trotz "recht popkulturell(iger)" Anleihen erliegt der Regisseur laut Goetze zum Glück nicht "der Versuchung (..), das Stück in die kriegerische Gegenwart zu übertragen."

 
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