Icke aufm Kopp

von Anne Peter

Berlin, 3. April 2008. Vielleicht ist es ja wie Ankommen in China. Auf der anderen Seite. Dieses Ankommen, von dem am Anfang die Rede ist. Streckenweise jedenfalls versteht man nur Bahnhof – beziehungsweise: nur Chinesisch. Also: nichts bis gar nichts.

Wirr ist das hier. Auf drei Wände sind Bilder projiziert. Schauspieler hinter weiß bespannten Rollrahmen, die am Anfang zum rechteckigen Raum zusammengestellt sind und im Laufe des Abends immer weiter bis über den Rand der in die Mitte zwischen die Zuschauer gelegten Bühnenfläche auseinander geschoben werden. Schauspieler auf der anderen Seite des Raumes, die zum gegenüber sitzenden Zuschauergrüppchen reden. Dazwischen diese weißen Wände, die die Sicht versperren. Schauspieler, die Deutsch, Englisch oder eben: Chinesisch sprechen, sich gegenseitig übersetzen.

Die erste Projektion ist sehr schön. Durch ein Aquarium mit Goldfischen hindurch sieht man die Tänzerin und Choreographin Xiao Ke, die den orange-roten Tieren hinterher schaut und ihre Bewegungen sachte aufnimmt in leichte Kopf- oder Körperbewegungen. Im Hintergrund ein Imbiss oder Restaurant, Fotos von Gerichten mit chinesischer Beschreibung. Doch nach diesem ruhigen Bild muss sich der Blick zerstreuen, entscheiden.

In China-Schachteln verloren

Man schaut hin und her, Projektionen links und rechts, Bilder von China, irgendwelche Städte, die man nicht kennt, eine Mauer, die die Verbotene Stadt umgrenzen könnte, Hochhäuser, die irgendwo stehen, dunkelhaarige Menschen, die durchs Bild laufen. Auch als Zuschauer müsste man sich wohl im Grunde erheben und um diese Installation herumgehen, aber ist das gewollt? Die meisten bleiben am Platz. Man lauscht hierhin und dorthin. Ständig zerfasert sich die Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist das ja das Prinzip des Abends "Ping Tan Tales" von Gesine Danckwart und Susanne Vincenz in den Sophiensaelen: der Versuch, die Fremdheitserfahrung erfahrbar zu machen. Wie es ist, da anzukommen, wo man nichts, kein Wort, kein Zeichen, keine Geste einfach versteht. Nur: man hat das Gefühl, diese Veranstaltung bleibe ein ewiges Ankommen und führe nirgendwo sonst hin. Sie nimmt den Zuschauer nicht etwa mit Reise-Erzählungen an die Hand, sondern lässt ihn im assoziativ ineinander geschachtelten China-Erinnerungs-Chaos stehen.

Im Jenseits der Klischee-Schneisen: ratlos 

Es ist, als kippten Danckwart und Vincenz einfach ihren Reisekoffer aus. Kein Sortieren fürs Publikum. Hier schaut ein Eindruck hervor, dort lugt der Zipfel einer Begegnung. Mehrmals sind die Autor-Regisseurin und ihre Dramaturgin nach China gereist, haben dort viel gesehen, mit vielen Menschen gesprochen. Dabei haben sie einiges jenseits der Klischee-Schneisen eingesammelt. Ja, auch ein roter Lampion wird mal geschwungen. Aber ansonsten fliegen einem vornehmlich Versatzstücke einer fremden Kultur um Augen und Ohren.

Dazwischen gibt es wenig Orientierungspunkte, an denen man sich sammeln könnte. Der Text Danckwarts (und des Ensembles) ist ein impressionistischer Textteppich, in dem alle möglichen Stimmen durcheinander gewebt sind. Danckwarts verdichtende Sprache brauchte wohl die Konzentration der Darstellung. Stattdessen treibt sie auseinander, die zusammengefügten Sprachfetzen werden zusätzlich verbruchstückt.

Zu Figuren setzen sich die Sätze nur augenblicksweise zusammen: Chinesen, die in Deutschland gelebt und dann zurückgekehrt sind. Jetzt das Schwarzbrot vermissen, also eine Bäckerei eröffnet haben. Deutsche, die in China ihr Glück versuchen. Unternehmer, Architekten, Ingenieure. Auch sie formulieren oft: Fremdheit. "Und jetzt ich icke in China, in weißer Fadheit, natürlich bin ich aufm Kopp."

China-Bild in Bewegung gebracht

Manchmal auch kann man sich selbst etwas zum stimmigen Moment zusammensetzen: So etwa, wenn sich der knisternde Elektrosound zum Technobeat steigert, dazu auf den Leinwänden Fabrik-Innenleben auftaucht und Marcus Reinhardt als deutscher Unternehmer eine Betriebsführung gibt. Die anderen Darsteller rennen derweil ums Leinwand-Geviert – ein Stück auspowernde Globalisierungswirklichkeit.

Im Programmheft wird über 30 Personen oder Gruppen gedankt, die den Macherinnen vor Ort in Beijing, Shanghai, Anting offenbar mit interessanten Informationen, Berichten, Erläuterungen, Hinweisen versorgten. Gern hätte man ein bisschen mehr daran teilgehabt, ein bisschen mehr davon erfahren. Nicht nur die Erfahrung des kurzzeitigen Auf-den-Kopf-gestellt-Werdens gemacht, ohne dass sich in diesem Kopf etwas zum Bild des fremden Landes ordnen könnte. Aber vielleicht ist es ja auch gut, dass unser China-Bild dieser Tage mal ein wenig in Auflösung gebracht wird?

 

Ping Tan Tales
von Gesine Danckwart (und Ensemble), Uraufführung
Regie: Gesine Danckwart. Dramaturgie: Susanne Vincenz. Ausstattung: Fred Pommerehn. Video: Isabel Robson. Musik: HuZi.
Mit: Kristina Brons, Mariel Jana Supka, XiaoKe, HuZi, Marcus Reinhardt.

www.sophiensaele.com

 

Kritikenrundschau

Wie die Jugendlichen in Godards Experimentalfilm "Le Chinoise" suchten auch Gesine Danckwart und ihr Team bei ihrer Theaterinstallation "Ping Tan Tales" die "sinnreiche, doppelbödige Kollision von spielerischer Reflexion und blutigem Ernst", schreibt Doris Meierheinrich in der Berliner Zeitung (5.4.2008). Die Produktion suche "die Wahrheit zwischen den Bildern. Aus Angst vor falscher Repräsentation aber geraten die Bilder selbst zu substanzlos." Die Schauspieler schafften "die Balance zwischen Ernst und Ironie kaum". "Weniger triviale Vielstimmigkeit" lasse "ein Blick ins Programmheft ahnen, in dem über 40 Chinaexperten aufgelistet sind, die die Theatermacherinnen auf ihren Reisen befragt haben. Auf die künstlerische Umsetzung dieses Schatzes muss man noch warten, darf man noch hoffen."

 
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