Archiv für Extremisten

von Esther Slevogt

Berlin, 2. Februar 2016. In gewisser Weise ist der höfliche Dschihadist mit dem Mittelscheitel vielleicht auch ein verhinderter Bürger, der von einem Heldenleben träumt. Wie er da so mit seinem Konfirmandenanzug vor die Kamera tritt und Deutschland droht: "Entscheidet sich das deutsche Volk für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt", spricht er freundlich aber bestimmt wie zu einem ungezogenen Kind, dem ungezogenen Kind Deutschland. Es geht um Deutschlands Beteiligung an Nato-Einsätzen in Afghanistan, damals, im Jahr 2009. Hinter dem jungen Mann glüht rot eine Art Theatervorhang.

Aber der Mann spielt kein Theater, er ist sozusagen echt und meint es ernst. Auch wenn er hier unter dem Pseudonym "Abu Talha, der Deutsche" auftritt. Abu Talha heißt eigentlich Bekkay Harrach und ist in Bonn aufgewachsen. Berühmt haben ihn vor sechs Jahren fünf youtube-Videos gemacht, in denen er allerdings nicht ausnahmslos frisch gescheitelt, sondern in den vier anderen Fällen vermummt, schwer bewaffnet und im Militäroutfit irgendwo aus Pakistan zu Deutschland spricht.

kolumne estherGefühlte Missstände

Dieser Bekkay Harach ist längst tot, umgekommen im Dschihad  irgendwo zwischen Usbekistan, Afghanistan und Pakistan, als Mitglied von Al-Qaida. Am Wochenende aber stand Harrach im Rahmen der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft wieder auf, in einem Vortrag des Regisseurs Arne Vogelgesang, der Teile eines unerschöpflichen Archivs präsentierte, in dem er Videos von Leuten aufbewahrt hat, die ihre Botschaften u.a. via youtube im Internet verbreiten.

Darunter auch Curti, der Volkstribun, der (manchmal schreiend) die gefühlten Missstände in Deutschland anprangert und dazu schon mal Shakespeare zitiert. Curti, der beispielsweise findet, dass Deutschland gar kein Staat sondern eine Staatssimulation ist. Dann ist da Ahmed, vormals Karl-Heinz, ein älterer Herr, der unter seiner weißen gehäkelten Gebetsmütze tränenreich von seiner rettenden Konversion zum Islam berichtet und sich dabei kurz mal eben auch zu Osama Bin Laden bekennt. Mit dabei ist auch Wolfgang Rettich, dessen Netzkarriere mit Gartenvideos begann, bis er feststellte, dass nicht nur sein Garten, sondern auch Deutschland zu bunt, zu artenreich ist, und seitdem seine Warnungen vor der multikulturellen Gesellschaft auf Videos im Netz verbreitet: und damit als Wutbürger im roten Wutbürgerhemd eine stetig wachsende Zahl von Klicks verzeichnen kann.

Der Kategorische Imperativ im Wohnzimmer

Es ist ein Archiv des Extremismus, beziehungsweise seiner diversesten Ausformungen und Vorkommensweisen, das Vogelgesang da hütet und pflegt. Auch wenn die Einzelbeispiele für unsereins, die sich immer noch in der gesellschaftlichen Mitte und als Normalo wähnen, eher den Charakter der Satire haben. Wie die Leute da so in ihren Wohnzimmern oder anderswo vor der Webcam sitzen und vollkommen ironiefrei und gnadenlos Kants Kategorischen Imperativ exekutieren, also gewissermaßen ihr Denken und Handeln zum Naturgesetz erheben. Ach, dieser Imperativ, der war ja mal wirklich was!

Extremisten Harrach sleDer Geist von Dschihadist Harrach oder Hamlets Vater? Während der Präsentation bei der Dramaturgischen Gesellschaft © sleVogelgesang präsentierte seine Sammlung im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem liebevollen Stolz eines Schmetterlingssammlers, der seine seltensten und kostbarsten Exemplare bei einem Schmetterlingssammlerkongress vorführt. Und wie ich da als Zuschauerin immer tiefer und tiefer hineingeriet in extremistische Abgründe und zutiefst schrullige Gedankenwelten – der Gründung des Königreichs Deutschland im Jahr 2012 in Halle hatte ich inzwischen auch beigewohnt, einer skurrilen Zeremonie mit einem skurrilen König, der sich tatsächlich für Deutschlands gekrönten Souverän zu halten schien und auch von den anderen im Video dafür gehalten wurde; es war kein Als-ob weit und breit zu ahnen – ja, da fielen mir plötzlich die aktivistischen Künstler*innen ein, die derzeit so stolz das Ruder der Theaterkunst Richtung Politisierung und Rückeroberung von Relevanzgebieten in unserer Gesellschaft lenken.

Unterm Weltverbesserungs-Label

Gehören sie nicht eigentlich auch in Vogelgesangs Sammlung? Sie, die ihre privaten kleinen Weltanschauungen so gerne auf großer Bühne präsentieren. Sind sie nicht in Wahrheit die Kehrseite derselben Medaille wie Vogelsangs (rechts)extremistische Video-Aktivist*innen? Denn alle glauben natürlich von sich, dass sie die Richtigen sind. Beziehungsweise, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Doch woher nehmen sie eigentlich diese Gewissheit? Und "richtig", was heißt das überhaupt?

Leute wie Harrach, Curti oder Wolfgang Rettich segeln ja gleichfalls unter dem Weltverbesserungs-Label – so, wie diverse Künstler*innen es tun, die Zustände anprangern und sich dabei ebenfalls als selbsternannte Volkstribune mit Auftrag zur Weltrettung präsentieren. (In der Regel ohne spürbares Konfliktverhältnis zur eigenen Position, das zum Beispiel Hans-Thies Lehmann für politisches Theater so wichtig findet.) Künstler*innen, die politisch wirksam werden wollen und deshalb keine klassischen Kunstwerke wie Theateraufführungen mehr produzieren, sondern nach anderen Formen und Formaten suchen, die sie scheinbar für weniger künstlich halten.

Doch werden sie so im Prozess der gegenwärtigen Atomisierung und Erosion von demokratischer Gesellschaft und Öffentlichkeit, für die Arne Vogelgesangs Extremistenkabinett so tolles Anschauungsmaterial liefert, nicht selbst zu Symptomen und Kollaborateur*innen dieses Prozesses, den sie befördern, statt ihn zu reflektieren? Genau das ist gerade meine Frage.

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt untersuchte diese Kolumne die Zusammenhänge von Tatort- und Theaterkritik.

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