Glückssucher im Überlebenszelt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. April 2008. Dunkel ist die Welt, unmenschlich und lebensfeindlich. Die Temperatur hat sich auf 60º Celsius eingependelt, die Sonne ist verschwunden und ins Freie kann man nur noch mit Schutzanzug. So sieht die Zukunft aus im Jahre 2175. Zumindest hat sie die Dramatikerin Anja Hilling in ihrem jüngsten Stück "Nostalgie 2175" so ausgemalt. Hilling, 2005 wurde sie zur "Nachwuchsautorin des Jahres" gekürt, hat es als Auftragswerk für das Thalia Theater geschrieben. Dort, am Thalia in der Gaußstraße, hat es Rafael Sanchez nun uraufgeführt.

Dem Schweizer Jungregisseur ist damit, das sei gleich vorweggesagt, eine traurigkomische, so fantasie- wie liebevolle, so charmante wie berührende Inszenierung gelungen. Auch, oder vielleicht sogar vor allem, durch das verblüffende Bühnenbild von Simeon Meier. Meier beheimatet die Figuren des Stücks in drei separaten, aufblasbaren Überlebenszelten, drei Mini-Reihenhäuser aus reißfester Klarsichtfolie.

Zusammensackende Häuser

Dass sich die Zukunftsmenschen darin zwar sicher, aber isoliert fühlen, ist einleuchtend. Und dass diese High-Tech-Häuser, wird die Luftzufuhr kurz abgestellt, in sich zusammensacken wie versagende Lungenflügel, lässt sie wiederum fast menschlich erscheinen. Doch der Reihe nach: In "Nostalgie 2175" versuchen drei Menschen, die sich den widrigen Lebensumständen weitgehend angepasst haben, ihr Glück und Gefühle zu finden, also einfach ihr Leben zu leben.

Pagona, Taschko und Posch heißen die Figuren und natürlich sind sie und ihre Schicksale mit- und ineinander verwoben. Pagona (Susanne Wolff), hat sich in den traumatisierten Tapetenmaler Taschko (Daniel Hoevels) verliebt. Doch weil sie ihn nicht berühren darf – "nur Luftküsse, Blicke und Gespräche, lange Gespräche" – schläft sie mit dessen Chef Posch (Peter Jordan) und wird schwanger. Ein Wunder. Denn natürliche Befruchtungen sind in Hillings Science-Fiction-Welt kaum mehr möglich und enden in 98 Prozent der Fälle für die Mutter tödlich.

Wie die Welt einmal war 

Pagona beschließt, das Kind zu bekommen und verfasst ihm eine Botschaft. In ein kleines Diktiergerät erzählt sie ihm von ihrem Leben, von der nahen Vergangenheit und von der Welt, wie sie einmal war. So pathetisch die Situation klingt, so exakt und feinsinnig sind Hillings Worte für dieses Endzeitszenario, so ironisch und frech wiederum ist Sanchez' Umgang mit dem Text der derzeit viel gefragten Dramatikerin.

Fern von gefühliger Mütterlichkeit ist dann auch Susanne Wolffs Pagona. Sie ist ein großartig schräges, schroffes Ich-will-alles-und-das-sofort-Mädchen, ist prollig und sehnsüchtig, zärtlich und brutal. Die große Liebe zum Tapetenmaler glaubt man ihr, obwohl Susanne Wolff ihren Kollegen Daniel Hoevels nahezu an die Wand spielt. Dieser sitzt als Taschko die meiste Zeit geknickt auf einem Stuhl – vorangegangene Hautverätzungen und eine Vergewaltigung machen weltfremd und menschenscheu. Zwar darf Hoevels Figur von "Teichaugen" reden und Pagona gegenüber so schöne Sätze sagen wie "Weil es nichts mehr gibt, was mich am Leben hält/ Wenn wir uns nicht wiedersehen". Doch das Gesagte verhallt allzu schnell, ohne eigene Wahrheit oder Zwischenboden.

Tapeten aus Menschenhaut 

Peter Jordan hingegen überzeugt nahezu erschreckend in der Rolle des Hawaii-hemdsärmeligen Unternehmers Posch (Kostüme: Anna Macholz). Seine Firma "Dermaplast" stellt aus menschlicher Haut Tapeten her und ist führend in der Branche. Dickbäuchig und zufrieden wirkt er schwangerer als Pagona, die er später zum unbeholfenen Strumpfhosensex einlädt.

Sanchez gelingt es, den poetisch-melancholischen und skurrilen Text (der tatsächlich mehr Gedicht ist als Theaterstück) ungeheuer spielfreudig und behutsam zugleich auf die Bühne zu übertragen. Ihm gelingen Szenen voll berührender Komik und mitreißender Fantasie, etwa wenn Pagona und Taschko durch ein kurzzeitig zugenebeltes, blau leuchtendes Plastikfolienhäuschen irren und, nur als Silhouetten erkennbar, ein Rendezvous im Badesee spielen.

Allein den Stücktitel hat Sanchez ein bisschen zu ernst genommen. Die Bühnenmusik kommt vom Plattenteller und ist dauerpräsente Jugenderinnerung. Von Serge Gainsbourg über Filmmusik aus Beneix' "Diva" bis hin zum La-Boum-Hit "Dreams are my Reality". Etwas weniger Nostalgie hätte es hier auch getan.

 

Nostalgie 2175
von Anja Hilling, Uraufführung
Inszenierung: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Anna Macholz. Mit: Susanne Wolff, Daniel Hoevels, Peter Jordan.

www. thalia-theater.de

 

Weitere Inszenierungen von Stücken Anja Hillings in dieser Saison: Mein junges idiotisches Herz am Schauspielhaus Zürich, Schwarzes Tier Traurigkeit am Schauspiel Hannover.

 

Kritikenrundschau

Auf der Seite von Deutschlandradio Kultur (2.4.2008) schreibt Elske Brault: Das Stück von Hilling lese sich auf dem Papier "sehr hübsch". Vor allem, weil ihre Männerfiguren "wie eine Metapher auf die Bedürfnisse der Autorin" wirkten: "Rückzug in die Innenwelt, in die eigene Fantasie" und "sinnliche Eindrücke, den Kontakt, das Ausleben der Lust." Regisseur Rafael Sanchez müsse aber "die Metapher als reale Figuren auf die Bühne stellen". Und es sei der "Fluch dieses Textes", dass er "Vielschichtigkeit und Zauber" verliere, wenn er auf die Bühne kommt. Das gelte umso mehr bei der Bühne von Simeon Meier, der jedem der drei Protagonisten "sein eigenes Schutzhaus aus Klarsichtfolie angefertigt" habe. So passend das Bild der durchsichtigen Wand, die stets zwischen den Bewohnern dieser unwirtlichen Zukunft steht, auch sei, "es ändert nichts daran, dass "Nostalgie 2175" sich eher eignet für ein Hörspiel."

Im Hamburger Abendblatt (4.4.2008) schreibt –itz: Ihren düsteren Blick in die Zukunft verkläre Hilling "als Märchen vom Sieg der Liebe in der Hitzehölle." Sie entgehe allerdings nicht "naiver Endzeitromantik". Die "Perspektive-Wechsel" machten den Reiz des "bizarren Botschaftsdramas" aus, ließen es andererseits "konstruiert und unwahrscheinlich wirken". Allerdings schafften es die Schauspieler, Hillings "Fantasien Wahrscheinlichkeit und Wahrheit zu geben". Susanne Wolff als Pagona neutralisiere "sentimentalen Kitsch" überzeugend durch "entwaffnende Direktheit". Peter Jordan hole aus seiner "Zyniker-Rolle ein Maximum an melancholischer Situationskomik heraus". Daniel Hoevels halte "darstellerisch die Balance". Regisseur und Schauspielern sei es zu danken, dass "Hillings fabelhaft aufgeblähtem Stück nicht die Luft ausgegangen ist."

In der Süddeutschen Zeitung (5.4.2008) freut sich Till Briegleb an Simeon Meiers "putzigen" "Luftkissenhütten", die aussähen wie "Kinderspielzeuge für Erwachsene." Mal stünden sie "fett und aufgeblasen da wie die absurden Häuser des Künstlers Erwin Wurm", dann wieder fielen sie zusammen und bildeten eine "Erstickungshülle für verzweifelte Menschen". Mit Trockeneisnebel gefüllt, taugten sie als See, und bei einer Enttäuschung des Bewohners "sackt" das Haus "mitfühlend ein wenig zusammen." – Nur ermangele es eines interessanten Stoffes. Durch seine "überkonstruierte und aggressive Metaphorik der Verletzlichkeit" erschöpfe sich das Stück in "grellen Effekten", auch weil Hilling es nicht schaffe, "ihren Hang zu phantastischen Wirklichkeitsverrückungen mit zwischenmenschlichen Konflikten zu erzählen, die mehr als heiße Luft ergeben." Die Inszenierung bemühe sich, originell zu sein, "aber den Schematismus der Figuren kann diese Unterhaltungsfertigkeit von Rafael Sanchez auch nicht ausgleichen."

Die Handlung klinge schon ein wenig überkonstruiert, "was den Science-Anteil der Fiction angeht, ist es aber gar nicht dumm", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (16.4.2008). Das Stück bestehe vor allem aus Berichten und aus den Monologen, die die Mutter an ihre ungeborene Tochter hält. Aus dem Kontrast – "was für eine schreckliche Welt das doch ist, in die das 'Baby' hineingeboren wird, und was für eine wunderbare Welt das war, in der die Filme gemacht wurden" - beziehe das Stück seine emotionale Spannung. Das Problem liege woanders: "Beim Ausloten der Gefühlslagen ihrer Figuren, der Verzweiflungen und Hoffnungen, die sie bewegen, ... fällt der Autorin kaum etwas ein." Regisseur Sanchez entfalte daraus eine "typische Theatervision, ein Spiel aus dem Geist gutgelaunter Proben." Hauptelement seien auf Simeon Meiers Bühne drei durchsichtige, doppelmannshohe und aufblasbare Plastikhäuser, "Raum für Monologe". Sanchez nehme das Stück dabei nicht ein Viertel so existenziell wie die Autorin, "was der Sache gut tut, ihr aber auch den Stachel nimmt."



 
Kommentar schreiben